, ihr nahe; denn die sehnsucht war in ihrer ganzen Stärke wiederum erwacht, und die unwiderrufliche notwendigkeit, dies öde Dasein ohne ihn zu tragen, ergriff dies ungezähmte leidenschaftliche Gemüt in ihrer ganzen Stärke. In bittern Tränen aufgelöst, sank sie in einen Stuhl nieder, und vergeblich rang dies Herz nach Ergebung und Geduld. Der Augenblick war ganz verschieden von jenem früheren, der sie voll Andacht der Kapelle zugeführt, und was jetzt zu Gott gelangte aus der gereizten Brust, wir wollen hoffen, es fand Gnade vor dem väterlichen Richter, der mild den Schmerz der irdisch Fühlenden betrachtet.
Auch dieser Wendung ihres Kummers sah Morton lange schweigend zu, doch von den Türmen tönte dumpf der letzte Ruf der Wächter, verkündigend, dass Mitternacht vorüber sei, und ihr Mut ward durch die pflichtgetreue sorge um diese schrecklich nächtliche Wanderung und deren Folgen für die schwankende Gesundheit der Unglücklichen nun wiederum belebt. Sie näherte sich und wagte mit sanften Worten die Bitte, zurück zu kehren, nicht länger so zerstörend auf ihre Gesundheit einzustürmen. Die Herzogin zog die kalten hände von dem verweinten Gesicht bei dieser unwillkommenen Mahnung, und zürnend faltete sie die hohe Stirn.
Ich gebe Dir die Freiheit, zurück zu kehren, da dieser heilige Raum mit drohenden Gefahren Dir erfüllt zu sein scheint. Auch ohne Dich erreiche ich hier mein Ziel, und besser ohne harterzige Störung der heiligsten Empfindung! Verlass mich, ich will sorgen für Dich, wie Du für mich, so deute ich Deine Worte wohl ihrem Sinne nach. –
O wie beklage ich Euch, da Ihr so unglücklich seid, mich selbst so grausam zu verkennen, rief Mistress Morton hier mit einem solchen Ausdruck von Schmerz, so ohne allen Unwillen, indem heisse Tränen auf die kalten hände der Herzogin flossen, dass dieses starre Herz, was nur allzu oft erst im Bereuen sich erweichte, davon ergriffen ward. Hierdurch aus ihrem maasslosen Gram erweckt, trat auch der Zweck ihres Hierseins aufs Neue vor ihren Geist, und mit ihm das wirksamste Mittel gegen diesen Schmerz. Langsam erhob sie sich, ihre Tränen hörten auf zu fliessen.
Der Zweck, wozu ich hierher kam, liegt ausser dem Bereich Deiner Beurteilung, hob sie ernst und tonlos an; darum ermüdet mich Dein Einreden mehr, als es Deine stets gute Absicht wohl verdient. Ergieb Dich in meinen Willen, Du kömmst mir so am besten zu hülfe. Zünde diese Kerzen an, verlass dieses Zimmer und harre dann meiner im Vorsaal, fuhr sie zögernd und mit gepresstem Odem fort, ich hoffe, ich werde bald Dir dahin folgen. Sollte ich jedoch in einer halben Stunde nicht kommen, so kehre Du hierher zurück, ich bedarf dann vielleicht Deiner hülfe. – Mistress Morton zündete, während die Herzogin in ihren Mantel gehüllt, wie völlig ruhig, in der Mitte des Zimmers stand, die Kerzen an, die in frühern bessern Tagen nur halb verzehrt dies wohnliche Gemach erleuchtet, und verliess es dann mit stummer sorge. Jetzt war der entscheidende Moment unabweisbar herangenaht. Ich bin abgefunden mit mir selbst, ich bin fest – dies lag in ihrem Sinne, es lag in ihrem Schritt, womit sie ohne Verzug den Kerzen sich nun näherte, sie ergriff und den Vorhang aufhob, der sie in das kleine Schlafgemach versetzte, das mit dem feinsten Schmucke der in Holz geschnittenen Wände eine schön gezogene Rotunde bildete. Es war auf den Zierrat dieses schönen Schmuckes eingeschränkt. Alles zur Ausstattung eines Schlafgemachs Gehörige war in den Nischen angebracht, welche die Holzwände bildeten, die getrennt von den Mauerwänden standen und durch fein gefugte Türen, die dem Druck der Feder folgten, in sich verschwindend, zugänglich wurden. Die Herzogin berührte eine dieser Federn in dem Schnitzwerke, und sogleich teilten sich von selbst die Wände und die dunkel seidenen Vorhänge, die das Bett des Herzogs umzogen, bewegten sich, in dem feinen zug wallend, ihr entgegen. Sie presste die Hand an ihr pochendes Herz und schaute fest dahin, bis der leise Hauch verteilt war und die Vorhänge ihr schwaches Leben wieder aufgegeben hatten. Sie sah es, sie war allein, die Vorhänge hoben sich nicht von geliebter Hand, und dennoch weilte ihr blick, ihre ganze Gestalt wie bezaubert auf jener Gegend. Sie zuckte, als wollte sie sich wenden, und doch, sie vermochte es nicht. Sie schritt endlich vor, den Armleuchter in ihrer Hand; sie setzte ihn am Bette auf einen Tisch nieder, schlug die hände in einander und rief mit fester stimme: Noch ein Mal wiederhole ich es Dir, o mein Gemahl, ich bin gekommen, Dir zu vergeben, Deine Ehre wird mir heilig sein! Und Alles, was Dir gehört, es sei von mir erkannt, als hätte Deine Bitte darum mein Ohr erreicht. Höre mich, kein Eid ist unverletzlicher, als der Entschluss, den meine Liebe meinem Stolze abgerungen, ich vergebe Dir! Dies wird zu Dir dringen, und wenn Dein Herz, mit dieser Schuld belastet, ungesöhnt vor Deinen Richter trat, so sei die Vergebung Deines Weibes die Fürbitte an Gottes Trone, und Friede sei Deinem geist! – Sie war wieder sie selbst geworden unter diesen Worten. Ihr guter Engel neigte der Siegerin sich zu, der Friede senkte heilend sich in ihre Brust, sie hätte sterben können, das Irdische lag bekämpft zu ihren Füssen. So sei es, sprach sie nach einer Pause. Sie wandte sich und schritt der gegenüber liegenden Wand entgegen. Eine Blumenschnur in Holz