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erreichen, an der die Zimmer lagen, die der Oheim bewohnte; aber ich trieb mit meinem Ungestüm mein hartes Geschick herbei. Zu seinen Füssen strömten meine Tränen, meine Worte. Er willigte ein. In meinen Trauerschleier gehüllt, folgte ich ihm um Mitternacht mit zitterndem Schritt. Hanna verschloss hinter uns sich in die Zimmer, die wir verliessen. Glücklich erreichten wir den Saal, zu dem Gersem den Schlüssel führte. Ich sah die Züge, die mein Leben beglückt hatten, zu denen einer Heiligen verklärt. Lange betete ich an ihrem Sarge, gelobte ihr Alles, was sie lebend von mir begehrt; ihr Anblick hatte mich über den Schmerz erhoben, ich fühlte mich völlig besonnen, als ich Gersem aufschreien hörte und eine gellende stimme an mein Ohr traf. Ich sprang auf, um zu entfliehen, aber ich fühlte mich gehalten, und ein blick auf den, der mich ergriff, sagte mir, ich sei in der Gewalt des gefürchteten Oheims. Ach, was er sagte, kann ich nicht wiederholen, es waren wütende Schmähungen, Spott, Gelächter an dem Sarge seiner Schwester! Verzweiflung ergriff mich, ich rang mit ihm, er behielt meinen Trauermantel, und als mein erbleichtes Angesicht vor ihm entüllt war, glaubte seine feige Seele einen Geist zu schauen. Er schrie wild auf, verhüllte sein Gesicht, und er war es nun, der fliehen wollte. Zugleich fühlte ich mich von Gersem weggezogen. Doch wir hatten noch nicht die tür erreicht, da hatte der Elende sich gefasst. Du bist also kein Geist, schrie er lachend, nun so sei mir willkommen! Er entriss mich Gersem, ich schien verloren, meine Sinne schwankten, meine Kräfte brachen. Da stürzten die Diener plötzlich herein, und der Ruf von Feuer drang uns entgegen. Er liess mich nun los und eilte nach der Gallerie, wir ihm nach, zu entfliehen. Das Feuer stürzte uns prasselnd aus der Gegend, wo wir Hanna verlassen, entgegen. Ich wollte mich hinein stürzen, Hanna zu retten; aber Gersem warf meinen wieder aufgehobenen Mantel über mich, rief Hanna's Gefahr einem Andern zu und schleppte mich mit überlegener Kraft durch die Gänge nach dem Garten. Hier gab er mir Luft, aber nötigte mich, eilig weiter zu fliehen, bis wir, aus dem Park entkommen, einen Meierhof erreichten. Hier verhüllte er mich wieder und verbarg mich in einer hohen Hecke. Er forderte zwei Pferde, die man ihm, als angesehenen Schlossbedienten, nicht versagte. Eine Strecke vom haus bestiegen wir sie und jagten fort. Gersem sagte mir, er wisse kaum wohin, doch nach London müsse ich. Er gab mir ein kleines schwarzes Buch; ich kannte es wohl, es gehörte meiner Tante; ich solle es auf meiner Brust verbergen, er habe es seit ihrem tod immer bei sich getragen. Die Angst vor der wilden Nähe jenes Mannes verschlang bei mir jedes andere Gefühl, ich fürchtete nichts, als ihn. Nach London wollte auch ich, dort lebten meine Beschützer, das wusste ich. Doch es war anders bestimmt. Unsere Pferde trugen uns noch den andern Tag, doch dann nicht länger. In einer kleinen Herberge in einem wald kehrten wir ein. Ein altes gutes Weib suchte mich zu erquicken, obwohl sie wenig besass und ich unfähig war, Nahrung zu nehmen. Gersem pflegte unsere erschöpften Pferde. Wir mussten die Nacht rasten, obwohl kein Schlaf uns erquickte, denn mein Herz war erfüllt von Schmerz, und die schreckliche Ungewissheit von Hanna's Schicksal fügte noch neue Leiden hinzu. Mit dem ersten Morgenstrahl brachen wir auf, doch unsere Eile war umsonst. Um Mittag hörten wir den Hufschlag von Pferden hinter uns. Gersem hatte keinen Zweifel, dass es unsere Verfolger seien. Da ergriff ihn blinde Wut und Verzweiflung. Er trieb mein erschöpftes Pferd an, und die immer näher kommenden jagenden Pferde frischten auch in den unsern den natürlichen Instinkt an, jene nicht vorkommen zu lassen. Doch dieser Wettlauf blieb in einer offenen öden Gegend dennoch ohne Erfolg. Verwünschungen trafen unser Ohr, Staub hüllte uns ein, im Nu waren wir umringt. Der fürchterliche Mann ergriff meine Zügel, er wollte mich selbst ergreifen, aber mein Abscheu benahm mir jede Furcht. Ich befahl ihm, mich nicht anzurühren, und er gehorchte mir; aber er nannte Gersem Entführer, Verräter. Ach, noch mehr böse Worte folgten, und er wollte wissen, wer ich sei. – Wer sie ist, gehört nicht vor Euch und geziemt mir nicht, Euch zu sagen; aber hütet Euch, sie zu kränken, fürchterlich wird die Rechenschaft sein, die Ihr zu geben habt, fürchterlich die Strafe, die Euch erreichen wird. – Doch diese mutigen Worte, die meinen Verfolger erschrecken sollten, erhitzten ihn nur mehr. Ich musste sehen, wie dies ehrwürdige Gesicht von einem Schlage seiner wilden Hand verletzt ward, während er mich sogleich anrief, ihm zu folgen. Doch mich in die rohe Gewalt dieses Mannes zu begeben, schien mir härter, als der Tod. Ich will nicht mit Euch, ich will nach London, dort finde ich Schutz; lasst mich weiter reisen! rief ich ausser mir. Er stiess hier ein so wildes Gelächter aus, dass ich schaudernd mich wegwandte. Doch in dem Augenblick fühlte ich seinem Arm um mich. Ach, mein Angstgeschrei riss Gersem wild wie einen Löwen herbei. Er hatte den schrecklichen Mann, der mich hielt, schon