Gedanke wendete sich auf Richmond, diesen letzten Hafen, in dem sie Ruhe und Schutz hoffte, diesen Balsam auf die brennenden Wunden ihres Herzens. Es schien ihr gewiss, ihm musste etwas begegnet, auch in ihm sie noch verwundet worden sein, und sie blickte in die gänzliche Trostlosigkeit dieses abgeblätterten Daseins fast mit Genuss; mit dem Genuss, den dann die Gewissheit des Untergehens noch im stand ist zu gewähren. Graf Archimbald hinderte sie aufzustehen, er schob ein Tabouret an ihre Seite; er sah ihr verändertes Gesicht, er fühlte, dass sie litt, und er konnte nicht annehmen, dass das, was er kam ihr zu sagen, sie ruhiger stimmen werde; aber diese Wahrnehmungen gaben ihm die Güte und Wärme des Gefühls, die ihn seine Worte bedenken liess.
Sagt es schnell, Mylord, ich bin auf Alles gefasst, sagte sie tonlos und kalt, und vernehme lieber das Unvermeidliche ohne alle Einkleidungen.
Ich kann allerdings annehmen, dass Ihr schon längst eine Ahnung von dem habt, was ich gesandt werde Euch mitzuteilen, erwiderte der Lord, doch bitte ich Euch dringend, Euch nicht so davon zu erschüttern, vielmehr den Anteil vorwalten zu lassen, den Euch die Wünsche Eures Sohnes, die an sich nichs Unwürdiges und Euch Kränkendes entalten, einflössen dürfen. Ich muss allerdings mich als überrascht bekennen; denn ich kann nicht leugnen, dass ich die Verbindung zwischen Robert und der Lady Anna Dorset für entschieden hielt.
Und was, Mylord, rief die Herzogin und richtete sich heftig empor, was hat diese überzeugung, die ich mit Euch teilte, was hat sie in Euch geändert?
So sehe ich also, sagte Graf Archimbald, dass ich mich irrte, indem ich Euch auf die Wünsche vorbereitet wähnte, die allein jetzt noch Euern Sohn erfüllen, und welche die Gräfin Melville zur ausschliesslichen Besitzerin seines Herzens erhoben. Ein dumpfer Schrei der Herzogin war ihre Antwort, sie sank sogleich leblos zusammen, und wahrlich unter wenig glücklichen Umständen. Denn der Graf fühlte sich höchst verlegen. Die sorge abgerechnet, welche ihm die heftigen Gemütsleiden seiner edlen Schwägerin gaben, wusste er sich wenig bei solchen Zufällen zu helfen und betrachtete daher die Ohnmächtige einige Augenblicke in der Hoffnung, sie werde sich erholen. Als er sich hierin aber getäuscht und nun zur Tätigkeit aufgefordert sah, öffnete er die hohen Fensterflügel und überliess dem Strom der Luft das Wiederbelebungsgeschäft, da er einmal entschlossen war, diesen Zustand nicht zur Kenntniss eines Andern ausser ihm selbst kommen zu lassen.
Er hatte sich auch nicht getäuscht. Die Herzogin fuhr zuckend aus ihrer Ohnmacht empor; ihr Auge streifte wild umher und blieb an Graf Archimbald haften, indem hiermit alle die traurigen, abgerissenen Gedanken zurückkehrten, womit sie sich gezwungen sah ihren Geist zu beschäftigen, so sehr sie sich dagegen sträubte. Sie winkte, die Fenster zu schliessen, und, wohl ahnend, was geschehen, dankte sie in der Stille dem Grafen für seine kühle Beharrlichkeit bei ihrem Zustand, wodurch dieselbe einer grösseren Aufmerksamkeit entzogen geblieben war.
Sagt mir jetzt, hob sie leise an, was ist geschehen? Was seid Ihr gekommen mir zu sagen? Ich bin gefasst, auch das Härteste zu vernehmen.
Ich kenne Eure Ansichten nicht genug, verehrte Schwägerin, um zu wissen, in wiefern Euch meine Mitteilungen beunruhigen mögen; daher muss ich mich auf den Bericht der Tatsachen beschränken und nur wünschen, dass es Euch bald gelingen möge, die bessere Seite daran hervor zu heben. Robert liess mich um eine Unterredung bitten und erklärte mir, dass er entschlössen sei, der Gräfin Melville seine Hand anzubieten, da sie seine ganze Zuneigung besitzt, und er sei in der Absicht zu mir gekommen, für die nun folgenden Schritte Rat und Beistand von mir zu erbitten, da ihm allerdings nicht entgehe, wie die Angelegenheit mit der Familie Dorset von einigen Schwierigkeiten begleitet sein möchte.
Ich gestehe, Mylord, hob nun die Herzogin an, dass der Grad von Erstaunen, den mir Eure Erzählung erregt, fast dem Unwillen gleich kommt, womit sie mich erfüllt. Doch wird dies Alles übertroffen von dem gekränkten mütterlichen Gefühl, Euch, Mylord, an der Stelle zu sehen, die einzig nur mein Sohn einnehmen durfte, hätte diese unselige leidenschaft nicht, wie es scheint, jedes bessere Gefühl in ihm ersterben lassen. Wo und wie ich anfangen soll, meinen Tadel über das Vergangene auszudrücken, bin ich verlegen. Mein Sohn hat Euch zur Mittelsperson zwischen seiner Mutter und sich gewählt. So geht denn und sagt ihm, nie wird ihm meine Einwilligung zu dieser empörenden Verbindung zu teil werden. Ich werde sie zu hindern suchen mit aller Macht und allen Kräften, die Gott und Menschen in meine hände gelegt haben, um Schande und Verderben von einem haus abzuwenden, dessen Ehre ich berufen scheine noch länger aufrecht zu erhalten, da die, denen sie zunächst anvertraut ward, wenig mit ihren hohen Anforderungen bekannt scheinen.
Graf Archimbald eilte nicht, sie zu unterbrechen. Einige etwas zu stark aufgetragene Aeusserungen abgerechnet, fühlte er ihren Unwillen natürlich und wohlbegründet; er konnte sogar nicht läugnen, dass sie schneller auf den wahren Standpunkt gelangt sei, als er, da er, mit ganz anderen und öffentlichen Dingen beschäftigt, in grosser Zerstreuung seinem Neffen zugehört und, von dessen jugendlichem Ungestüm überjagt, keinesweges die Umstände so scharf erfasst hatte, um darin etwas Ehrenrühriges für das hohe Haus oder Beleidigendes für das Herz der Mutter zu entdecken. Nichtsdestoweniger hielt er es für unzweckmässig