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dieser schmerzlichen Seligkeit gefühlt, musste wohl sagen, die Stunde des jungen Mannes habe geschlagen. Mit der tiefsten Erschütterung musste seine Mutter endlich sich das geständnis hierüber machen. Sie sah sich hier in ein Labyrint verstrickt und so unerwartet, dass ihr Geist den Sorgen zu unterliegen begann, die sich um sie her türmten, und die sie allein tragen musste; denn jeden Tag erschwerte sie sich ihre Bürde durch das innere Gelübde, in keinem Falle durch Kundgebung der Wahrheit eine Entscheidung zuzulassen.

Ob Graf Archimbald, der wenigstens aus Beobachtung das Gefühl der Liebe kennen musste, es bei seinem Neffen erriet; ob sein Schweigen die Klugheit war, mit der man den taumelnden Nachtwandler nicht anruft, hoffend, er finde ohne diese erschreckende hülfe wohl besser den Rückweg; ob es überall Gleichgültigkeit gegen Herzens-Affectionen war, – wer konnte das bestimmen! Er bekam reichlich Briefe von Richmond, schrieb viel und eifrig diesem zurück, und seine allgemach aufsteigende Verstimmung konnte leicht politischer natur sein, da man sehr wohl wusste, dies sei doch eigentlich der Kern seines Lebens.

Nur die alte Herzogin und der Gegenstand, der alle diese Sorgen veranlasste, die junge Gräfin Melville selbst, schienen an alles das nicht zu glauben. Die Herzogin hatte die idee aufgefasst, ihr Enkel liebe Anna Dorset. Wie dabei noch von einem zweiten, gar stärkeren Gefühle die Rede sein könne, begriff ihr reines Engelherz nicht, und was sie sah, glaubte sie auf Rechnung der ausgezeichneten Persönlichkeit eines Mädchens setzen zu müssen, der sie sich selbst ganz ergeben fühlte, und welcher der Herzog als Herr des Hauses allerdings Beweise der höchsten achtung schuldig schien.

Doch entging ihr die überhandnehmende Missstimmung ihrer Schwiegertochter nicht, und es trübte ihre sonstige Heiterkeit, sie von Sorgen bewegt zu sehen, die sie mit Niemand teilen zu wollen schien. Die Gräfin Melville dagegen war das vollkommenste Bild eines jungen unschuldigen Mädchens und eines ganz freien Herzens; sie sah sich überall von der zärtlichen Aufmerksamkeit des Herzogs umgeben und erstaunte oft selbst, wenn er ihre Wünsche, ihre Gedanken erriet. Sie kannte diese Empfindungen nur aus den sehr discreten Mitteilungen ihrer Anverwandten und aus ihrer eigenen gewählten Lectüre, woraus wir doch selten dies Gefühl wieder erkennen lernen, ehe aus unserm eignen Herzen die gleichen Anklänge sich den verwandten Gefühlen, gleichsam suchend, entgegendrängen.

Die Beobachtungen, welche die jüngere Herzogin unablässig anstellte, und welche ihr immer die vollkommene überzeugung von der Herzensruhe der Lady Maria gaben, trösteten sie zwar etwas, aber sie hätte gewünscht, es wäre die Kenntniss seiner Neigung damit verbunden gewesen, denn sie wusste, dass dies sich immer gleich edel und liebenswert zeigende Wesen alsdann in ihrem Betragen gegen den Herzog Manches geändert haben würde.

So aber legte sie ihm die Dankbarkeit, die er ihr einflösste, mit einem so unschuldigen freundlichen, oft innigen Betragen an den Tag, dass der junge Herzog dadurch nur höher erregt ward und, von den süssesten Hoffnungen belebt, seinen Empfindungen bald keinen Zwang mehr auferlegte. Dazu kam, dass die Gräfin, seit der letzten Unterredung mit der alten Lady, sich einer wehmütig ernsten Stimmung nicht mehr erwehren konnte, und die holden Zeichen früheren jugendlichen Frohsinns immer seltener ein Uebergewicht über die milde, aber tiefe Wehmut ihres Herzens geltend zu machen vermochten.

Welch' eine reiche gelegenheit für ihren jungen zärtlichen Verehrer, Alles anzuwenden, die Stimmung zu verscheuchen, die den zarten Rosen ihrer Wangen das Leben zu kosten schien. Es gelang ihm oft, dies unbefangene, lebhaft und tief fühlende Wesen, welches ihren Kummer nicht mit kränklichem Eigensinne festzuhalten strebte, zuweilen zum jugendlichen Frohsinn zu erwecken; deshalb war sein Bemühen darum auch unablässig.

An jenem Morgen hatten die beiden Herzoginnen und Graf Archimbald so eben Briefe empfangen, und waren beschäftigt, sich mit dem Inhalt bekannt zu machen. So störte nichts das Gespräch, welches der junge Herzog mit Lady Maria angeknüpft hatte, und worin er mit einem übervollen Herzen die tiefe, sehnsüchtige Zärtlichkeit desselben für sie auszudrücken strebte. Er sagte ihr, dass er Pläne für den Park gefunden habe, zu Erweiterungen und neuen Anlagen um den See her, die sein Vater für die Arbeit dieses Sommers bestimmt gehabt; dass er die Arbeiter dortin bestellt, und sie bitte, an Ort und Stelle diese Pläne zu besichtigen, da er sie ganz nach ihrem Geschmacke einrichten möchte und sie vielleicht Einiges zu ändern wünsche. Lady Maria willigte zwar ein, mit Arabella und Lucie dahin zu gehen, aber sie sagte ihm unbefangen, dass, ihr Urteil darüber gelten zu lassen, wohl in keiner Art ihr wünschenswert sein könne, da der Plan seines Vaters ihm sicher heilig sein müsse und ihr Geschmack in dieser Rücksicht ganz ungeprüft sei. Ach, Mylord! setzte sie schwermütig hinzu, wie habt Ihr mir mit Euern freundlichen Worten doch nur zu sehr verraten, wie Ihr meine Lage anseht! Deuten diese Pläne, in die Ihr mich zu verflechten sucht, nicht darauf hin, wie unbestimmt Ihr meine Zukunft seht, wie wenig Ihr glaubt, ich fände noch eine andere Heimat, als diese, die ich helfen soll auszuschmücken?

Nicht ganz lag dies in meinem Sinne, sagte der Herzog, und das Herz schlug ungestüm den entscheidenden Worten entgegen, die jetzt Raum gewonnen zu haben schienen; ich sehe der Aufklärung Eurer Verhältnisse mit der ruhigen überzeugung entgegen, dass sie nicht ausbleiben kann. Aber sollte ich darum nicht doch hoffen und heiss wünschen dürfen, Ihr suchtet nie eine andere Heimat, als diese, die