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ihrem Schicksale zu hülfe zu kommen; das hiesse im Voraus Alles wertlos machen, was wir ihr liebes tun möchten im Uebrigen! Und nicht edel ist es von Euch, auf diese Weise Eure hülfe anzubieten. – Sie versank nach diesen Worten wieder in sich, unbekümmert, wie es schien, über den Eindruck, den ihre Heftigkeit erregen musste.

Auch war diese wirkung sehr verschieden bei den beiden noch anwesenden Personen. Während nämlich die alte Herzogin mit dem höchsten Ausdruck von Liebe und Besorgniss auf sie blickte, lagerte sich die eisigste Kälte auf die Gesichtszüge des Grafen Archimbald, und seine breiten, unschönen Lippen verfeinerten sich und zogen sich unter einem Lächeln zusammen, das nur noch verwunden konnte.

Und will Euer Durchlaucht mich belehren, hob er mit frostiger Höflichkeit an, über die Consequenz, von der diese so eben gehörte Ansicht ausgeht? Es ist allerdings höchst wichtig, so sie zu erweisen, dass sie für Alle, die meine geehrte Schwägerin sich zur hülfe ersehen, erwiesen dastehe, und wir sind über die grösste Schwierigkeit hinweg, wenn ich meine Nachforschungen mit der Gewissheit anfangen kann, dass sie die Gräfin Melville ist. Indess, setzte er mit einer Art Verneigung hinzu, darf ich nicht verhehlen, dass Euer Durchlaucht sich zu einigen Gründen werden herablassen müssen, da ich nicht Scharfsinn genug besitze, diesen Punkt weniger schwankend, als die übrigen zu finden.

Graf Archimhald besass die furchtbare Waffe der Höflichkeit, womit man tiefer reizt und beleidigt, als mit dem offenen Worte des Zorns. Sie ist die schillernde Hülle ganz entgegengesetzter Gefühle, in der feigen Atmosphäre der Höfe anerzogen und durch die Bedingung der äussern Sitte herbeigeführt, die nur zu oft in keinem sittlichen inneren wurzelt. Die Herzogin schauderte, von Jemand sich in so kalter Weise übertroffen zu sehen; aber es musste so rücksichtslos züchtigend kommen, wie der Graf, und er allein, es ihr zuweilen bot, um sie nachgiebig zu machen.

Zerstreut blickte sie auf, aber ihre Heftigkeit, ihr Trotz war gebrochen, es war, als ob über ihre feste stimme ein leiser Anhauch von Furcht schlich, und als ob jetzt erst die Anspannung nachliess, womit sie mächtig erregte Empfindungen niedergekämpft hätte.

Ich hoffte dennoch, Ihr würdet einen Grafen Marr kennen, welcher der Oheim dieser Unglücklichen sein könnte, hob sie an, sich mit einem tiefen Seufzer und trostlosen Ausdruck zu dem Grafen wendend, und, wie es schien, ganz übersehend, wie ausser Zusammenhang mit dem Vorangegangenen diese Worte waren. Ich habe mich zu sehr darauf verlassen, ich weiss nichts weiter. Erschöpft sank ihr Kopf auf die bebende Brust, und Graf Archimbald war entwaffnet; denn Personen, die selten vom Gefühle sich überwältigt zeigen, wie dies bei der Herzogin der Fall war, behaupten alsdann durch ihr Erliegen einen desto sicherern Einfluss auf ihre Umgebungen. Der natürliche Ausdruck seines Gesichts, dem es nicht an einem gütigen zug fehlte, kehrte wieder, und es war, als ob nun Alle erst zu einem Zweck wirkend sich zusammen fänden, als ob aus dem bisher geführten Wortgefecht sich jetzt erst die wahre Meinung Aller entwikkelte. Aber trotz des wiedergekehrten bessern Willens der beiden Hauptberatenden, war es dennoch keine freie Mitteilung, welche mit einem aufrichtigen Tausch der Gedanken über die zweckmässigsten Mittel, das Bessere zu erreichen sucht. Die Herzogin befand sich in einem Falle, wo man nur zu leicht sich und Andere mit Tadelsucht und lästigen Schwierigkeiten quält, sie wusste sich selbst nicht zu raten.

Sie verwarf daher oft mit rücksichtslosem Tadel, was Graf Archimbald oder ihre Schwiegermutter ihr vorschlugen, und Beide bestanden sicher keine kleine probe ihrer Geduld, wenn die zweckmässigsten Mittel, welche unläugbar zum Ziele führen mussten, von ihr mit Ungeduld verworfen wurden. Hatte Graf Archimbald aber einmal für irgend eine Sache seine Stellung genommen, so besass er die zäheste Geduld; man hätte sie für das etwas schadenfrohe Bewusstsein einer Ueberlegenheit nehmen können, die ihm um so eher ward, je mehr Heftigkeit er zu bekämpfen vorfand. Er sah sehr wohl, seine Schwägerin lag im Versteck; er ging daher mit dem grössten Scharfsinn alle irgend zu ergreifende Mittel durch, um sie durch die Art, wie sie darauf einging oder sie zurückwies, herauszulocken. Doch fand er eine gefasste Gegnerin, die ihn genug kannte und sich hier lieber zum Nachteil ihres Karakters einige Launen mehr aufbürden liess, als dass sie ihn hätte allzu tief blicken lassen.

Die alte Lady war zwischen Beiden wie das gute Princip; sie hätte das kaum Geduld genannt, was sie aus Liebe und sorge ihrer Schwiegertochter entgegenstellte, da ihr die heftige Aufregung derselben nicht entging. Es war ihr allerdings auffallend, ihre Vorschläge verwerfen zu hören, die mit der Vernunft im Bunde schienen; aber warum sollte man nicht verschiedener Meinung sein? Vielleicht konnte in dieser Stimmung jener Manches anders erscheinen, als ihr oder dem Grafen; so hatte ihr mildes Herz tausend Entschuldigungen für die geliebte Schwiegertochter. Nun, Mylady? fragte der Graf endlich und zog seinen Stuhl, nachdem man eine Stunde lebhaft und vergeblich conferirt hatte, was befehlen Euer Durchlaucht zunächst?

Ich dächte doch, mein liebe Tochter, hob hier die alte Lady sanft vermittelnd an, Ihr erlaubtet, dass mein Sohn an Master Brixton nach Edinburg schreiben, und ihn um die näheren Lebensumstände der Familie Marr und Melville befragen dürfe. Es scheint damit doch ein Anfang und ein richtiger gemacht, da es immer das Wesentlichste bleibt, ob sie das ist, wofür sie sich hält und