, und sieh, wie schön der blick in die Landschaft ist, recht stärkend für meine alten Augen, überall das schöne Grün, und die laue Luft, so frisch und duftig von all' den jungen Blüten! – Mistress Cottington hatte sich freundlich genähert, den blick verfolgend, den die Herzogin mit kindlichem Vergnügen wieder hinaus richtete. Siehst Du hier wohl das Nest zwischen den feinen Zweigen der Birke, die uns zunächst steht? Ich habe die kleinen Tierchen beobachtet, wie sorgfältig und fröhlich sie bauen; das Häuschen muss noch nicht fertig sein, denn mit grossem Jauchzen brachte eben eins ein weisses Fläumchen in dem Schnabel, und hatte dann viel Arbeit, es unterzubringen. – Lovelace, sagte sie zu dem alten Kammerdiener, sei nicht so geizig mit Deinem Backwerk oder Weizenbrote, erübrige mir ein wenig für mein kleines Vogelpaar, die armen Schelme werden da draussen noch nicht viel finden und müssen nach der Arbeit wohl hungrig einschlafen. Wenn meine Enkelin Lucie kommt, fuhr sie fort, die ihr dargereichten Krümchen auf dem silbernen Teller zerflückend, dann soll sie dies auf den Rand des Altans streuen, die scharfen Aeuglein da oben werden schon Acht haben und es abholen.
So beschäftigt ward sie von ihrer eintretenden Schwiegertochter und ihren beiden Enkelinnen überrascht, und, ehe sie sich zum Grusse erheben konnte, von allen dreien zärtlich auf ihrem platz festgehalten. Ihr freundliches Sträuben ging bald in die Liebkosungen über, mit denen sie alle begrüsste, als ob sie seit der Tafel lang getrennt gewesen. O komm, mein gutes Kind, sagte sie zur Herzogin, setz' Dich so, dass Du just den blick in die Ferne hast, wie ich. Lovelace rücke meinen Stuhl; so, und nun nimm diesen hier ein. Wie geht es Dir denn? sagte sie, halb zu ihr aufblickend, doch die Herzogin hatte, ehe noch ihre Einrichtungen zu stand kamen, ein Tabouret zu ihren Füssen geschoben und sich schnell so zu ihr gesetzt, dass sie ihren Kopf an die Armlehne des Stuhles lehnen konnte, in dem die liebenswürdige Greisin sass. Sie wollte nun freundlich dankend zu ihr aufschauen, aber ihr blick tauchte unter in schnell hervorbrechenden Tränen, und sie senkte das Haupt in die zärtlich ihr entgegen gestreckten hände. Geliebtes Kind, erhebe Dein Herz! sagte die alte, gerührte Mutter; diejenigen glücklich zu wissen, die wir lieben, ist ein reineres Besitztum, als der Genuss, mit ihnen das zu teilen, was mangelhaft ist, wenigstens durch den irdischen Anteil, den wir ihm beifügen. – Ja wohl, ja wohl! seufzte die Herzogin aus überzeugter Brust, auch weiss ich kaum, ob es Schmerzenstränen sind, die Du siehst, aber Dein liebevoller Empfang, Deine Engelmilde, es löst in meiner Brust die Herbigkeit, die, – Du kennst mich ja, sagte sie, wie zagend zu ihr blickend. Ich weinte eben, ich glaube aus sehnsucht, Dir ähnlich zu werden! – Nun schwärmst Du gar, mein liebes Herz, erwiderte die alte Lady lächelnd, und willst das sich neigende Haupt der alten Mutter noch ein Mal erheben, und gar mit dem bösesten Feinde der Menschen, mit dem Stolze. Sie strich dabei, als ob sie ein Kind vor sich hätte, mit ihren weichen, duftenden Händen die Stirn und die Wangen ihrer Schwiegertochter, und tupfte mit ihrem Tuche sanft die schönen, tränenfeuchten Augen.
Nie war die Herzogin so ganz ihrer edlern natur hingegeben als in der Gegenwart der geliebten Mutter ihres Gemahls. Sie hatte so früh die eigene verloren, dass sie das Glück, von einem älteren weiblichen Wesen ihres Standes mütterlich geliebt zu werden, erst nach ihrer Verheiratung kennen lernte. Als die Herzogin mit ihrem Gemahl und dem Grafen Archimbald aus Spanien zurückkehrte, lebten beide Frauen in Godwie-Castle bis zum tod des Herzogs, wo alsdann die Witwe das freundliche Schloss Burtonhall bezog, welches ihr Gemahl zu ihrem Aufentalte bestimmt hatte. Das oft Störende in dem charakter der jüngeren Herzogin war eine ihr leicht mögliche Härte, in Gesinnung, Urteil und Worten, eine rauhe, tugendhafte Strenge, die sie sich selbst auferlegte, aber auch von Andern mit kalter Uebergehung dessen forderte, was mildernd oder begütigend solchen Anforderungen hätte entgegen treten können. Ihr tief leidenschaftliches Gemüt verbarg sie aus Stolz unter einer kalten Miene und Haltung; aber von Jugend auf durch eine freie, uneingeschränkte Ausübung ihres Willens verzogen, überraschte sie beim leichtesten Widerstande eine Heftigkeit, die zwar nur vorübergehend, doch in ihren Folgen nicht immer gut zu machen war. Dessenungeachtet hatte sie eine schöne und grossartige Karakteranlage, ein Herz, das in seinem Stolze auch eine grosse Reinheit bewahrte, und die klarheit des Verstandes, die ihr einen hellen blick auf sich gestattete. Oft ward sie dadurch unzufrieden mit sich, doch durch zu schmeichelnde äussere Verhältnisse immer wieder abgelenkt, liess sie die Fehler altern, bis sie einen teil ihres Selbstes ausmachten und nur noch einzelne wehmütige Stimmungen herbeiführten, die wie sehnsucht nach einem mildern Zustande sich regten, den sie aber, so lang verwöhnt, nicht mehr erreichen zu können wohl selbst fühlte.
Sie hatte wenig Freunde gewonnen und war meist auf die Bande eingeschränkt, womit die natur in ihren nächsten Verhältnissen sie umgab; aber dass sie die Herzogin sich gewonnen hatte, dass diese seltne Frau, ein vollkommener Gegensatz ihres eigenen Selbstes, ihr Liebe geschenkt hatte und erhielt, und nie sich durch ihre Fehler verscheuchen liess, das war der süsseste Trost ihres Herzens