Ergebung auf. Sanft zog sie die liebende Hand an ihre Lippen und sagte mild:
Du hast mich also noch nicht aufgegeben, meine wahre, liebe Mutter? Man schilt nur da, wo man noch auf Besserung hofft. Ich will Dir so gerne folgen, hätte ich Dir immer folgen können, wäre ich Dir vielleicht ähnlicher. Ach, ich bin schwach, wie ich und Andere mich wohl noch nie gesehen. Ich bin mir fremd und kann mich in mir selbst nicht finden. Welch' ein gebrechlich Ding ist, was wir oft in uns als Kraft bezeichnen möchten, weil wir ertragen konnten, was Andere um uns her erweichte; und jener eitle Wahn eines steten Mutes, weil uns lang verschonte, was uns zu beugen aufbehalten war, wenn er verfliegt, welch' einen blick lässt er in unser Inneres tun, von dem wir ohne Vorwurf kaum uns wenden können! Es will uns mahnen, als hätten wir Vieles wohl in uns versäumt zur hülfe aufzuziehen, da wir irrtümlich so stolz des Einen uns gesichert glaubten, was wir Kraft nannten!
Wo ist die Brust, die menschlich fühlt, geliebte Tochter, erwiderte ernst die alte Lady, und dennoch ohne Wanken in immer gleicher Fassung sich rühmen kann, dem Leben zu begegnen. Wir hören darum nicht auf, kräftigen Gemüts zu sein, wenn uns erschüttert, was Gott zur Prüfung dieser Kraft beschliesst, sie wird oft erst recht wahrhaft uns zu teil, wenn wir durchdrungen wurden von ihrer irdischen Gebrechlichkeit. Es hat mir oft scheinen wollen, als deuteten gar Viele den Begriff von Kraft wohl anders, als es vielleicht von Gott bezeichnet ward, und Du, geliebtes Kind, scheinst mir mit Deinen Klagen zuerst Dir selbst zu nahe zu treten. Kraft ist etwas Anderes, als Härte des Gefühls. Du bist nicht schwach, wenn Du tief leidend fühlst, was Gottes Hand Dir auferlegte. In Deinem Schmerze auch liegt Kraft, die Du zerstoben wähnst, weil sie Dich nicht mehr rüstet gegen ihn. Nicht das ist mir als Kraft erschienen, was uns ablöst von dem Allgefühl von Schmerz und Freude, kräftig just scheint mir der Mensch gestaltet, der Raum und Anklang für den Vollbegriff des Daseins hat; Freud' und Schmerz muss Recht behalten über ihn, und Streit und Widersprüche dürfen ihn bewegen. Immer wird er noch zum Bund der Starken sich zählen dürfen, denn wenn Du reich begabt in's Leben trittst, ergreift es Dich auch reich, Du trachtest es zu heherrschen, es reizt Dich, dass Du von ihm beherrscht Dich fühlst. Dies Ringen um den Preis der Freiheit ist das Ziel, das jeder starken Seele vorschwebt, und jeder Siegende muss Kämpfer gewesen sein. Was Dich alsdann erquickt, nenn' es Frieden, nenn' es Geduld, es ist so schwer, es zu erringen, dass auch der Starke es spät erst in seiner vollen Bedeutung sein eigen nennt. –
Geduld, geliebte Mutter, nennst Du dies Lammgefühl, was die natur, ohne alle Zugabe und Verdienst, oft in die Brust des schlaffsten Wesens bei der Geburt schon legte? Nennst Du es synonym mit Kraft, während mir beide als Pole in der menschlichen natur erscheinen? Ist denn Geduld nicht just der Mangel aller Kraft? Wird der, der Mut in sich fühlt, dem Leben die Gestaltung abzuringen, die er in sich beschlossen, als die rechte, wird er, anstatt zu tun, wozu die Kräfte ihn beriefen, als tatenloser Zeuge stehen und bloss empfangen, gut oder schlecht, was Andere statt seiner beschlossen? –
Wer hat gelebt und nicht erfahren, liebe Tochter, dass jenen mutigen Beschlüssen im Gelingen die Grenze gesteckt ist. Wir schauen das Leben an, ein lieblich Rätsel in der Jugend, von dem wir nur glückliche Auflösung hoffen. Es widerstrebt dann später, und wir entzücken uns im Widerstande, der unsere Kräfte weckt, im heissen, aber genügenden Gefühl so viel zu geben, als wir nehmen. Wer kräftig erschaffen ward, der träumt, das Leben sei in seiner kühnen Hand; nach Aussen hin sieht er Hoffnungen erweckt und suchet grosse Dinge; doch ist kaum der Gipfel erreicht, wo er beginnen wollte, und es bricht zusammen, was in dem Bereiche dieser Trümmer lag, was er just schaffen und erreichen wollte. Gar leicht erscheint da dem Besten auch der Augenblick, wo er sich frägt, ob er die Welt, ob die Welt ihn betrogen habe. Der Kräftige überlebt diesen Augenblick, und was dann in ihm ersteht, beglaubigt erst, was früher er verheissen. Zwischen Wollen und Gelingen ist die geheimnissvolle Tiefe ihm aufgedeckt. Die Grenze, die dem raschen Schritte von Aussen ward gesteckt, er steckt sie selbst sich in die feste Brust. In sich zurückgewiesen, sammelt er die Schätze, die so reizend aus sich selber ihn herausgelockt; und was aus diesem züchtig eingehegten Schatze nach Aussen dann wieder dringet, es will nicht sich, es will dem Guten helfend sich erweisen. Auf diesem Wege kommt im Starken, und just allein in ihm, das grosse Wort zu Ehren, was ich Dir nannte: Nenne es Frieden, nenn' es Geduld! –
O Mutter, wie Wenige verdienen dann Dein heilig Wort! Wie schnöde hab' ich selber auf dies Gefühl geblickt, was aus Deinen Worten zum Heil'genschein mir wird, um eines Märtyrers vernarbte Stirn! –
Und wer auch, meine Tochter, ruft die Deutung dieses Wortes