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blick mich noch richten könnte, wie sonst. Sie würde mir zürnen, wenn ich von Gottes Erde mich weg wünschte, weil Unglück mich traf; sie hätte umsonst für mich gelebt, wenn ich dem ersten Kampfe erläge, und nicht im Schmerze freudig bliebe und geduldig vor Gott. Nein, nein, ich will freudig sein, ich willaber unendliche Tränen machten diese Angelobung der Freudigkeit unaussprechlich rührend. Bemüht, sie abzuziehen, hob die Herzogin an:

Wie, Lady, wie verhielt sich Eure Mutter zu diesem Verhältnisse? Sagt selbst, trat die Tante nicht der Liebe fast zu nahe, die Eurer Mutter, däucht mir, mehr gebührte, wie glich sich dies in Euerm Herzen aus?

Sicher so milde, als alles Uebrige unter diesen Schwestern, erwiderte unbefangen die Erzählerin, ich habe nie daran gedacht, ob ich darin fehlte, ich bin gewiss, man hätte es mir gesagt, wenn ich Unrecht damit tat. Ich genoss nicht immer den Umgang meiner Mutter. Sie war kränklich und hielt mich von sich stets in einiger Entfernung; nur Musik machte ich mit ihr in ihren Zimmern, sobald sie nicht ganz danieder lag, jeden Abend, und aus der Ferne fühlte ich mich stets durch die liebevollsten Anordnungen, die von ihr ausgingen, an sie erinnert. Nein, Mylady, sicher, ich kränkte meine teure Mutter nicht durch meine Liebe zu dieser Tante. Es wird mir recht klar darüber, nun ich daran denke. Diese teure Tante war so verehrt von aller Welt, dass dies selbst auf ihre nächsten Verwandten überging. Meine Mutter behandelte sie stets mit einer Liebe, die an Ehrerbietung grenzte. Mein Vater gab ihr den Vorrang im haus, ja, selbst meine Grossmutter, welche vor mehreren Jahren starb, schien mit Stolz in ihrer Tochter ein Wesen höherer Art zu erkennen. So fand Jeder meine Liebe natürlich, und nie war die arme, leidende Mutter mir darum weniger hold. Ich habe Euch nun noch zwei teure Personen zu nennen, welche ich immer bei den lieben Besuchen fand, die ich meiner Tante abstattete. Es war der Bruder meiner Tante, mein teurer Oheim, und sein Freund, und sie sind, teure Lady, die Einzigen, die mir das Schicksal übrig liess. Sie hoffe ich wieder zu finden, denn sie leben in London an dem hof des Königs. Die wenigen Wochen, die wir dann mit einander lebten, sind die genussreichsten meiner Erinnerung. Wir blieben in der tiefsten Einsamkeit. Niemand, als die alten Diener des Schlosses, war um uns her, aber die Tage vergingen wie Stunden, ach, und ich zu glückliches Kind war der Mittelpunkt aller Liebe, aller Belehrung. Die Erzählungen dieser Männer belebten die einsamen Gemächer um mich her, an den Hintergrund der alten geschichte meines Landes und Europa's reihten sie die begebenheiten der Zeit. Ich lernte das Böse kennen, denn sie wollten mich davor behüten. Sie wussten lebendig mir alle die Wunder des Lebens zu schildern; sie prüften mich dann, dass ich in ihren Erzählungen selbst das Rechte wählen und erkennen lernte. Sie erdachten tausend Proben für mein Gefühl, für meinen Verstand, für meine Kenntnisse, und oft sagte mir mein Oheim, ich sei vielleicht bestimmt, aus dieser tiefen Stille plötzlich in das Leben am hof und in grosse Verhältnisse zu treten. Doch stets müsse ich dort so still und gefasst bleiben, wie hier, und die Würde des Karakters und der Handlungen über jede äussere Würde stellen. Diese Andeutungen konnte meine teure Tante nie ohne Tränen hören, wie ich überhaupt bei reiferen Jahren wohl einsah, dass dieser Engel unter grossen Leiden gebeugt sei. Sie war so fromm, dass sie nie klagte, sondern stets gegen Gott voll Dank und Ergebung blieb, und indem sie mir grossen Gram eingestand, mich doch immer aufforderte, nie zu murren, nie das Glück als nötig zu betrachten, da das Unglück oft eher unser Herz veredle und diese Veredlung doch allein der Zweck unsers Lebens sei. Höchst schmerzlich war jedes Mal unsere Trennung, oft blieb ich länger, als mein Oheim, oft reiste ich früher zurück. Ein Jahr ist es jetzt, dass ich glückselig unter ihnen war, als die Nachricht von dem plötzlichen tod meines Vaters uns erreichte. Er starb in Edinburg, wohin meine Mutter sich sogleich begab, die mich indessen bei der Tante zu lassen wünschte. Wir waren alle innig betrübt, und meine Tränen flossen ungestört seinem teuern Andenken. Auch blieb ich mehr unter Hanna's Aufsicht, da meine Verwandten wegen des plötzlichen Todes meines Vaters viel zu überlegen und zu schreiben hatten. Endlich kamen Nachrichten von meiner Mutter. Sie war zurückgekehrt nach Nordwighall. Die Besitzungen meines Vaters in Schottland waren entfernten Verwandten zugefallen. Dies Schloss in England mit seinen schönen Ländereien war als Geschenk der Königin Elisabet unabhängig davon, und das Besitztum der Witwe. Meine Tante führte mich zurück, und da die Gesundheit meiner Mutter sehr gelitten hatte, schien sie sich nicht von ihr trennen zu können, wobei meine Lage sie ebenfalls zu beunruhigen schien, indem ich durch die Entfernung des Doktor Brixton, welcher eine einträgliche Caplanstelle in Edinburg angenommen, fast einzig auf den Umgang von Hanna beschränkt war. Warum sie sich dennoch von uns trennen musste, weiss ich nicht, da es ihr und uns allen so vielen Kummer machte. Von da an bezog ich Zimmer, welche an die meiner Mutter grenzten, und nur selten verliess sie seitdem das Bett