mir gewendet war, mich völlig zu sehen aufgehört. Sorglos, wie ein Kind den Schmetterling erjagt, und vor und neben sich nichts mehr gewahrt, den blick allein gefesselt an das Ziel, so folgte er den Schritten dieser Gräfin Buckingham, als wäre dies das einzige ihm aufgegebene. Geschäft des Lebens. Denkt Euch, dass hier zuerst jene wilde, dämonische Feindin unserer Ruhe, die Eifersucht, in mir aufstand; dass mir ein unaussprechliches Gefühl von Kälte gegen der Gräfin leuchtendes Verdienst, ein bitteres, stolzes dünkelvolles Etwas die Seele völlig trübte; denkt Euch, dass ich vergeblich Roberts Wiederkehr harrte, dass ich den wilden Buckingham, unfähig in meiner schmerzlichen Auflösung, die frühere stolze Kraft ihm entgegen zu stellen, durch mein sterbendes Stammeln zu einem kühnern Betragen berechtigte, und malt Euch dann den Zustand, worin ich bei der Rückkehr leblos meiner edlen Morton in die arme sank. Ich brachte die Nacht am rand des Wahnsinns zu. Morton erfuhr nur langsam, unter Convulsionen, die seitdem mir blieben, das eben Erlebte, und nur der Hoffnung, die sie mehr liebevoll, als klug in mir wieder zu beleben wusste, verdankte ich die Wiederkehr meines Verstandes und den Entschluss, ferner am hof zu erscheinen, ganz entgegen meiner ersten heftigen Entschliessung. Ach, ich kehrte wieder, um mit jedem Male gewisser von meinem Unglück mich zu überzeugen. Ich erhielt von diesem Augenblick nicht einen seiner holden Blicke mehr. Er ehrte mich nur mit brüderlichem Wohlwollen, während ich die glühend heisse Liebe, deren er fähig war, an ihr erkennen musste. Sie, die unter den sie umrauschenden Huldigungen kaum einen blick, ein Lächeln für den übrig fand, der, diese seltene Gunst nicht zu entbehren, doch an den Saum ihres Kleides gefesselt, verloren für die ganze übrige Welt, sich kaum der Existenz bewusst war! Meine Nächte brachte ich in Tränen in Mortons Schoosse hin, aber wenn der Tag und die Stunde erschien, wo der Hof sich versammelte, dann rief ich allen Geschmack der Mode herbei, meine nach und nach verfallende Gestalt, meine bleicher werdenden Wangen gegen den Verdacht eines Grams zu schützen. Denn gewaltig war mein Stolz erwacht. Verschmäht zu sein im Angesicht des ganzen Hofes, als verschmäht bezeichnet durch die kühnen Schritte Buckinghams, ach, selbst von Deiner zarteren Liebe und den schwermütigen Blicken meines Vaters als so bezeichnet, war es die Aufgabe, die ich mir stellte, wenigstens über meine geringe Teilnahme an dieser Kränkung keinen Zweifel übrig zu lassen. Die Ueberreizung, in die ich so notwendig kommen musste, gab mir, wenn der oft fürchterliche Schritt aus meinen Gemächern getan war, eine grössere Leichtigkeit und mehr Leben und anscheinende Heiterkeit, als wohl früher, wo ich natürlich sein durfte.
So trat die Trauerzeit ein, die auf den Tod des Prinzen Heinrich folgte. Der Hof hatte aufgehört, in Festen sich zu vereinigen, die Trauer hob jede Verbindung auf. Nur die befreundeten Familien sahen sich ohne Geräusch, und ich sah Dich in Deinem haus, aber nie mehr dort Deinen Sohn, der den Prinzen nicht mehr verliess. Doch diese Zeit gänzlicher Trennung belehrte mich erst vollständig über die Stärke meines Gefühls für ihn; denn ihn nicht zu sehen, erschöpfte all' meinen Mut. Es gab Augenblicke, wo ich mir denken konnte, dass ich das Leben eher ertragen würde, wenn ich ihn selbst als Gemahl dieser Buckingham nur sprechen könnte.
Die Trennung raubte mir all' die Energie, mit der ich mein Leiden beherrscht hatte. Es kam eine bittere, tödtende Verzweiflung über mich; in London blieb ich nur, weil dieselbe Stadt auch ihn noch umfing. So, teure Mutter, fühlte ich mich, als mir Morton den Grafen von Derbery anmeldete, der mich um eine geheime Unterredung bitten liess. Ich war so überwältigt von der Aussicht, ihn zu sehen, dass ich fast an das Auffallende dieser Bitte nicht dachte. Morton entfernte sich. Ich hörte ihn eintreten, ich blickte nach ihm hin und sank mit einem Schrei in meinen Stuhl zurück; denn aus dem blühenden, hochgefärbten Jünglinge mit dem jugendlich lachenden Antlitz war ein bleicher, ernster Mann geworden, in dessen frischen Zügen der Schmerz seine ersten Furchen gezogen hatte. Er sah mein Erschrecken, aber er liess sich auf keine Deutung ein, sondern lag im selben Augenblick zu meinen Füssen und flehte mich an, die Wünsche unserer Familie zu erfüllen und ihm meine Hand zu reichen.
Ich war sprachlos vor Erstaunen, und Liebe und Stolz kämpften hart in mir, aber nur zu wohl fühlte ich, dass Liebe ihn nicht zu mir geleitet, und ich raffte all meinen Mut zusammen, ihn von mir zu weisen. Nach diesen ersten Worten gewann ich das volle Uebergewicht meines beleidigten Stolzes, ich hielt ihm in kalten Worten seine völlige Entfremdung von mir vor, ich erinnerte ihn endlich, gesteigert in Schmerz und Zorn, an seine Liebe zur Buckingham, die der ganze Hof mit mir gesehen. O Mutter! ich glaubte, ich hätte ihn mit diesen Worten getödtet; sein Kopf sank in seine Hand, seine Figur brach zusammen, und ein krampfhafter laut entglitt seinen todtenbleichen Lippen. Dieser Anblick entriss mich all meinen stolzen Vorsätzen; ich eilte auf ihn zu, ich zwang ihn, sich nieder zu setzen. Ich hätte jetzt zu seinen Füssen sinken mögen, und was der nächste Augenblick mich hätte tun lassen, mag ich nicht bedenken. Aber er erholte sich und zeigte sich nun in