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Herrin ruhte einen Augenblick an dem mütterlichen Busen der edlen Frau, die in der Liebe zu ihrer Gebieterin die eignen Wünsche längst verlernt hatte. Willig liess sie sich dann gefallen, was die alte Freundin zu ihrer Verhüllung herbei schaffte, und unterdrückte das hindernde Wort, als die Sorgliche mit geheimnissvoller Hast nach dem Fläschchen griff, dessen Inhalt der Herzogin oft zu hülfe kommen musste. Sie nahm sodann den Armleuchter und schritt der Herzogin voraus. Der Mond leuchtete vor ihnen her durch die hohen Bogenfenster, das Licht der schwankenden Kerzen vermochte die weiten Räume nicht zu durchdringen, aber die seit Jahren so oft durchstreiften Gemächer boten kein Hinderniss dar, und man gelangte nach dem nördlichen Turmzimmer und stand jetzt vor der Tür, die nach dem italienischen Flügel führte. Die Herzogin reichte mit gesenktem blick an Mistress Morton den Schlüssel, den sie unter ihrem Mantel trug, und Morton öffnete die tür, welche sogleich die weiten Säle überschauen liess, die, in ihrer inneren Einrichtung so abweichend von den eben durchwanderten Zimmern, die Kunstwerke aufbewahrten, welche diesem Flügel seinen Namen gaben. Seit der Abreise des letzt verstorbenen Herzogs nach Spanien waren diese Zimmer nicht eröffnet. Die Herzogin bewahrte den Schlüssel dazu und hatte bis jetzt jeden Gebrauch desselben verweigert. Wer hätte denken mögen, dass sie selbst diese Stelle zuerst und zu einer Stunde betreten würde, die den Geist empfänglicher macht für die Schauer so schmerzlicher Erinnerungen. Auch schien die Lady von dem ganzen Gewichte dieses Augenblicks ergriffen und blieb wie überwältigt an der Schwelle stehen, während ihr im qualvollsten Schmerze glänzendes Auge die Räume durchflog, die, durch den Schein des Mondes, der hier durch farblose breite Fenster drang, ganz ungemein erhellt, gegen die düstern eben durchstreiften Gemächer einen so auffallenden Kontrast bildeten, dass es scheinen konnte, als liege hier die wohnung eines verklärten Geistes, von überirdischem Lichte erhellt, vor Augen. Der Zauber des Schönen benahm so dem Düstern jegliches Grauenhafte, der Geist hob sich unter dem Einfluss dieser Magie, und die Herzogin überschritt die Schwelle, während ihre Seele auf einen Augenblick abgezogen war von dem Schmerze ihrer Brust. Leise den Kopf schüttelnd folgte ihr Mistress Morton. Das Vorhaben ihrer Gebieterin, zu dieser Stunde die wohnung des geliebten Gemahls wieder sehen zu wollen, schien ihr so weit die Grenzen von Vernunft und Mässigung zu überschreiten, die sie sonst bei ihrer Gebieterin wahr zu nehmen gewohnt war, dass sie sich gestehen musste, sie könne ihr nicht mit ihren Gedanken folgen. Es schien eine Art von Ueberspannung, eine Schwärmerei in ihrem Beginnen zu liegen, wofür die alte Dame weder in sich, noch in den bisherigen Handlungen der Herzogin einen Maassstab fand, und sie musste hier entweder dem Tadel Raum geben oder einer aufkeimenden Ahnung, dass noch ein anderes geheimes Motiv bei der Herzogin zu grund liegen könne. Sie behielt wenig Zeit zu solchen Betrachtungen, indem sie dicht hinter ihrer Gebieterin in das Zimmer des Herzogs trat. Die unglückliche Gattin, plötzlich von all den teuern Gegenständen umgeben, die in ungestörter Ordnung noch seiner Ankunft zu harren schienen und die treuen Zeugen seines schönen Lebens waren, sank mit einem Strom von Tränen an dem Armstuhl nieder, in dem er so oft vor dem mit Büchern und Karten bedeckten Schreibtisch sass, Jedem, der in die gegenüberliegende Tür trat, das helle Auge zuwendend.

Welch' eine Reihe von Gedanken ergriff hier mächtig ihr gebeugtes Herz in diesem ihr fast heilig scheinenden Gemach, von seinem Fuss zuletzt betreten, von seinem Odem noch erfüllt. Die ewige schreckliche Trennung, die sie mit allen Qualen durchgefühlt, hier schien sie ihr zur Lüge zu werden. Sie hob den Kopf, sie schaute umher, die Täuschung schien von diesen teuern Umgebungen ihr Gewand zu borgen, er musste kommen, hier konnte er nicht fehlen.

Komm! rief sie dumpf, verlass mich nicht! Komm! O lass mich nicht allein! Sie lag noch auf ihren Knien, aber aufgerichtet mit dem haupt, das sie über ihre Schulter nach der Seite zu gewendet hatte, wo ein dichter Vorhang den Eingang zum Schlafgemache verbarg. Es war unaussprechlich schauerlich, wie sie die Hand ausstreckte, als wolle sie die seinige ergreifen. Mistress Morton bebten die Knie, und es rieselte kalt über ihre Gebeine. Sie war frei von den Schwächen, die der damaligen Zeit noch nicht fremd waren, an Zauber und Erscheinungen zu glauben, aber sie hatte den edlen Herzog geliebt, und die Erinnerungen, die dies Zimmer in sich schloss, hatten ihr treues Herz auf's Neue in Trauer versenkt. Sie begriff die Leiden ihrer unglücklichen Gebieterin zu wohl und hegte zu viel Ehrfurcht für dieselbe, um störend mit ihrem geringen Troste dazwischen treten zu mögen.

Aber sie schauderte, und ihr sorglicher blick richtete sich auf das Ende so tiefer und zerstörender Leiden. Der Ausdruck in den Zügen der Herzogin war milde geworden, und ihr Auge, in trübem Glanze schwimmend, von einer unaussprechlichen Tiefe des Schmerzes und der Zärtlichkeit belebt. Aber ihr langes stummes Harren blieb umsonst, der Vorhang bewegte sich nicht, nur ein tiefer Seufzer traf ihr Ohr und riss sie vom Boden empor. Sie stürzte einige Schritte vorwärts und stand vor der bebenden Morton, die sie völlig vergessen hatte, und aus deren treuem Busen der Seufzer gedrungen war, der selbst diese starke Frau bis an die Grenzen des Geisterreichs geführt hatte.

Doch der kurze Wahn, von dem sie hier umsponnen ward, war alsobald zerrissen, und die Wirklichkeit trat schmerzenbringender, als je