, ihrem Sohn auch nur einen Schatten von Hoffnung für diese Verbindung gelassen zu haben; sie glaubte sich dem Elende einer Entdeckung ihres Geheimnisses nahe gebracht, und rief in fieberhafter Angst Gott auf ihren Knieen um Beistand an und um Herbeiführung eines Ausweges. Tränen sandte ihr vorerst Gott, und als diese ihr banges Herz erleichtert, stand auch der rettende Engel, den Gott gesandt, ihr zur Seite. Sie hob den Kopf empor, sich von ihren Knieen zu erheben, und stand vor ihrer ehrwürdigen Schwiegermutter, die, von ihr ungehört, das Zimmer während ihres heftigen Weinens betreten und, über den Zustand, worin sie die Herzogin sah, erschrocken, so eben sich ihr genähert hatte.
Die Herzogin fuhr zusammen, und dann mit einem so überspannten Ausdruck zurück, dass ihre starren Augen zu fragen schienen: Bist du ein Mensch? Ach, bist du der Ausweg, um den ich Gott anrief? seufte ihr Herz, und sogleich wiederholten es auch ihre Lippen, und vor der alten Herzogin aufs Neue niedersinkend, rief sie wie begeistert: Du bist es, ja, Du bist es! Dich sendet mir Gott, vor Dir soll ich mein Herz von seiner erdrückenden Bürde befreien, Du bist der Ausweg, den er mir sandte; in Deiner reinen Seele wird sich das Rechte vom Unrechten scheiden, und was sein muss, wird meine ratlose Seele von Dir erfahren. – Sie sprang zugleich mit einer Heftigkeit auf, welche dem krankhaften Zustande zu widersprechen schien, in dem sie sich befand, und war bemüht, ihre erstaunte und bekümmerte Schwiegermutter zu einem Ruhebette zu ziehen, auf dem sie sich sogleich mit einer Hast dicht neben ihr niederliess, welche von der regellosen Aufregung ihres inneren zeugte.
Die alte Herzogin war ihr willig in all' ihren stummen Anordnungen gefolgt, aber die Besorgnisse, die dies seltsame Verfahren ihr gab, raubten ihrem stets gegenwärtigen geist dies Mal die Leichtigkeit, sich in lindernden Worten auszudrücken. Sie fühlte sich unfähig, einen Eingang zu dem Vertrauen zu finden, das die geliebte Leidende mit einer rätselhaften Angst und Uebereilung ihr zu schenken bereit schien, und sie blickte bloss, in unendliche Liebe und das tiefste Mitgefühl aufgelöst, in die zerstörten Züge der Herzogin. Diese schwieg ebenfalls noch; dicht neben der mütterlichen Freundin sitzend, ihre hände zwischen den ihrigen drückend, die von Tränen geschwollenen Augen an den Boden geheftet, schien sie von eigenen Gedanken noch zu überfüllt, um reden zu können; sie schien in sich vor allen Dingen die Ordnung herstellen zu wollen, die ihr nötig war.
Sie hob endlich die Augen zu ihrer Schwiegermutter auf, und ward durch einen blick in dies liebevoll besorgte Antlitz wie von jeder Qual befreit und in die arme gezogen, die sich ihr so mütterlich öffneten. Höre mich erst, seufzte sie dann, ehe Du mich töricht schiltst; aber höre mich! Länger kann ich die Qual dieses Geheimnisses allein nicht tragen, ich bedarf auch Deines Beistandes, und Du hast ja fast dasselbe heilige Interesse, wie ich selbst, geheim zu halten, was ich Dir sagen muss. Aber dennoch, setzte sie bang und flehend hinzu, dennoch kann ich nicht eher das mir getane Gelöbniss ewiger Verschwiegenheit brechen, ehe Du nicht grossmütig Dich meiner Angst erbarmst und mir heilig gelobst, das, was ich Dir sagen muss, als unverbrüchliches geheimnis in Dir zu bewahren, so, als hätte Dich nie eine Ahnung davon erreicht.
Alles gelobe ich, was Dich, mein armes Kind, beruhigen kann, sagte schnell die bekümmerte alte Dame, und bin gewiss, Du wirst mir nun ohne sorge vertrauen und mich die Bürde mit Dir tragen lassen, die Dich so grausam zerstört. O eile, geliebtes Kind, Dein Herz zu erleichtern, und Gott wird mir Kraft verleihen, Dir eine wahrhafte Stütze zu sein.
Ach, seufzte die Herzogin, wie weit in die Vergangenheit muss ich zurückgehen, denn wie sehr ist das, was ich Dir sagen will, in das Gewebe meines ganzen Lebens mit einem unabgerissenen, mir allein stets sichtbaren Faden verflochten. Wie hat es mit seinem stillen und doch unläugbaren Dasein mir den Mut zur Klage, wie zum völlig reinen Genusse des Lebens geraubt! O, wie tief fühle ich seinen Einfluss auf mein ganzes Wesen, wie liess es in mir die Fehler ergrauen, von deren Dasein ich zu meiner Qual mir stets bewusst blieb, während ich ihnen doch die herrschaft wieder gönnte, die mich zu verhärten schien gegen die geheimen Schmerzen dieser Brust. Mutter, wenn es ein Frevel werden kann, ein menschliches Wesen zu sehr zu lieben, so hab' ich ihn vielleicht begangen; aber, den ich so über alle Grenzen hinaus liebte, – es war Dein Sohn, und an Deinem Herzen rufe ich um Nachsicht.
Du weisst, dass mein verehrungswürdiger Vater nach dem tod meiner Mutter das zehnjährige Mädchen ganz in seine Obhut nahm, nur Mistress Morton blieb mir als weiblicher Schutz zur Seite, und sie war, obgleich noch jung und schön, doch nur in der Liebe zu mir lebend, allen den Pflichten vollkommen gewachsen, die mein Vater ihr mit vollständigem Vertrauen übertrug. Wir teilten jede Stunde, die ich entfernt von meinem Vater lebte, aber dem früh vereinsamten mann war es süsser Trost, das einzige Andenken seiner Liebe um sich zu haben, und meine Tage schwanden in dem Studirzimmer des Vaters hin in wortkarger Einförmigkeit. Der Ernst dieses Lebens widerstrebte jedoch meiner Sinnesart nicht; ich fügte mich