herrschaft einer sich ihr mächtig entgegenstellenden Individualität, von der sie sich bezwungen sah. Von diesem Augenblicke an liebte sie ihre Schutzbefohlene, und welche Schattirungen auch diese Liebe späterhin gewann, dieser Moment war doch entscheidend für Beide.
Fasst Euch, liebes Kind, sagte sie weich; mein Herz ist bereit, mit Euch zu fühlen; seid offen und wahr, wie vor Euch selbst, und denket dann nicht weiter daran, wie Alles klingen mag. Alter und Erfahrung kommen verständigend Euch wohl bei mir zu hülfe.
Und wahr will ich sein, wie vor Gott, der gegenwärtig ist und meine Gedanken leiten wird, rief die junge Lady, stand bei diesen Worten auf und setzte sich dann langsam und ruhig in ihren Sessel nieder, und das Auge in die Ferne richtend, hob sie ernst und gefasst ihre Erzählung an:
In Cumberland, Mylady, wie ich Euch beschrieb, an dem schönen Wasserspiegel des Solvay-Firt, von weiten Gärten umgeben, dort in dem schloss meiner Eltern in Nordwighall ward ich geboren. Mein Vater war der Graf von Melville, der Nachkomme Robert Melville's, des Freundes der schottischen Königin. Meine Mutter war eine Gräfin von Marr, und sie hatten Schottland beide verlassen nach dem tod meines Grossvaters, seinen Willen damit erfüllend, über dessen Ursache ich nie etwas hörte, vielleicht weil Nordwighall so wunderschön gelegen, so prachtvoll erbaut war und ein Geschenk der Königin Elisabet an meinen Grossvater. Von der Zeit an, dass ich mir dies glückliche Leben zurückrufen kann, blieben mir ausser meinen Eltern und den gefälligen Gästen noch einige Personen zur Seite, die teils meine Erziehung oder Pflege leiteten, teils mein Glück durch ihre Liebe und ihren Umgang erhöheten. Doch vor Allen nenne ich Euch die Mutter und Schwester meiner Mutter; zwar lebten sie nicht mit uns, aber sie machten uns häufige Besuche, und oft begleitete ich sie nach ihrem schloss, das tiefer im inneren des Landes lag. Ausser ihnen lebte mein teurer Erzieher, der Caplan meiner Eltern, um mich, und zu meiner Aufsicht war mir eine liebe Frau gegeben, die früher bei meiner Tante gelebt hatte und so unendlich gut zu mir war, dass sie stets mit Mühe und Sorgfalt jeden Dienst für mich übernahm und meine person nie aus ihren fürsorglichen Händen liess. Meine Zeit war, als ich aus den ersten Jahren der Kindheit trat, mit Sorgfalt eingeteilt. Meine Eltern besassen grosse Kenntnisse, sie wünschten sie auf mich zu übertragen, und Master Brixton, mein gütiger Lehrer, zu Oxford gebildet und hoch angesehen, unternahm es, als Freund meines Vaters, mich in den alten Sprachen und den höhern Wissenschaften zu unterrichten. Welch' ein glückliches Leben schufen mir diese abwechselnden reizvollen Beschäftigungen. Die schönen Morgenstunden, wo ich in Brixtons kleinem Studirzimmer seinen liebevollen Unterricht genoss, und aus seinem weisen mund das Gute und Schöne vernahm, und es, von ihm oft wiederholt, endlich auch behalten lernte. Und dann, wenn die spätern Stunden herankamen und ich schon von ferne den Schritt des Vaters erkannte, der nun kam, mich hinaus in's Freie zu führen. Die mutigen Pferde stampften den Boden und trugen uns pfeilschnell durch die schöne Gegend. Ich schoss den Vogel in der Luft, und der schwarze Punkt in der Scheibe trug manchen Bolzen von mir; ich lief mit den Kindern des Schlosses um den Preis; ich sprang von dem rand der Terrassen und Wälle immer höher und höher, wie mein Vater es selbst leitete. O, wie gern tat ich das Alles, wie fühlte ich so recht mein glückliches Herz! – Die Nachbarschaft von Schottland, der nahe Hafen von ††† brachte dann oft Fremde. Nicht immer durfte ich erscheinen, denn es hätte meine Zeit verdorben, die so schön durch Brixtons immer bereite Güte ausgefüllt war; aber es waren oft Feste, wo die Jugend der Gegend sich in Tanz und Spiel auf dem schloss erfreute. Doch höher, als alle diese Freuden, galt mir die Gegenwart meiner Tante. O, Mylady, welch' eine Frau war dies! Bedenke ich, wie ich fühlte, so muss ich sagen, dass ich nur für den Augenblick lebte, wo ich sie wiedersehen sollte. An sie dachte ich, wenn ich in arbeiten ermüden wollte; ihr Andenken war meine höchste Strafe, wenn ich gefehlt hatte; ihr heiliger Ernst umschwebte und mässigte die trunkene Freudigkeit meines Herzens. Und war sie nun endlich da, die heiss Ersehnte, deren Bild mich wie mein Schutzgeist umgab, dann fand ich keine Ruhe, ehe ich nicht zu ihren Füssen meine ganze Seele befreit hatte von jeder kleinen Schuld und Uebertretung. Jahrelang behielt ich ihre Antworten. Ach, so sprach kein Mensch ausser ihr, es war nie zu vergessen; es waren immer nur wenige Worte, oft ein blick, eine leise Bewegung des Hauptes oder ein Lächeln, worin Lohn und Strafe lag, wie sie Keiner erteilte. Ach verzeiht! rief die junge Erzählerin hier, und heisse Tränen stürzten aus ihren Augen, glaubt mir, Mylady, ich weiss nicht, wie ich leben kann, da dieses Ziel meines Daseins, dieser Zweck meines Strebens, meiner Wünsche und Hoffnungen, mir geraubt ist. Sie verhüllte ihr Gesicht, und die Herzogin ehrte den heissen Schmerz dieses feurigen Gemütes durch mildes Schweigen. Und doch, Mylady, sie ist es allein wieder, warum ich leben kann, warum ich leben will, und Alles ertragen und handeln, als ob ihr heiliger