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ward ihm dadurch viel bequemer, und allen Umgebungen wurde zugleich die Fessel abgestreift, die sie ohnedies, wie oft, so auch dies Mal, länger getragen hätten. Es fehlte der Herzogin, selbst bei besserem Willen, Freiheit und Heiterkeit um sich herzustellen, doch sehr oft an Geschick dazu, und ein dunkles Gefühl hiervon verwandelte nicht selten ihre steife Haltung in üble Laune, die sie dann, den Tadel gern von sich entfernend, noch immer für ihr zukommende Würde hielt, und damit ziemlich lästig werden konnte. Ganz anders verhielt er sich zu seiner Mutter. Dieser reine charakter wollte und konnte nichts mehr scheinen und zeigen, als sich selbst; und die höchste Wahrheit und Natürlichkeit verriet nur um so sicherer die harmonische Schönheit ihres geläuterten inneren. Dadurch ward ihre Nähe Jedem zur Wohltat, und wenn sie mit der Freude, sie zu lieben, die Herzen beglückte, erfüllte sie Alle zugleich mit wahrer Ehrfurcht vor einer so hohen entwicklung des menschlichen Geistes, Graf Archimbald kannte Menschen und Verhältnisse in den mannigfachsten Schattirungen. Er war sparsam mit seiner Anerkennung und über die meisten Täuschungen hinaus, aber wer um seine seltener ausgesprochenen Gefühle wusste, dem war nicht verborgen, dass er seine Mutter über die meisten Menschen stellte. Sie rief alle weicheren Gefühle und eine zarte, achtende Unterordnung, die ihm sonst selten einkam, in ihm hervor. So begrüsste er sie auch jetzt, und seine Schwägerin fühlte diesen Unterschied wohl, und es musste gerade diese von ihr selbst so hoch gestellte mütterliche Freundin sein, um ihr die kleine Demütigung zu verzeihen, welche die Frauen, im Falle sie selbige vom anderen Geschlechte empfangen, so gern am eigenen zu rächen suchen. Doch war der Graf entweder zu gutmütig oder zu gewandt, um seine Schwägerin nicht, so bald es sich tun liess, in eine angenehme Stimmung zu versetzen. Er achtete ihren charakter mit allen seinen von ihm leicht begriffenen Fehlern, und noch mehr ihren Verstand, auf den er einen hohen Wert legte; vielleicht eine Folge seiner eigenen vorherrschenden Richtung, die ihn in dieser Fähigkeit eine grössere Sicherheit dem Leben gegenüber annehmen liess, als sich wohl immer bestätigen mag. Er motivirte daher seine hereinbrechende Freundlichkeit durch die Mitteilung, dass er so glücklich sei, seiner Schwägerin die neuesten Nachrichten von ihrem Vater, dem Grafen von Bristol, zu bringen, indem bei seiner Abreise von London so eben ein Courier aus Madrid eingetroffen sei, der auch Briefe für die Herzogin gebracht habe, welche er ihr zu überreichen, sogleich die Ehre haben werde. Die Herzogin hatte aus langer Erfahrung gelernt, dass sie am besten ihre Haltung gegen ihn behauptete, wenn sie anscheinend die Richtung, die er derselben zu geben wusste, nicht zu bemerken schien und sich ihr mit einer Miene überliess, als sei es ihre eigene Wahl. Beiden war so geholfen, und dieser kleine Krieg, in dem sie sich vollständig erkannten, ward ohne eine weitere Erklärung und unbeschadet ihres übrigen Wohlverhaltens, stets ohne Folgen beigelegt. Auch jetzt empfing sie seine Nachrichten mit der Heiterkeit, die sie ihrer natur nach verdienten, und man kam bald dadurch auf die öffentlichen Angelegenheiten, die allerdings ganz England in eine nicht geringe Spannung versetzten.

Gewiss, sagte der Graf, als man sich niedergelassen hatte, war man gegen die Unterhandlungen, die der König zur Vermählung seines Tronfolgers mit einem katolischen haus anknüpfte, nicht gleichgültig, ja, wohl eher tadelnd gesonnen. Doch war eben so allgemein die Ansicht verbreitet, der Prinz von Wales empfände eine eben so grosse Abneigung dagegen, wie sein Volk, und füge sich nur aus kindlichem Gehorsam in den Willen des alten Königs, dem allerdings bei der vorgefassten Meinung, dass jede Verbindung mit einer Prinzessin unter königlichem Range unebenbürtig sei, keine grosse Auswahl blieb, da nur Frankreich und Spanien in diesem Augenblicke Prätendentinnen der Art bereit hatten.

Und glaubst Du wirklich, mein Sohn, sagte die alte Herzogin, dass der Grund der Weigerung des Prinzen von Wales, sich zu vermählen, allein seiner Abneigung gegen die fremde, seinem volk verhasste Kirche zuzurechnen sei? Ich erinnere mich, von dieser Abneigung Manches schon gehört zu haben, ehe noch von einer Unterhandlung mit Spanien über diesen Punkt die Rede war.

Allerdings, sagte der Graf; doch scheint sein rasches nunmehriges Eingreifen in diese Unterhandlungen jene frühere Ansicht zu widerlegen, und es ist nicht einer der unwichtigsten Nachteile dieser Reise, dass das Volk nunmehr den Vorwurf einer Hinneigung zum Katolischen von dem alten Könige, an welchem man dieselbe ziemlich erfolglos betrachtete, auf den künftigen Herrscher scheint übertragen zu müssen; was wenigstens unbezweifelt der Infantin, sollte sie unsere Königin werden, keine freundliche Stimmung im volk bereiten wird. Die Abneigung des Prinzen aber, sich zu vermählen, stammt aus einer früheren Zeit. Meine Verhältnisse haben mir nicht erlaubt, darin klarer zu sehen, als die allgemeine stimme verkündigte, der Prinz habe in früheren Jahren eine heftige und unglückliche leidenschaft für ein fräulein von Rang gehegt, die ihn späterhin dem ganzen Geschlechte entfremdet. Wie viel daran war, möchte ich selbst bei der Wahrscheinlichkeit des Gerüchtes nicht entscheiden, obwohl die Tatsache ausser Zweifel ist, dass der Prinz ausser der allgemeinen ritterlichen Galanterie, die seine liebenswürdige natur bezeichnet, nie einer Einzelnen den kleinsten Vorzug einzuräumen schien.

O, rief der junge Herzog, wie unendlich viel liebenswürdiger erscheint mir nun noch der Prinz; wenn ich mir diesen Kern des Herzens, diese treue und feste Liebe in ihm denke, die ihn gegen die Verirrungen