nicht allein, sondern ich ahmte bald in Wort und Zeichen einen Ernst und eine Würde nach, die mein Vater in seiner reichen natur mit einer heitern Lebendigkeit des Geistes und einer zärtlichen Empfänglichkeit des Herzens verband. Von dieser war mir nur wenig verliehen, und sie wurde daher unter seinen Eigenschaften leichter von mir übersehen, als sein Ernst und sein Stolz, der in meinem Gemüte reichern Anklang fand. Alle meine Umgebungen huldigten bald den Anforderungen dieses jugendlichen Dünkels, der mich bei der Strenge meines Karakters nie zu Bedrükkungen verleitete, die im stand gewesen wären, meinen Vater aus dem zärtlichen Liebestraum über die Vorzüge seines Kindes zu wecken. Meine teure Morton war das lindernde Prinzip. Sie liebte ich, und an ihrer zärtlichen Brust verschwand der Ernst, den ich überall fest hielt; ich ward jung in ihrer wohltätigen Nähe und lernte weiblich fühlen. Vielleicht schon damals stimmte der blosse Name des Mannes, den ich später so grenzenlos lieben sollte, mein Herz so empfänglich für Mortons weiblich heitere gespräche, denn sie, von den Plänen zu dieser Vermählung unterrichtet, bereitete in sorgloser Geschwätzigkeit mein Herz zu diesem Glücke vor. Mein Vater, der seit dem tod meiner Mutter dem öffentlichen Leben standhaft entsagt hatte, bis zu meiner Vermählung, glaubte endlich mit Deinem Gemahle, der Augenblick hierzu sei gekommen. Morton sagte mir, dass beide Familien ihre Kinder bei hof vorstellen wollten und ich den sehen würde, der in mir seine Braut zu finden hoffte. Aehnliches, obwol ferner angedeutet, sagte mir mein Vater, und ich zürnte jedes Mal dem ungestümen Schlage meines Herzens, als der stolzen Würde widersprechend, die überall zu behaupten ich mir auferlegt. Ach, nur zu bald und immer mehr ward dieser angenommene Grundsatz in mir erprobt. Wir sahen uns, nachdem ich zuerst Deinen Segen, als von der Freundin meiner Mutter, in Deinem haus empfangen, zuerst am hof. Obwol der Augenblick, wo ich zuerst ihn sah, mir deutlich ist, als wär's der gegenwärtige, könnte ich Dir doch die stürmische Gewalt nicht schildern, womit auf ewig sich dies heissgeliebte Bild in meine Seele senkte. Was ich gehofft, geträumt, geahnet, lag wie ein Schattenbild, verschmolzen mit dem ganzen Zeitraum der Jugend, den ich durchlaufen, wie leblos hinter mir. Er nahte mir, sein hold leuchtendes Auge erreichte wie ein unendlicher Wohllaut mich, wir redeten, und tausend Mal gab ich an diesem Abend ihm die Seele hin. Als bei der Rückkehr mich der Vater mit einem Segenskusse lächelnd von sich liess und Morton mir am Eingange meiner Zimmer bewegt entgegeneilte, trat sie erstaunt zurück, die arme, die ich ihr entgegenstreckte, erreichten sie nicht, denn sie schien ungewiss, ob ich es sei, und trat nun, mich zu sehen, vor meiner Umarmung zurück; aber ich suchte das liebevollste Herz, und mit einer an Triumph grenzenden Freude rief ich ihr zu: Ich habe ihn gesehen! – Welche Tage begannen nun! Ach, es waren nur wenige, aber selige Tage. – Auch Ihr teiltet wohl in älterlicher Zärtlichkeit die Bestätigung Eurer Hoffnungen. Denn nahte Robert mir auch nicht in Liebe, war ich doch die Liebste in dem weiten Kreise des Hofes ihm, und ich, so sicher ihn als mein betrachtend, ersetzte mit dem Reichtum meiner Empfindung die Lücken, die damals sich schon hätten finden lassen. Da rief der König die Familie seines übermütigen Lieblings an den Hof, und Ihr wisst, was da geschah. Aber die Qualen meines inneren blieben Euch und aller Welt geheimnis. An jenem Abend, wo die schöne Schwester des Herzogs von Buckingham am hof erschien, geschah in meinem inneren eine gewaltsame und fürchterliche Umänderung. Ich kann sagen, dass meine entwicklung, gehemmt und für immer aus dem schönen Reiche sanfter, leidenschaftsloser Weiblichkeit verdrängt, den kalten Mächten wieder anheim fiel, denen die Liebe mich entzogen, vielleicht für immer entzogen hätte, wäre es mir beschieden gewesen, sie zu der ungetrübten, tugendhaften Höhe führen zu können, deren sie wert und fähig war. Aber gestört, so grausam gestört, bei so grenzenloser Hingebung, war mein charakter nicht geschaffen, in Milde diesen heissen Schmerz zu wandeln, und ich bin es mir bewusst, dass ein ganzes folgendes Leben, reich an süssem Glücke und jeglicher Befriedigung, den jähen Umsturz meiner damals keimenden besseren natur nicht wieder ins Gleiche bringen konnte.
O Mutter, wende Dich nicht von mir, rief die Herzogin hier in Tränen der sichtlich erbebenden mütterlichen Freundin zu, und zürne nicht, dass ich Dich zum Beichtiger meines ganzen Lebens mache. Das Andenken dieser Tage, ja, das nie vordem Geschehene, dass meine Lippen zur Entüllung ihrer Leiden sich öffnen, reisst mich mit sich fort, dass ich, so innig Dir vertrauend, so nie von Dir zurückgeschreckt, nicht mehr verhindern kann, zu sagen, was mir in trauriger erkenntnis meiner selbst nur zu oft zur schmerzlichen Gewissheit wurde.
Kaum hatte diese Schönheit sich gezeigt, so sah an meiner Seite ich an Robert die wirkung, die bald Allen kein geheimnis blieb. Ach, der mich durch sich gelehrt, was Liebe sei, liess jetzt an sich dasselbe mich erkennen, von einer Andern eingeflösst, was ich in jeder Beziehung allein von ihm zu fordern berechtigt schien! Ich kam nach einem kurzen Wehe namloser Schmerzen schnell zur überzeugung, dass ich verloren sei, dass der, den ich noch wenig Stunden früher mit jubelndem Entzücken mein Eigentum genannt, von