Tod lenkte Gott die willenlosen Schritte bis zu Euch. Sagt selbst, ist das nicht recht deutlich seine ewig waltende Vaterhand? Ja, hier bin ich am rechten platz, Gott hat es selbst vollführt, was Menschen liebend für mich erdachten, und er wird es auch ferner nun führen, wie es das Beste ist für uns Alle.
So wollen wir hoffen, sagte die Herzogin, sich unwillkürlich von den begeisterten Zügen der jungen Gräfin angezogen fühlend und die Zärtlichkeit still gestattend, mit der sie ihre hände geküsst fühlte; und ist mein Schwager nur erst hier, dann leiten wir Eure Angelegenheiten durch ihn am zweckmässigsten ein.
Jeder Augenblick in Eurer Nähe, versetzte die Gräfin, bringt mehr Frieden und Hoffnung in meine Brust; mir ist, als hätte ich nichts zu fürchten, wenn Ihr mir nur hold bleibt und meine Handlungen leiten wollt.
Die Herzogin war nicht unempfindlich für diese Sprache der Liebe, die so vertrauend und zärtlich selten zu ihr drang, doch ihr Interesse war innerlich zu lebhaft auf ihre beabsichtigten Nachforschungen gerichtet, um diesen Gefühlen länger Raum zu gewähren, sie hob selbst die Verhüllung, welche sie um die prachtvollen Inwelen gelegt hatte, hinweg, und ein blick auf das obenliegende Kreuz gab auch der Besitzerin andere Gedanken und Gefühle. Sie hob es an der Perlenschnur empor, drückte es an ihre Lippen und sagte:
Ich erhielt es von meinen teuern Eltern. Schmückt mich damit, fuhr sie lächelnd fort, dass es dadurch auf's Neue gesegnet zu mir gehören möge.
Die Herzogin, ihr gegenüber, schien willenlos zu werden, denn sie schlang die prachtvolle Perlenschnur um den schlanken Hals und senkte das Kreuz, das aus zwölf grossen Smaragden, in Brillanten gefasst, bestand, auf die Brust. Dann nahm die Gräfin die Armbänder und sagte, lächelnd den blick darauf geheftet:
Der es mir gab, ihn liebte ich, wie meinen Vater. Er war der Freund meines Oheims und sein steter Begleiter. Ich sagte Euch davon, und es gehört zu den Dingen, die mir höchst auffallend sind, dass mir entweder sein Name entfallen ist, oder ich ihn nie gehört habe. –
Wie, Mylady, Ihr wisst den Namen dessen nicht, den Ihr als einen Vater liebtet, mit dem Ihr so oft beisammen waret, der Euch ein so reiches Andenken geben durfte? Ihr wollt mir sagen, dass Ihr seinen Namen nicht wisst? –
Ich wollte ja nie mehr oder anders zu Euch sagen, als ich selbst wusste, erwiderte die junge Gräfin, zwar mit ruhigem Tone, aber in ihrem Auge, das sie fest auf die Herzogin wandte, lag ein vorübergehendes Leuchten ihres verletzten Gefühles und der Verräter eines stolzen Herzens. Wenn ich nun, fuhr sie fort, auch hinzufüge, dass ich nicht weiss, wie das Schloss heisst, wo meine Tante lebte, und von wo ich entflohen bin, und in welcher Gegend von England es liegt, so wird sich sicher Euer Erstaunen noch vermehren. Aber Ihr würdet Euch auch vielleicht mein eigenes denken können, als ich in Gedanken mir mein Leben zurückrief, um es Euch mitzuteilen, und ich zuerst auf diese dunkeln, mir unerklärlichen Punkte stiess. Doch gerade dies vermehrte mein Verlangen, Euch Alles zu vertrauen. Denn Ihr, in der Welt lebend und voll Erfahrung, begreift vielleicht eher hier einen Zusammenhang, als ich, die ich über manche Punkte weder Zeit fand zu fragen, noch nachzudenken, über andere aber völlig ohne Auskunft bleiben musste. Auch begreife ich es wohl, wie die Namen mir so gleich waren; ich hörte ihn stets teurer Freund oder Graf Robert nennen. Mein Aufentalt auf dem schloss aber war selten über vier Wochen ausgedehnt. Stets fanden wir bei unserer Ankunft meinen Oheim und seinen Freund, und dieses Wiedersehen war so beglückend für uns alle, dass für mich wenigstens die ganze äussere Welt versank und wir ausser den Stunden des Schlafes uns fast nicht trennten. Wie man mich beschäftigte, habe ich Euch erzählt, dabei lebten wir in einer grossen Zimmerreihe, mit offenen Terrassen nach dem wald, bei stets geöffneten Türen. Wir genossen die Milde der Luft, aber oft hörte ich sie sagen, dass sie keine Spaziergänge machen wollten, um keinen Augenblick unbenutzt zu lassen für ihre reichen und lebendigen Unterhandlungen, deren Mittelpunkt ich war, und zwar oft davon so berauscht, dass ich zu den Füssen der Tante einschlief und von Hanna wie ein Kind zu Bett geführt ward, was wieder zu den Füssen des Lagers meiner Tante stand. Sprachen wir aber zu Nordwighall von dem schloss, hiess es das Schloss der Tante, zuweilen mit dem Zusatze: im inneren von England, und das nennen dieses geliebten Aufentaltes weckte gleich eine Reihe so wonnevoller Gedanken in mir, und ich war mit dieser Benennung von Kindheit an so befreundet, dass ich den Mangel daran erst entdeckte, als ich das Bedürfniss fühlte, Euch darüber Rechenschaft zu geben. Das Recht des Grafen Robert endlich, mir dies teure Geschenk zu geben, gehört für mich zu den sehr leicht erklärlichen Dingen. Denn nicht ich gab ihm jenes Recht, sondern meine Eltern, als sie ihn zu meinem Paten ernannten. Diese Brillanten bilden einen Namenszug, den er mir später erklären wollte. Er hatte es auf mein Taufkissen gelegt, und als mein Arm hineinpasste, legte er's mir selbst um, und ich gelobte ihm, es nie abzulegen. – Sie schlug bei diesen Worten den langen Aermel ihres Trauerkleides zurück;