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, die stets ein wahrhaft schönes Bild dieser reinen Empfindung darstellten.

Es sei so, sagte die Herzogin sich empor ringend, und es mag Zeit sein, den Gedanken ihr Ziel zu setzen, die mich ergreifen wollen über den geheimnissvollen Einfluss, den dieser Freund meines Gemahls auf ihn ausübte. Denn ich darf ja jetzt am wenigsten vergessen, dass die Stelle leer ist, die er zum Schutz und zur Leitung seiner Familie so würdig einnahm, und, setzte sie leiser hinzu, vielleicht sollte ich schon jetzt die Güte Gottes erkennen, die wenigstens sein Herz vor dem Schmerz bewahrte, der mir in der Verirrung meines Sohnes droht, – ach! welch' ein Schmerz wäre das für ihn geworden!

Ihr blick voll düsterer Melancholie traf hier Graf Archimbald, der trotz aller zarten Teilnahme, die ihm bis dahin gegen die edle Leidende so natürlich gewesen war, dennoch den Schmerz seiner Schwägerin über die Ansichten ihres Sohnes etwas übertrieben finden musste. Sie gewahrte augenblicklich diese Gedanken, wenn auch fast unmerklich in seinen Zügen ausgedrückt, und wider ihren Willen rief sie wie überwältigt aus: Ich gelte Euch so eben als eine Törin, die, den Anforderungen ihres Schicksals nicht gewachsen, sie phantastisch vergrössert, ihr Unvermögen damit zu verhüllen; aber könntet Ihr die Grösse dieses Schmerzes so durchschauen, wie es mir aufbehalten war, Ihr hieltet mich nicht für ein allzuschwaches Weib.

Und dessen seid in jedem Fall gesichert! Ihr habt mir eben durch Eure verehrungswürdigen Mitteilungen eine Lehre der Mässigung in Bezug auf die Geheimnisse Anderer gegeben, die Euch zu hoch in meinen Augen stellt, als dass Ihr sie nicht gegen Euch zuerst befolgen möchtet. Aber vergesst nicht, dass es der Bruder Eures Gemahls ist, der stets mit allen seinen Kräften Euch zur Seite bleibt, und dem Ihr vertrauen dürft, wie der es tat, den ich mit Euch so schmerzlich vermisse. –

Der starke Mann zollte hier einen Augenblick dem tief verschlossenen Gefühl seiner Brust einen ehrenvollen Tribut, aber er kürzte gern solche, ihn stets überraschende Momente ab, und Beide trennten sich stumm grüssend, mit dem Gefühl einer erhöhten achtung und Freundschaft.

Weniger genügend für beide Teile fiel eine Unterredung der Herzogin mit ihrem Sohne aus. Sie hatte nur zu viel Veranlassung, der Menschen-Kenntniss des Grafen Archimbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seine Befürchtung wegen der hartnäckigen Entschlossenheit sanfter Gemüter, die durch Leidenschaften in ihren Empfindungen erhöht sind, zu teilen. Es ward ihr manche, bis dahin noch vorentaltene Kenntniss der Grenzen älterlicher Macht über die Gewalt individueller Empfindungen, der Ohnmacht des Willens und der Bitte bei anders Fühlenden. Ihre Lage war um so drückender, da ihr nicht vergönnt war, mit der vollen Kraft der Wahrheit zu ihm zu reden. Denn wiewol glühend überzeugt von der Unmöglichkeit der Sache, musste sie es sich doch versagen, ihren Sohn durch dieselben Gründe zu überzeugen, welche in ihr dies Resultat hervorgebracht. So blieb ihre Lage ihm gegenüber von der Halbheit beschlichen, die kräftige Gemüter um so tiefer verletzt, je nötiger ihnen stets in Rede, wie in Tat jene rechtfertigende Consequenz ist, wovon sie sich des oft geprüften Erfolges gesichert wissen. Sie sah ihren Sohn dadurch, dass er seine volle Seele in Wahrheit und ohne allen Rückhalt vor ihr entlud, in einem ihr nachteiligen Vorteil über sich, und musste auch das sonstige Uebergewicht ihres Verstandes vor ihm einbüssen, da sein ganzes Wesen, in Liebe erhöht, seinem geist eine Glut und Kraft der Combinationen verliehen hatte, die dem kindlich schlummernden früheren Zustande nicht mehr gleich kam.

Ein für die Herzogin namenlos schmerzliches Gespräch mehrerer Stunden hatte sie um nichts ihren Wünschen näher gebracht. Es war noch immer der liebevolle, ehrende Sohn, der treffliche Mensch, aber zugleich ein zum ersten Mal im Leben Wollender, unterstützt in diesem Willen von der ganzen Ueberredungsgabe eines zuerst liebenden Herzens. Dagegen schien die Herzogin wenig Anderes als Vorurteile und Stolz in die Waagschale legen zu können, und gegen das Ende dieser qualvollen Unterredung musste sie entmutigt sich das ihr so neue geständnis machen, sie sei sich selbst hier nicht genug und ihr Einfluss auf ihn nur noch bedingt.

Sie hatte nur die Versicherung von ihm erlangt, dass er sein Gefühl der Gräfin verschweigen werde, bis die Familie Dorset mit schonender achtung entfernt sein werde, und bei dieser Bitte fand sie den Sohn so nachgiebig, so durchdrungen von den Anforderungen der Ehre und Wohlanständigkeit, dass sie ihm nicht einmal zürnen konnte, sondern ihn seiner edlen Erziehung vollkommen entsprechend finden musste. Der Herzog verliess endlich seine Mutter mit weit mehr Hoffnung, als er nähren durfte. Denn er hielt ihren fast erschöpften Zustand für Nachgiebigkeit in seine Wünsche, und für ihn lagen alle Schwierigkeiten allein in der möglichen Beleidigung der Familie Dorset.

Zu einer milden Ausgleichung dieses Punktes hoffte er seine geliebte Grossmutter zu bestimmen und vertraute diese Absicht auch der Herzogin, von der er so kindlich liebevoll schied, dass die Tränen der zärtlichen Mutterliebe über das schöne Gesicht des knieenden Jünglings flossen. Aber kaum war er ihren Blikken entschwunden, so rang sich die klarheit ihres Geistes aus der weichen Betäubung empor, worein ihr Herz sie verstrickt hatte, und der jähe Schmerz, den ihr der Ueberblick der wirklichen Lage der Sache gab, erschien ihr jetzt um so schrecklicher, da die Unterredung, von der sie so viel gehofft, vorüber war und sie sich sagen musste, sie sei dadurch eher zurück, als dem Ziele näher geschritten. Sie machte sich in ihrer Heftigkeit selbst die bittersten Vorwürfe