B. unter allen im Wilhelm Meister auftretenden Personen des Dichters Liebe vorzugsweise in Marianen und Mignon? Es sind diese beiden Gestalten aber auch die schönsten unter allen, wie sie die leidvollsten sind. So wollen wir denn auch unsern Verfasser dieser Dichterneigung ungestört folgen lassen, und statt unbefugt zu tadeln, lieber auf eine besondere Virtuosität desselben aufmerksam machen. Dies um so mehr, weil er sich in so strenge Anonymität zu hüllen gewusst hat, dass selbst dem Verleger, wie ein Vorwort berichtet, sein Name völlig unbekannt geblieben ist; ein kluger Leser, der sich aufs Raten legen will, mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig erhalten. Es versteht nämlich der Verfasser nicht nur Gemälde mit der grössten Gewandteit und in anschaulichster klarheit zu beschreiben, sondern er gibt auch von einzelnen Gegenständen so pittoreske Darstellungen, und liebt es besonders, ganze Scenen in so bestimmter anmutiger Gruppirung zu einem Leben atmenden Tableau zu gestalten, dass er sich als einen in die Geheimnisse der Malerkunst tief Eingeweihten verrät. Wir selbst wollen uns durch diesen Fingerzeig nicht zum Raten verführen lassen, sondern uns nur des Trefflichen freuen, das die Kunst des Verfassers in dieser Beziehung uns dargeboten hat. Ein Talent, wie der Verfasser es hier zeigt, und wie wir es in anderer Weise an Göte und Tieck kennen und bewundern, lässt es recht inne werden, dass, wie die Malerei in ihrer grossen längst abgeschlossenen Zeit die Poesie in sich trug, so umgekehrt die mündig gewordene Poesie die Malerei einschliesst. Und so mag man es wohl als einen richtigen Takt bezeichnen, wenn eine berühmte deutsche Malerschule unsrer Zeit sich so gern an die Dichter lehnt und ihnen in ihren Darstellungen nachstrebt; wiewol es immer eine bedenkliche Frage bleibt, wozu doch das Streben nach einem bereits Erreichten führen könne, nach einem Erreichen zumal, welches für dieses Streben ein Unerreichbares ist; denn für eine Anschauung oder Empfindung, die der echte Dichter bereits gestaltet, und der er am Worte einen geistigen, helldurchsichtigen Leib gegeben hat, sind selbst Farbe und Klang zu stoffartige, trübe Darstellungsmittel. Sei dem nun wie ihm wolle, wir, die wir nichts von der Berliner Kunstausstellung abbekommen, wollen uns an unserm Lesepulte der herrlichen seelenvollen Bilder, welche der Dichter von Godwie-Castle uns vorführt, dankbar freuen.
Unerwähnt darf nicht bleiben, dass der Verfasser, was ihm sehr hoch anzurechnen, es in echter Dichtervornehmheit vorschmäht hat, den Leser mit der Auflösung der rätselhaften Begebenheit, die den Inhalt des Buches bildet, in beliebter Scottischer Weise möglichst lange hinzuhalten, und so durch Spannung einen vorübergehenden Effekt zu erzielen. Schon am Anfange des zweiten Teiles erhalten wir diese Auflösung, und wenn der Verfasser, wie er selbst sehr schön sagt, es vorgezogen hat, den Leser lieber "in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie zu vermeiden wären, weiss, und doch ausser Stand gesetzt ist, schützend oder warnend einzuschreiten" – so ist es ihm mit der Erzeugung dieser Stimmung bei dem Referenten wenigstens vollständig gelungen.
Die Sprache des Verfassers hat viel Eigentümliches; ein sehr kompakter Periodenbau, in welchem durch eine zuweilen etwas ungewöhnliche Wortstellung ein klingender Rhytmus sich bemerkbar macht, der oft nahe an den Vers streift, zeichnet besonders die beiden ersten Teile aus. Im dritten lässt die auf den Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach; einzelne Stellen verraten Eilfertigkeit, auch Inkorrekteiten laufen mitunter. Diese letzteren indess zu rügen fällt dem Referenten gar nicht ein, vielmehr freut er sich über so eine Inkorrekteit, wie Tischbein über den Esel. Es ist nämlich in unsern Tagen nichts so wohlfeil geworden, als ein sogenannter guter Stil; Alles besitzt ihn, ja je bornirter einer ist, desto besser handhabt er ihn; eine geleckte, geschwätzige, in bestimmter fertiger Phraseologie glatt und ohne Anstoss wie auf einer Chaussee dahinrollende Redeweise ist völlig zum Gemeingut worden. Weil denn nun Alle einen guten Stil haben, und zwar Alle den nämlichen guten Stil, so steht zu befürchten, dass darüber aller Stil zu grund gehe, der nämlich, von dem es heisst: le style ce'st l'homme! Ein bedrohliches Zeichen, dass wir uns wirklich dem glänzenden Elend der Klassicität nähern, womit für eine Nation doch nichts anders gesagt wird, als dass sie in ihrer Literatur das Bewusstsein einer grossen Vergangenheit ausspricht, ohne eine über sich hinausragende Gegenwart zu haben. Mussten wir ja sogar erst kürzlich, und zwar aus der Mitte des weiland jungen Deutschlands heraus, ein Liedchen singen hören, dass die graue Nebelgestalt des alten Ramler mit den berufenen Wappenschildern von klassischem Muster, Korrekteit, Geschmack u.s.w. aus ihrer Vergessenheit heraufbeschwört. Solcher Richtung gegenüber muss man es noch für ein günstiges Symptom halten, wenn der herrliche Göte nicht allgemein anerkannt, ja wenn er verunglimpft wird; besser so, als dass er, was von einer andern Seite her in kurzsichtiger Aestetik geschieht, zum Musterpoeten verknöchert wird. Es hat indess mit der Klassicität keine so grosse Gefahr, so lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedrängter Musse zu schaffen vergönnt ist, und so lange noch grosse Unbekannte, wie der Verfasser von Godwie-Castle, unsere Literatur bereichern."
Braniss.
Erster teil
Der Tag neigte sich zu Ende. Leichte Nebel stiegen aus den Tälern und verbreiteten eine seltene zauberische Beleuchtung, indem sie die Strahlen der Sonne, welche einen warmen Frühlingstag verklärt hatten, sanft verhüllten. Wer hätte nicht der natur Momente abgelauscht, wo die wunderbare Gestaltung der Wolken