, und in seinen Jahren bleibt allerdings eine gänzliche Herstellung zweifelhaft, oder doch nur langsam zu erwarten. Ich habe die Veränderungen seiner Gesundheit auch bemerklich gefunden.
Auch scheint ihn Gram und sorge über die Reise seines Sohnes sehr erschüttert zu haben, setzte der junge Herzog hinzu; denn er redet Jeden an, um ihm darüber seinen Schmerz und seine Besorgniss auszudrücken.
Diese grosse Reizbarkeit lässt auf eine allgemeine Schwäche schliessen, fuhr Graf Archimbald fort, denn wenigstens bis jesst sind die Nachrichten aus Spanien so glänzend, dass es scheinen will, das Glück wolle es übernehmen, die kleine Uebereilung unsers teuern Prinzen wieder gut zu machen. Wir haben dies alle dem unvergleichlichen Benehmen des Grafen Bristol zu verdanken, der dem Prinzen eigentlich den Boden bereitete, auf welchem er siegend einher zu gehen scheint, und der auch bei der überraschenden Ankunft des Prinzen mit der grössten Geistesgegenwart seine Maassregeln besser nahm, als unsere nachkommenden Depeschen sie ihm angeben konnten.
Und so wäre diese Sache also wirklich durch den raschen Entschluss des Prinzen befördert? fragte die alte Herzogin.
Dies zu bestimmen, möchte ich vor der Rückkehr des Prinzen nicht übernehmen, sagte lächelnd Graf Archimbald, denn der Herzog von Buckingham begleitet ihn, und wer weiss, ob der Graf von Bristol seine Angelegenheiten nicht zu ruhmvoll betreibt.
Wie verstehst Du das? fragte, unschuldig ihn anblickend, die alte Herzogin.
Wozu, teure Mutter, sagte der Graf, fast zärtlich ihre Hand nehmend, wozu willst Du mit Deinem reinen geist Dich zu den Schlangenwegen der Politik, des Neides und Stolzes herablassen? In Deiner Nähe vergesse ich am liebsten den wunderlichen Verkehr der Aussenwelt, wenn ich ihr nachher auch wieder angehöre, durch Erziehung und einmal übernommene Stellung. Meldet man uns ja doch in diesem Augenblicke aus Madrid noch die glänzendsten Dinge. Dem Prinzen ist königlicher Rang eingeräumt, die Infantin hat den Titel einer Prinzessin von Wales angenommen, und der König, sein Hof und das ganze hochherzige und ritterliche Volk überhäufen ihn mit entusiastischer Liebe, da sie allerdings diese Handlung, sie in ihrer ganzen Originalität auffassend, als den höchsten Beweis des Zutrauens zu ihrem National-charakter ansehen.
Wenn ich Hofdame wäre oder noch am hof lebte, versetzte die alte Herzogin lächelnd, so würde ich mir die Stoffe zu meinen Roben aussuchen, in denen ich den Vermählungs-Feierlichkeiten beiwohnen wollte; so sicher erscheint mir die erlauchte Infantin unsere Prinzessin von Wales zu werden, und ich sehe wohl, dass ich trotz meines politischen Gemahls, Sohnes und Bruders wenig Kenntnisse gesammelt habe, da mir hier von keiner Seite mehr ein Hinderniss einleuchten will. – Sie erhob sich freundlich von ihrem Sessel, denn die Mittagszeit war nahe, und man hatte über der Freude des Wiedersehens nicht daran gedacht, sich umzukleiden. Jeder begab sich in seine Zimmer. Der Herzog weigerte sich, die im italienischen Flügel anzunehmen; wodurch er seiner Mutter eine grössere Wohltat erzeigte, als sie eingestand. Die Gesellschaft des Schlosses hatte, obwohl nun ein längerer Zeitraum zwischen dem tod des Herzogs verflossen war, doch ein so gedrücktes, schwermütiges Leben fortgeführt, dass ein Bedürfniss freieren Aufatmens, lebhafteren Treibens bei den Meisten sich dringend einstellte. Auch trat die Zeit als mildernde Vermittlerin selbst für diejenigen ein, die am nächsten dabei gelitten, und machte sie wenigstens geneigt, dem wiederkehrenden Leben stille Zuschauer abzugeben. Das ewige Ergänzungs-System in der natur lässt auch eine so endlos scheinende Lücke, als der Gram über den Verlust eines geliebten Gegenstandes uns scheinbar öffnet, nicht ohne diesen wohltätigen Einfluss. Müssen wir auch oft einen bis dahin uns teuer oder doch bequem gewordenen Kreis abschliessen, ohne dass wir Grund oder Boden für einen neuen sehen – die kleine, rettende Insel steigt doch endlich aus dem leeren, wüsten Raum empor, auf der wir einen neuen Kreis ziehen, wenn auch endlich immer kleiner, wenn auch unsichtbarer, stiller und einsamer. Das grosse Geschäft, zu leben, löset uns vor unserm letzten Atemzuge niemals ab; und wer aus freier Kraft die Wünsche ablöst, die dem schönen, ruhigen Lauf des Daseins mit Verwirrung drohen, der fühlt endlich, dass über ihm der Kreis sich vergrössert, der da unten in der Welt sich verengt; und hat er mit diesem endlich abgeschlossen, so gähnt ihm keine bodenlose Tiefe entgegen, sondern ein heller, lichter Strahlenkreis, worin er wieder finden wird, was er verdient.
So ward die Wiederkehr des nunmehrigen Herzogs und des Grafen Archimbald den zaghaften Gewissen zur Entschuldigung der Freude, die nun bald wieder in den schicklichen Grenzen sich zeigte, welche hier mehr, als sonst, beobachtet wurden. Die anspruchlose Natürlichkeit des jungen Herzogs trug hierzu wohl sehr viel bei; er kannte es nicht, sich ein Gefühl aufzubürden, was er nicht hatte. Seinen Vater je zu vergessen, gleichgültig gegen seinen Verlust zu werden, schien ihm so ausser dem Bereich der Möglichkeit zu liegen, dass er nicht fürchtete, damit beargwöhnt zu werden. Daher atmete seine Brust in neuer jugendlicher Lust empor, er freuete sich dessen, und es schien ihm dies recht natürlich, da er ja noch viel zu tun hatte, um seines Vaters willen, wozu ihm ein gesundes Herz vor Allem nötig schien. Darum sah man ihn auch auf das Anmutigste mit Arabella und Lucie scherzen, und Alles um sich her durch die klare, heitere Miene beleben, die nicht der Ausdruck des Leichtsinns ist, sondern eines sichern natürlichen Gefühls, das Alles eingesteht, weil es nichts zu verbergen