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, ohne Türen gelassen, und nur durch einen reichen seidenen Vorhang die Zimmer nach dem Bedürfniss der Bewohner getrennt. Jetzt war derselbe von einander gerollt und gewährte eine schöne Aussicht in den eben erwähnten Saal, an dessen Ende sich, dem Bogen gegenüber, die breiten vergoldeten Eingangstüren befanden. Die Herzogin hatte, ihre Schwiegermutter an ihrer Seite, ihren Teppich vorgenommen und arbeitete, wie es schien, mit der vollkommensten Ruhe an der Bildung einer künstlich verschlungenen Blume, während Graf Archimbald, vor ihr stehend, mit grosser Beredsamkeit ihr die verschiedensten Mitteilungen machte über Freunde und Verwandte in London. Die Herzogin hatte ihm einige Mal schon den Sessel angeboten, der ihm die Richtung gegen den Saal zu gegeben und ihn für ihre Beobachtung bequemer gestellt haben würde, aber ausser einer stummen Verbeugung hatte er sich nicht unterbrechen lassen, da er, wie es schien, zu stehen vorzog.

Jetzt öffneten sich die Türen. Die Erwarteten zogen in bunter Ordnung durch den Saal, und Graf Archimbald sprach noch immer, mit dem rücken dahin gewandt, lebhaft und zu laut, um das Geräusch der Nahenden zu hören, als die Herzogin in voller Ungeduld zu dem letzten Mittel griff, und mit Hand und Augen und freundlichen Mienen um ihren Schwager herum in den Saal hinein grüsste, für den Augenblick unbekümmert über die sonderbare Huld, und einzig bestrebt, ihren hartnäckigen Schwager zu wenden. Dies gelang, er trat zurück und folgte der Richtung mit den Augen, welche seine Schwägerin so lebhaft anzugeben bemüht war, und der blick, den der Graf jetzt prüfend und immer prüfender dahin sandte, und die auf seinem gesicht unverkennbare Spur innerlicher Ueberraschung befriedigte die Herzogin zu ihrem eigenen Nachteil vollkommen über die List, die sie sich erlaubt hatte, und über das davon erwartete Resultat.

Die jungen Damen, von ihren Gouvernanten und Master Coplei begleitet, näherten sich nur langsam, sprechend und mit Lucie tändelnd, welche die Zipfel des langen durchsichtigen Schleiers ergriffen hatte, den die Gräfin Melville trug, und den sie durchaus als ihr Page dienend ihr nachtragen wollte. Dadurch aber drängte sie dieselbe vor, und es schien wirklich, als ob die sie Begleitenden ihr Gefolge ausmachten. Die Gräfin trug noch immer Trauerkleidung, welche von schwarzem seidenen Stoff auf ihren Wunsch erneut war, und nach der damaligen Mode in einem Mieder bestand, welches die Schönheit der Taille sehr vorteilhaft bezeichnete, und Schultern und Nacken entüllte, während der Rock in feinen Falten sich bis zu den Füssen senkte. Dazu gehörten noch die weiten lang niederhängenden Oberärmel, welche, aufgeschnitten, den zierlichen Unterärmel zeigten, der eng anliegend, die Form des Armes umschloss.

Der einzige Schmuck dieser einfachen Kleidung bestand in dem uns bekannten Kreuze, welches an der Perlenschnur von ihrem Halse hinab bis auf die Spitze des Mieders hing, und dessen Wert die Besitzerin wenig kannte, obwohl vielleicht kaum ein ähnliches Geschmeide sich in dem Besitz der reichen Edelfrauen des Landes befinden mochte. Das Haar trug sie nach französischer Sitte über die Stirn gescheitelt und von den Schläfen an in vollen Locken bis zu den Schultern hinabwallend. Das dunkle und glänzende Braun dieses Haares hob die Lilienweisse ihrer Haut, welche nur einen leichten Anhauch von Röte auf den lieblich geformten Wangen zuliess und dem Lichte auf diesem Antlitze fast etwas Strahlendes gab. Es lag ausserdem in jeder Bewegung und in ihrer ganzen hohen und feinen Gestalt etwas Ungewöhnliches, so dass sie die Aufmerksamkeit fesseln musste. Sie schien jetzt ganz mit Lucie beschäftigt, und in ihren Scherz eingehend, hatte sie den schönen Kopf halb zurückgebogen, um mit ihrem kleinen lieblichen Pagen zu kosen. Auf dem dunkeln grund des Schleiers ruhte die feine Linie von Stirn und Nase, und zeigte das gesenkte Auge mit seinen langen schwarzen Wimpern nur in der hohen und schönen Wölbung, zu einer Vollendung der Form erhoben, welche auch ohne die Entschleierung des vollen Blickes eine Verheissung unendlichen Liebreizes war. So hatten sie sich dem Eingange spielend genaht, da erwachte Graf Archimbald aus seinem Anschaun.

Wer ist das? rief er lebhaft, unfähig, sein Auge von dem Eingange zu wenden. Meint Ihr die Gräfin Melville? sagte die Herzogin mit einer solchen Kälte und Gleichgültigkeit, dass der Graf wegen des Kontrastes mit ihrer eben geäusserten Teilnahme ganz erstaunt zu ihr sah, – und die beiden sich so wohl Kennenden bedurften hier nur eines flüchtigen Blickes, um sich gegen einander verraten zu sehen.

Aber es war nicht Zeit zu näheren Erörterungen, denn so eben trat die Gräfin unter den Bogen des Eingangs. Sie wendete ihr Gesicht zu den Anwesenden und suchte mit ausgebreiteten Armen den Schleier aus Luciens Händen zu ziehen. Dadurch wölbte sich der schwarze Flor zu einer Nische um sie her, und als sie langsam und mit steigender Röte die grossen dunkeln Augen aufschlug und einen Augenblick stillstehend ihre nächsten Schritte zu bedenken schien, glich sie eher den idealischen Träumen eines Raphael, als einem menschlichen lebenden Wesen. Die Herzogin hörte hinter ihrem stuhl von ihrem Sohne, der leise hereingetreten war, einen Ausruf der Bewunderung, ohne dadurch überrascht zu sein; ward doch auch sie von dem Wesen beherrscht, welches dazu bestimmt schien, durch dieselben Reize, durch die sie die trübsten Gedanken der Herzogin erweckte, sie auch zu bewältigen und zu versöhnen.

Die Sprache der Bewunderung oder des Beifalls, den wir einflössen, ist, wenn auch nur in blick und Mienen ausgedrückt, eine so leicht sich mitteilende Sprache, dass sie sich auch denen verständlich macht, die mit der ersten jugendlichen und so glücklichen Unbefangenheit