hat.
Man hätte denken können, die alte Herzogin habe diese wohltätige Diversion vorausgesehen oder herbei gewünscht; denn offenbar unterstützte sie mit ihrer liebenswürdigen Laune das Betragen ihres Enkels, und schien sich des Erfolges zu freuen, der selbst über ihre Schwiegertochter sich langsam verbreitete, welche zu mütterlich fühlte, um sich nicht endlich dem Einfluss zu überlassen, den ihr Sohn zu verbreiten wusste, nachdem sie den unangenehmen Eindruck überwunden hatte, diesen Sohn den höchsten Rang behaupten zu sehen, der ihr selbst an der Seite ihres Gemahls, in seiner milden, gegen äussere Vorzüge gleichgültigen Stimmung, so unbestritten gewesen war. Der junge Herzog nahm überall willig das Recht in Empfang, was mit seiner Würde ihm verbunden schien. Wie deshalb aber seine Mutter einen niedern Rang, als früher, einnehmen könne, vermochte er nicht einzusehen; und eben dies, dass der Herzog dies fühlte, versöhnte sie mit den unvermeidlichen Einschränkungen ihres Einflusses und ihrer Macht. – Als man sich zur Tafel begeben hatte und Lucie noch immer ihren Liebling vermisste, brach sie sich mit ihrem klaren Stimmchen Bahn, und sich zu ihrer Mutter wendend, rief sie:
O, liebe Mama, wo ist aber unsere Lady, warum kommt sie nicht zu uns, ist sie wieder krank?
Nein, Lucie, sagte die Herzogin, und die Erinnerung an dieses geheimnissvolle Wesen weckte die stillen Qualen ihrer Brust und veränderte schnell die Farbe ihrer Wangen; fürchte nichts, sie ist wohl auf, aber zu bescheiden, ohne Vorbereitung vor diesen Herren zu erscheinen.
Meinem guten Bruder Robert, meinem lieben Oheim? rief Lucie, vor denen hätte sie immer erscheinen können, die hätten ihr sicher nichts übel genommen, wenn sie auch fremd ist, wie Du sagst. Nicht wahr, Oheim? Nicht wahr, Robert?
Was meinst Du, Lucie? Wen hast Du, dem Du Protection gewährst? fragte Graf Archimbald, während Roberts Blicke sich fragend zu seiner Mutter wendeten.
Wir haben einen Gast, mein Sohn, hob die Herzogin gezwungen an, über den ich noch nicht den passenden Augenblick finden konnte, Dir meine Mitteilungen zu machen. Ich habe während Deiner Abwesenheit ihr den Schutz dieses Hauses gelobt, den sie, unglücklich und verlassen, für den Augenblick zu bedürfen scheint. Du wirst mich sehr verbinden, wenn Du meine Worte bestätigen willst.
Meine teure Mutter, rief der Herzog, und über sein jugendliches Antlitz flog die Röte der Ueberraschung und der Beschämung, Euer Durchlaucht sind hoffentlich vollkommen überzeugt, dass es hier keine Autorität gibt, Ihre Anordnungen und Befehle zu bestätigen. – Es war vielleicht das erste Mal, dass ihn der Gedanke flüchtig berührte, wohin der stolze Sinn seiner Mutter sich verirrte, den er aber mit Erschrekken aufzunehmen schien.
Die Herzogin war mit dieser Huldigung zufrieden, und ohne sie weiter zu beantworten, fuhr sie sichtlich freier, gegen die Hauptperson sich wendend, fort: Ich habe gestern ihre rührende geschichte gehört, sie ist von vornehmer Geburt, eine Gräfin von Melville, eine Enkelin des Sir Robert Melville, und obwohl ihre Eltern gestorben sind, lebt ihr doch noch ein Oheim, für dessen Auffindung wir Eure Güte, Graf Archimbald, in Anspruch zu nehmen denken.
Graf Archimbald verbeugte sich und wiederholte bloss den Namen Melville, als säh' er in Gedanken in der grossen Namenliste seines Gedächtnisses nach diesem sich um. Die Herzogin erzählte alsdann kurz und mit vieler Geschicklichkeit die geschichte der Auffindung und der Krankheit der jungen Dame, und schloss mit einem fast unwillkürlichen Lobe ihrer Schönheit und feinen Erziehung. Die wirkung dieser Erzählung auf beide Männer war auffallend, wenigstens für die Uebrigen, an diese seltsame Erscheinung bereits Gewöhnten. Man sah hier recht, wie das Geheimnissvolle über alle Menschen eine Gewalt übt, welche zu läugnen, eben so vergeblich wäre, als ihr gänzlich entgehen zu wollen.
Da die Sache jetzt einmal in Anregung gekommen war, wünschte die Herzogin nunmehr auch die persönliche Bekanntschaft mit ihrem Schützlinge einzuleiten, und gab zu dem Ende ihren Töchtern den Auftrag, die Lady am Nachmittage zu besuchen und sie, wenn es ihre Gesundheit erlaube, um die Teestunde nach ihren Zimmern mit herüber zu führen. Dieser Auftrag ward mit Freude von den Töchtern empfangen und verwies die aufgeregte Neugierde der Herren an ein leicht zu erreichendes Ziel; während es die Herzogin selbst beruhigte, weil sie mit ihren eigenen Gedanken über die Gräfin ausser Zweifel kommen wollte. Ihre Schwiegermutter hatte, trotz ihrer argwöhnischen Aufmerksamkeit bei der Vorstellung der jungen Dame, ihr durchaus keine Aufschlüsse gewährt, indem sie jene nur mit dem freundlichen Anteil empfangen hatte, der sowohl ihrer Lage, als ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit billig zuzukommen schien.
Als daher die Teestunde herangerückt war, die um der alten Herzogin willen mit grosser Aufmerksamkeit gehalten wurde, obwohl dies keineswegs damals schon zu den Sitten Englands gehörte, und sie sich, von ihrem Sohne geführt, bei ihrer Schwiegertochter eingefunden hatte, konnte diese die Ankunft des Herzogs in steigender Ungeduld nicht erwarten, und Pons flog auf den ihm wohlbekannten Wink dahin, die jungen Damen abzuholen. Die Herzogin hatte in der Nähe eines der hohen Bogenfenster, welches, geöffnet, einen heitern blick auf die Gebüsche der Terrassen und die dahinter ausgebreitete Landschaft gewährte, die Sessel stellen lassen, welche die Familie aufnehmen sollten. Man sass so dem mit schönen Gemälden und kostbaren Geräten geschmückten Saal gegenüber, der mit diesem Zimmer durch einen hohen und breiten gotischen Spitzbogen verbunden war; diesen hatte man, seines kunstreichen Schnitzwerkes und seiner prachtvollen Vergoldungen wegen