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Anwesenheit der Gesandtschaften aller Höfe in Whitehall die glänzendsten Feste mit ernsten und schwierigen Unterhandlungen wechselten, hatte ich auf einem Balle, den der König gab, mich erkältet, denn es war ein kalter, trüber Sommer. Als wir uns den nächsten Tag bei der Königin versammelten, fühlte ich ein schwaches Fieber, und Friedrich von Nassau, mit dem ich mich unterhielt, erriet mein Uebelbefinden und sprach mir zuerst von seinem Lieblingsgetränk, welches er ein herrliches Mittel gegen all die klimatischen Uebel nannte, die der feuchte Holländische Dunstkreis, wie der unsere, so leicht mit sich führt. Mein Gemahl und der Marquis von Rosny traten zu uns, und nachdem Rosny, der stets mit Friedrich von Nassau sich neckte, auch dies Getränk angegriffen, das Friedrich so heilsam fand, schlug mein Gemahl vor, einen gemeinschaftlichen Versuch in unserm Palais zu machen. Da der Hof am andern Tagewie sie es nanntenruhte, so versammelten sich die Herren an diesem Abend in meinen Zimmern. Friedrich von Nassau; Johann von Olden-Barnevelt, der edle und tugendhafte Märtyrer seiner hochherzigen Gesinnungen; der Marquis von Rosny, jener nachmals so berühmte Herzog von Sully; Aremberg, der Gesandte Erzherzog Alberts; Taxis, von Spanien gesandt; mein Gemahl, mein Bruder Cecil, meine beiden Söhne und einige andere Herren des Hofes machten einen kleinen, aber seltenen Zirkel aus, und von dem tiefsinnigsten Ernste bis zu dem heitersten, mutwilligsten Scherze waltet der Zauber der höchsten geistigen Bildung und die Anmut der feinsten Sitte. Barnevelt war nun eigentlich die Seele bei der Teebereitung, um die es sich handelte. Seine dicken holländischen Lakaien trugen eine im Vorsaale mit allen dazu nötigen Bequemlichkeiten servirte Tafel herein, die aus der wohnung des Prinzen dazu herüber geschafft war, zum ausgelassensten jubel Rosny's. Barnevelt und Friedrich besprachen sich mit Ernst über die Quantität der zu nehmenden Blätter, und erregten durch ihre fingirte Gravität unser aller Laune. Die geschlagene Sahne, die Butter ohne Salz, die Weizenbrödchen und Zimmtbrödchen, waren nach grundsätzen hergestellt und durften zu dem Ganzen nicht fehlen. Das Ende war, dass wir das Getränk herrlich fanden, dass mein rheumatisches Fieber verschwand und Friedrich mir ein wunderlich bemaltes Kästchen von Ebenholz zurückliess, das mit diesen köstlichen Blättchen gefüllt war. Mein Gemahl hatte bald die Güte, mir einen silbernen Teetisch zu schenken, nach Barnevelts Angabe vollständig versehen; ausserdem noch ein an Pracht das meinige übertreffendes reich vergoldetes Tee-Service für meinen liebenswürdigen Freund, Friedrich von Nassau, der nun seit so vielen Jahren seine Tee-Galanterie gegen mich fortsetzt. Doch wie Lovelace dies Getränk zu bereiten weiss, scherzte die alte Lady weiter, findet er auch keinen Meister. War es nicht Barnevelt selber, der Dir damals Unterricht gab? – Euer Durchlaucht, der Kammerdiener Seiner Gnaden Barnevelt hat mich darin unterrichtet, antwortete Lovelace, sich ehrfurchtsvoll mit dem freundlichen Lächeln des befriedigten Ehrgeizes verneigend. – Nun, so verstand er es herrlich! Aber Lovelace würde auch Sturm laufen, wenn ich nicht gleich erschiene, so wie im ersten Aufgusse die Blume sich entwickelt hat, wie er es nennt, und ich lasse mich stets bereit finden, diesen Genuss mir zu verschaffen. Doch heute hat unsere gute Cottington, fürchte ich, Deinen Haushofmeister Ottwei erzürnt, denn sie hat sich von ihm die erlaubnis bei Deinem Küchenmeister verschafft, die Weizenbrödchen und Zuckerröllchen selber zu backen, die sie Dir eben anbieten wird, und wir werden uns ins Mittel legen müssen, damit die guten Leute uns nicht undankbar schelten für die köstlichen Backwerke, womit sie meinen Teetisch überschüttet haben, die sich aber für die alte Frau nicht mehr recht passen wollen. – Doch sieh, mein Liebchen, was spart' ich Dir hier auf, sprach sie, zu Lucie gewendet, und hob das silberne Schälchen mit den Brodkrümchen vom Schoosse; denn Lucie hatte ihre sinnende Stellung bei dem lieblichen Geruche der Zimmtröllchen verlassen und speiste schon ruhig darauf los, zur Grossmutter umgewendet und ihr die lieblichen Worte aus dem mund zählend. Sieh meinen Finger entlang dort nach der Birke zu, siehst Du das kleine Nest? – O Grossmutter, rief Lucie entzückt, und so eben ein Köpfchen, – jetzt zwei! O, lass es fangen, liebe Grossmama; guter Lovelace, fange die Vögelchen! – Nicht doch Lucie, dann müssten sie sterben; aber viel Besseres sollst Du selbst ihnen tun, füttern sollst Du sie, dass sie nicht Hungers sterben. Darum nimm die Brodkrümchen; streust Du sie auf den Rand des Altans, bald kommen sie dann, wenn Du wegtrittst, und holen sich die Nahrung in ihr Nestchen. – Gieb, liebe Grossmama! rief Lucie und hüpfte leicht hinaus, nur auf den Zehen nach dem rand schleichend, hold übergebogen, die Bröckchen zu streuen, wie man Engel auf alten Bildern sieht, die den Eingang zum Himmel mit Blumen bestreuen. Doch von einer neuen idee erfasst, wandte sie sich um, und das leere Schälchen nachlässig neben sich sinken lassend, legte sie beide Aermchen in den Schooss der Grossmutter und sagte, sie ernst anblickend: Stirbt denn irgend ein Vogel aus Hunger? – Es mag wohl, mein Liebchen. Ob Gott schon freundlich für seine Geschöpfe sorgt und auch die Menschen leitet, dass sie ihren Mitgeschöpfen Nahrung reichen, doch wohl stirbt manch' Vögelchen in solcher Jahreszeit, wo die natur noch arm ist an Nahrungsmitteln. – Lucie schwieg, dann sagte sie: Aber Hunde sterben nicht