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dahinter eingefangenen Wogen der leidenschaft. Wenn auch jene Macht nur bis zu gewissen Grenzen reicht, schützt sie doch gegen die gänzliche traurige Auflösung des Individuums, welches sich immer dadurch gehalten fühlt, dass Andere ruhig das Langgewöhnte tun und an ihn selbst diese stille Forderung täglich sich erneut. Gewiss waren in diesem Falle minder oder mehr einige der bedeutendsten Mitglieder des Familienkreises in Godwie-Castle.

Verändert in ihrem inneren, verändert in ihren Beziehungen zu einander, verändert endlich in ihren Plänen und Hoffnungen für die Zukunft, finden wir die Familie nichts desto weniger um das Frühstück in der Halle ohne Ausnahme versammelt, und die wenigen Unbefangneren mussten den Uebrigen zu hülfe kommen, um sich leidlich zu zeigen und den Anschein des Frohsinns zu erhalten, der sonst hier so natürlich waltete. Wer hat nicht Aehnliches erlebt, wer kennt nicht die ernsten zerstreuten Züge der mühsam Gehaltenen, über die das Lächeln, welches sie sich abringen, wie ein Schmerz hinzieht, den blick, der eben auf nichts mit Nachdenken geheftet ist, die zerstreuten Antworten und selbst die unheimliche Lustigkeit, welche die Wunden innerlich grösser reisst und doch keine Hülle wird für den leidenschaftlich bewegten Kern des Herzens.

Die alte Lady hatte ihre Aufgabe so schön gelöst, als zu erwarten stand. Die Gräfin Melville war nun unterrichtet, dass ihr kein Oheim am hof lebte, den sie zu nennen wusste. Obwol man ihr es schonend vorentalten hatte, sie mit dem Zweifel an dem Dasein der Grafen von Marr überhaupt bekannt zu machen, da man die Antwort Master Brixtons abwarten zu müssen glaubte, so fühlte sie doch mit dem tiefsten Schmerze diese fehlgeschlagene Hoffnung, und mit einer Art von Schauder das Verlassene ihrer Lage. Doch wusste sie auch hier, nach einem warmen und gerechten Ergusse ihres Gefühls gegen die alte Lady, in dem Danke Grenzen zu finden, welchen sie für den Schutz empfand, den Gott ihr in ihren neuen Wohltätern angewiesen; und die alte Herzogin konnte nicht ohne Tränen den rührenden Brief lesen, den die Gräfin demnächst ihrem Lehrer Brixton schrieb und mit kindlichem Vertrauen in ihre hände legte.

Er trug den Stempel tiefen und zarten Gefühls. Dies musste um so wertvoller erscheinen, da ihr Verstand eine Schärfe und Consequenz zeigte, die ihrer Jugend nach unbegreiflich war. Doch erinnerte es von selber an die Erziehung, welche ausgezeichnete Personen ihr zu geben vereint bemüht gewesen waren, mit besonderer Rücksicht auf Bildung ihres Scharfblicks und ihres Urteils, wie wir das schon aus den eigenen Mitteilungen der jungen Gräfin wissen. Sie war vollkommen einverstanden mit dem Willen ihrer Beschützer, Master Brixton's Rat zu vernehmen, und hätte sie mit Graf Archimbald unterhandelt, würde sie auch um jeden Preis das Schloss aufgesucht haben, aus dem sie entflohen war. Sie wagte darum sogar eine schüchterne Bitte, welche die alte Lady aber, und vielleicht auf Kosten ihrer überzeugung, mit der Befürchtung zurückwies, dass sie dadurch dem mann verraten werden könne, der sie so gemisshandelt habe. Die kleinste Erwähnung dieser person, die sie so sehr erschreckt und empört hatte, war hinreichend, die Phantasie des armen Kindes mit tausend neuen Schrecken zu erfüllen und sie von jenem Wunsche abzuziehen.

Graf Archimbald fasste, nach der Mitteilung, die seine ehrwürdige Mutter über das Geschehene ihren beiden Anverwandten machte, eine sehr vorteilhafte Meinung von dem verstand der jungen Dame, da die alte Lady es ihr schuldig zu sein glaubte, ihre geäusserten Bemerkungen gleichfalls wieder zu geben, obwol sie damit den streitigen Punkt zwischen der Schwiegertochter und dem Sohne ungern berührte.

Doch war Graf Archimbald zu grossmütig, um sich eines erlangten Triumphes zu überheben. Er schien im Gegenteile kaum darauf zu merken, berichtigte aber innerlich von diesem Augenblicke an seine Meinung über die junge Lady, wie wir erwähnt haben. Auch konnte die alte gute Herzogin ihre Erzählung nicht schliessen, ohne daran zu erinnern, dass nun wohl keine Ursache mehr zu einem persönlichen Verdachte gegen die Lady vorhanden sei.

Nicht so leicht war der junge Herzog mit dem zu beschwichtigen, was sein Oheim über die Gräfin ihm anvertraute. War es das Gefühl einer neu erlangten Macht, die er zu prüfen wünschte, war es jugendlicher Ungestüm, war es überhaupt sein gutes edles Herz oder ein anderes geheimes Gefühl, das ihm die sorge und Tätigkeit für sie zum Genusse umschuf, genug, es schien ihm Alles viel zu langsam, viel zu teilnahmlos, was seine Verwandten beschlossen hatten. Wir wollen nicht untersuchen, welches Motiv den Grafen leitete, als er endlich, da, wie es schien, durch nichts mit seinem Neffen zu Ende zu kommen war, ihm Vorsicht anempfahl; indem sie ja kein Recht besässen, das fräulein zurückzuhalten, wenn der fernste Angehörige sich zu ihr meldete, und sie dadurch nicht allein von einem Orte entfernt würde, wo sie Schutz und Trost fände, sondern auch in hände kommen könne, in denen sie unglücklicher würde, als man es bis jetzt anzunehmen hätte.

Dies wirkte. Graf Archimbald gönnte ihm überdies noch den Trost, die Briefe an den Bischof von Lincoln nach Edinburg selbst abzusenden, und dazu den treuesten Diener und das rascheste Pferd zu wählen.

Was uns indessen nicht länger zu verbergen gestattet ist, sprach sich allen Andern schon längst als überzeugung aus, die von Stunde zu Stunde sich steigernde Liebe des jungen Herzogs zur Lady Melville. Er gab sich dieser Empfindung mit einer Naivität hin, dass man fast glauben musste, er sei sich selbst derselben nicht bewusst. Aber wer je in eigener Brust einen Anklang