Das höchste Vertrauen zu ihren Umgebungen hatte sie bisher von allen diesen Reflexionen abgelöst, und sie fühlte sich sehr unvorbereitet zu einer Art von Rechenschaft aufgefordert und durch ihr eigenes Ehrgefühl dazu getrieben. Dass sie aber nicht leicht sein würde, dass Rätsel vorhanden seien, darüber liess ihr folgerechter und gebildeter Geist keine Täuschung mehr zu. Wenn indess bei anderer Sinnesart diese überzeugung von der notwendigkeit einer Erklärung gegen die Herzogin ihr hätte Befürchtungen erregen können, erhöhte sich in ihrer Seele nur das Verlangen darnach; denn von der erfahrnen Frau glaubte sie vielleicht gelöst zu hören, was nur Mangel an Erfahrung, wie sie hoffte, ihr so dunkel erscheinen liess. Und so erbat sie am andern Tage durch Stanloff eine Unterredung mit der Herzogin, welche diese auch sogleich gewährte.
Sie bestimmte dazu die mittlere Schlosshalle, welche von der Sonne des Frühlings anmutig erhellt war. Auf Mistress Morton gestützt, trat die liebenswürdige Gestalt ein und begegnete dem strengen hohen Blicke der Herzogin, der sich forschend noch ein Mal auf sie richtete, mit einem so klaren, ruhigen und furchtlosen Aufblick ihrer Augen, dass die Herzogin von einer kleinen Beschämung sich ergriffen fühlte. Ihr oft erprobtes Mittel, durch diese Haltung Andere in schüchterner Ferne zu halten, ging an der wunderbaren, fast kindlichen Hoheit dieses frei entwickelten Wesens ohne alle wirkung verloren. Das augenblicklich darüber in ihr entstehende Nachdenken liess diesem jungen zarten Mädchen Zeit, die Herzogin anzureden, und mit der Ueberlegenheit der inneren Wahrheit ihr so liebevolle und ehrerbietige Dinge zu sagen, dass ihr verhältnis zu dieser stets sich überhebenden Frau in vollkommene Gleichheit und Natürlichkeit gestellt war, ehe die Herzogin aus ihrem kurzen Nachdenken zurückkehren konnte. Der Uebergang, den sie zu finden hatte, war ihr jedoch neu und nicht ganz klar, und sie begleitete einige frostige Worte mit einem bittern Lächeln und führte die junge Dame zu einem der Lehnstühle, welche man in die Bogen der Türen geschoben hatte, um die liebliche Aussicht der Terrassen zu geniessen. Es entstand eine kleine Pause, indem Mistress Morton sich auf einen Wink entfernte, und die Herzogin, welche sich erwartungsvoll zu ihrer Gefährtin wendete, sah jetzt auf ihrem gesicht den rührendsten Ausdruck einer lebhaften Empfindung. Sogleich fühlte sie sich in ihre bessere Stimmung versetzt, und mit dem gewinnenden Tone, der seine Modulation in einem gütig gestimmten Herzen findet, sagte sie:
Wir haben nun Zeit und Ruhe, uns ganz nach Willkür unsere Mitteilungen zu machen; doch eilt damit nicht, Lady. Lassen wir die schöne natur nicht unbeachtet, die sich dort vor uns ausbreitet. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich in den gefühlvollen Zügen die Liebe an solchen Gegenständen lese, auch ist kein Balsam süsser für ein leidendes Herz, als der Anblick von Gottes herrlichen Werken, wie auch kein Freund das glückliche Herz besser zu verstehen scheint und dessen Empfindung würdiger erhöht, als eben die natur. Seht, Lady, wie schön die Sonne die fernsten Gegenstände erhellt! Seht Ihr den glänzenden Streifen, der zunächst den Horizont wie ein breiter silberner Gürtel zu umschliessen scheint? Es ist der Trent, der seine schönen schiffbaren wasser an den Grenzen dieser Grafschaft vorüber führt, und in ihm viele Vorteile, mir aber einen oft wiederholten Genuss in seinem reizenden Anblicke, da ich vor Allem die Nähe des Wassers liebe. Ich bewohne daher auch gern Burtonhall, welches meiner Schwiegermutter gehört, und am Ausflusse des Trent in den Humber gelegen ist und allen Zauber eines Wasserschlosses um sich verbreitet hat.
Auch ich fühle lebhaft diese Neigung, hob hier die junge Fremde an, denn ich bin in einem schloss geboren und grösstenteils erzogen, das meine Eltern an der Grenze von England an den schönen Ufern des Solvay-Firt in der Grafschaft Cumberland bewohnten.
Wie, Lady? rief die Herzogin, wie sagt Ihr? In Cumberland? Bei Euern Eltern? Sie hielt inne, denn deutlich leuchtete aus den erstaunten Blicken der so heftig Angeredeten das Auffallende ihres Betragens ihr warnend entgegen. Doch sich schnell fassend und einen Uebergang suchend, fuhr sie gemässigter fort: Verzeiht, Lady! Lebhaft beschäftigt mich Euer Schicksal, wie gern möchte ich Euch dies Vertrauen, das Ihr mir schenken wollt, erleichtern, und doch, es wird Euch schwer, ich fühle es.
Ihr irrt, Mylady, wenn Ihr es in Bezug zu Euch versteht, erwiderte mit Sanftmut und Ruhe die Fremde; aber Ihr habt Recht in Bezug auf das, was ich Euch zu sagen habe. Denn dies Euch mitzuteilen, empfinde ich eben so viel Scheu, als sehnsucht. Mein Trost ist, dass Ihr es wissen werdet, und meine Furcht, ob ich im stand sein werde, Euch ein klares Bild von meinem jungen Leben machen zu können. Schenket mir Nachsicht, wie Ihr mir Mitleid schenket. Ach, Mylady, ich weiss, Ihr werdet mir Beides nicht versagen. Doch lasst mich Euch darum bitten; es tut meinem Herzen wohl, zu Euch mit kindlichem Vertrauen empor zu blicken.
Ehe die Herzogin es verhindern konnte, senkte sie sich zu ihren Füssen, drückte die Hand derselben an ihre Lippen und mit beiden Händen dann innig an ihre Brust, während ein Himmel von Liebe und Vertrauen aus den tränenschweren Augen zu ihr aufblickte. Das Herz der Herzogin war in Gefühlen erschüttert, die sie zwar einst mit der Zeit zu hegen gewünscht hatte, die sie aber jetzt fast gegen ihren Willen empfand, und nicht durch die herrschaft über sich, wie sie gewähnt hatte, sondern durch die zauberische