Ihr mir noch verbergen zu müssen glaubt. – Schreitet in dieser Hoffnung nicht zu schnell vor, Lady, entgegnete die Herzogin. Ihr legt mir zu viel Scharfsinn bei. Mein Leben war sehr frei von Verwickelungen, ich verstehe mich daher wenig darauf; um so mehr habe ich aber stets bei meinen Forderungen das Vertrauen erregt, dass man sich ihnen ohne Vorbehalt überlassen könne. Gehen wir jetzt, Lady, nach unsern Zimmern; etwas Ruhe wird uns nötig sein. Ich werde Euch vor dem Abendgebet in der Kapelle in meinen Zimmern der Herzogin von Nottingham, meiner Schwiegermutter, vorstellen, und dispensire Euch lieber von der Tafel, da Ihr bis dahin Ruhe bedürfen werdet. – Die Gräfin neigte sich ehrerbietig vor der im Abgehn grüssenden Herzogin und stieg dann an Mistress Mortons Arm, die sich sogleich zu ihr fand, die Treppen zu ihren Zimmern hinauf. Die endlich sich gleichbleibende Schönheit des Wetters hatte am nächsten Tage die Damen zu einem Spaziergange in den weitläuftigen Anlagen des Parkes veranlasst. Die Herzogin führte ihre Schwiegermutter die Terrassen hinauf, und man beschloss, daselbst zu verweilen und auszuruhen, während Lucie, an dem Arm der Gräfin Melville hängend, mit der sanften Arabella zugleich sich bemühte, ihr von den Merkwürdigkeiten von Godwie-Castle zu erzählen, und in der bereitwilligen Aufmerksamkeit ihrer Gefährtin eine immer steigende Aufmunterung für ihre Beredsamkeit fand. Da verkündete der wohlbekannte Ruf der Hörner von den Türmen des Kastells die Ankunft des neuen Herzogs. Luciens Freudengeschrei beantwortete diese lang ersehnte Verkündigung, und hüpfend und tanzend nannte sie laut die Namen der Nahenden im kindlichen Gesange. Hierdurch und durch die meldenden Diener ward die Gräfin Melville von der Ankunft dieser nahen Verwandten des Hauses unterrichtet, und sie fühlte zu zart, um sich nicht in einem solchen Augenblick lieber zurück zu ziehen, da sie, den Erwarteten völlig fremd, sich in diesem Augenblick in dem engen Kreise der Familie als störend betrachten musste. Sie beurlaubte sich daher für diesen Tag bei den beiden Herzoginnen mit einigen anspruchlosen Worten, die aber doch hinreichend das feine Gefühl erraten liessen, von dem sie geleitet ward. Sie erreichte auch den Eingang der Gallerie, welche nach dem südlichen Flügel führte, ehe die Herren die Vorhalle betreten konnten, doch sah sie durch die hohen Bogenfenster, wie der Hof von empfangenden und ankommenden Dienern belebt war, in deren Mitte sich neben einem ältlichen Herrn die hohe und schlanke Gestalt eines jüngern bewegte, der mit grosser Freundlichkeit die ehrerbietigen und freudigen Glückwünsche der grauen und achtbaren Diener zu beantworten sich bemühte, und so eben Sir Ramsei, der seine Hand küssen wollte, mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit die Stirn küsste. Die Gräfin blieb unwillkürlich stehen und sah dieser Scene mit einem Anteil zu, der notwendig ein gefühlvolles Herz bewegen musste; so aufrichtig war der Ausdruck dieser Empfindungen treuer anhänglichkeit und lohnender Anerkennung derselben. Der alte Herr richtete nun mit Eile die Aufmerksamkeit des jüngern auf den Eingang des Schlosses, und die Gräfin enteilte in ihre Zimmer. Die Herzogin, begleitet von ihrer Schwiegermutter, ihren Töchtern und ihren Damen, erschien in den geöffneten Pforten des Schlosses, um den Sohn an der Schwelle seiner Väter, die er nun als rechtmässiger Herr betrat, zu segnen und willkommen zu heissen. Solche Augenblicke hervorzuheben und feierlich zu machen, war ihre ganze Persönlichkeit geschaffen. Es fehlte ihrem Herzen nicht an Empfindung, und die oft so schnell darüber hingleitenden Schatten gaben ihr in den Augen der Meisten nur das Ansehen einer vornehmen Mässigung, einer edlen Selbstbeherrschung, welche sie durch ihre ganze äussere Erscheinung wohl zu erhalten wusste. Als sie auf der Schwelle so edel und ruhig erschien, und doch mit schwimmendem Auge und vollstem Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit dem heranstürmenden Sohne entgegen lächelte, da hätten wohl Alle mit dem gerührten Jüngling vor ihr das Knie beugen mögen, und in der lautlosen Stille, wie sie Ehrfurcht von selber gebot, drangen ihre Worte bis in die Herzen der Fernsten: So segne Dich Gott, mein Sohn, in dem haus Deiner Väter, dem Du Herr sein sollst, wie sie es waren! Er segne Dich mit ihren Tugenden, die sie zu Beschützern ihrer Untertanen, zum Glücke ihrer Familie, zum Stolze ihres Vaterlandes, zu Freunden ihrer Könige erhoben! Stehe auf, Herzog von Nottingham, und betritt Dein Eigentum mit einem Gott geweihten Herzen! – Der junge Herzog sprang auf, aber um sogleich vor seiner Grossmutter, auch um ihren Segen flehend, nieder zu knien, und betrat dann zwischen Beiden die grossen Hallen, die in ihrer ehrwürdigen Pracht gerüstet schienen, noch einige Jahrhunderte die Geschlechter kommen und verschwinden zu sehen, deren schon so viele daran vorübergegangen waren.
Graf Archimbald konnte eben kein Freund von solchen feierlichen, die Empfindung hervorhebenden Scenen genannt werden, und er gönnte seiner Schwägerin nie lange die stolze Höhe, auf die sie sich nicht ungern erhoben sah, und wo sie von den an Geist und Rang ihr meist untergeordneten Umgebungen gewöhnlich so lange gelassen ward, wie es ihr selbst beliebte. Er schritt daher mit sehr heiterem Wesen, seine Nichten mit sich führend, hinterher und begrüsste, als der mittlere Saal sie alle aufgenommen und die Herzogin sich mit den hochgespannten Zügen, welche ihre Würde verkündigten, zu ihm wendete, dieselbe mit einer so heiteren und unbefangenen Freundlichkeit, als wäre er von einem kleinen Morgenritte so eben zurückgekehrt, und als wäre zu einer tiefen Erregung und einer Andeutung derselben in Worten, überall keine Veranlassung. Er wusste wohl, dass er sie damit ein wenig verletzte, aber sie