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jedes menschlichen Wesens gerettet, ohne ein anderes Gebot, als das vor Gott geltende, zu bedenken; aber diese ernste Pflicht ist erfüllt, und die Pflicht, die meinem Herzen am nächsten auf dieser Welt steht, nimmt nun ihren Platz wieder unumschränkt hier ein. Ich bin alt, habe viel erlebt, viel gesehen und gehört, daraus kommt uns dann von selbst ein Verständniss noch unaufgeklärter dunkel daliegender Dinge, die Jugend nennt es Ahnung. Soll ich es Erfahrung nennen? Doktor, sagte sie, wie von banger Unruhe ergriffen, wenn wir die Kohle angeblasen, die dieses Haus in Flammen steckte? Auch dann, sagte Stanloff nach einem Augenblick des Erstaunens, indem er sie ernst anblickte und seine Hand dann fest auf ihren Arm drückte, auch dann sollte kein Zweifel meine Seele berühren über das, was wir getan. Wer das Rechte tut, soll den Ausgang getrost an Gott verweisen! Amen, sagte Mistress Morton, Ihr sagtet das Rechte, ich fühle es wie Stärkung in meiner Brust! So geht denn zu dem schlummernden Engelbilde, ich sah nie in meinem Leben etwas Schöneres, nur ein Mal etwas Aehnliches. Sie entfernte sich nach den Zimmern der Herzogin; der Doktor schüttelte leise den Kopf und trat zu seiner Kranken ein.

Den Bitten ihrer Schwiegermutter nachgebend, hatte die alte Herzogin von Nottingham ihren Aufentalt auf Godwie-Castle zu verlängern versprochen, bis zu der Rückkehr ihrer Enkel von London. Ihre Gegenwart war die Freude des ganzen Schlosses, denn mütterlich weilte ihr freundliches Auge noch auf jedem, den sie in ihren früheren Verhältnissen gekannt. Hülfreich und Jedem zugänglich, war sie eine reiche Quelle von Trost und Rat, und im höchsten Grade von ihren Kindern verehrt, war ihr Versprechen, sich zu verwenden, stets die Gewährung selbst. Aber ihre Güte hatte auch nichts mit der Schwäche gemein, die das Rechte oder Unrechte mit dem bloss Mitleidenswerten verwechselt. Sie erfuhr den Zusammenhang der Dinge leichter, als Andere, weil ihr eine Sanftmut und Geduld im Zuhören eigen war, vor der die verschüchtertste Seele Mut gewann, ihre dunkelsten Vorstellungen zu entwickeln, und mit dieser sanftesten Art deckte sie oft den Zusammenhang von Dingen vor sich auf, bei denen Andere umsonst geforscht hätten. Sie war sich dessen bewusst; ihre Kinder und Enkel staunten mit zärtlicher Freude diese schöne Gewalt eines liebenswürdigen Gemütes an, und sie wusste mit heiterm Scherze von dieser Gabe zu sprechen, als sei sie eben nur eines Scherzes wert; aber wenn sie lächelnd umher blickte und die lieben hände den Enkeln zu tausend Küssen überliess, sagte sie wohl zuweilen: Ihr werdet schon noch an die alte Grossmutter denken und sie Euch zurückwünschen! Ach, wer wusste das nicht, und wer hätte es sich nicht gern verläugnet, dass man ihrer je als einer Verstorbenen würde gedenken müssen!

Wir finden sie gegen Abend in den Zimmern des Prinzen von Wales, welche ihr stets zur Verfügung standen. Die purpurnen Tapeten und Vorhänge des schönen grossen Gemachs leuchteten in dem feurigen Glanze, den einige lichte von der Abendsonne gefärbte Frühlingswolken durch die weiten offenen Glastüren warfen. Sie führten auf einen Altan, der gegen Süden hin einen freundlichen blick auf die schönen Weidetriften und Meiereien zuliess, welche diesen teil des Tales einnahmen. In einem grossen Lehnstuhl, diesen Türen gegenüber, sass die ehrwürdige Frau in bequemer Ruhe, und ihr klares blaues Auge schien wohlgefällig den Reiz der Gegend zu geniessen. Sie war noch allein, aber sie erwartete ihre Schwiegertochter und Enkelinnen, und ähnliche Sessel waren um den ihrigen gestellt, bereit, sie zu empfangen. Wohl hatte der letzte Verlust die feinen Züge noch etwas blässer und durchsichtiger gemacht, aber es war, als empfände sie den Verlust, den ihre Geliebten erlitten, tiefer, als den eigenen. Ihre Züge verrieten noch jetzt im achtzigsten Jahre eine einst hohe und regelmässige Schönheit, ihr schneeweisses Haar lag in Fülle glänzend und glatt wie Silber um die hohe weisse Stirn. Die einst so schönen dunkeln Augenbrauen zogen jetzt den schmalen Bogen in dem Weiss des Hauptaares, aber die klaren Augen blickten noch in dem reinsten dunkeln Blau, und aller Reiz, der diese schöne Frau einst umstrahlt, und den die Zeit von ihr genommen, schien in diesem blick voll Huld und Güte sich vereinigt zu haben. Das feine kaum je verschwindende Lächeln, welches um die schmalen Lippen wie das Siegeszeichen eines ganz in Wohlwollen aufgelösten inneren ruhte, gab dieser ehrwürdigen Frau eine Anziehungskraft, dass nur ihr Angesicht zu schauen ein Genuss war, der zum Seufzer um ähnlichen Frieden in der eigenen Brust sich gestaltete. Die Ruhe um sie her und die erhabene Pracht des Zimmers passte vollkommen zu der ehrwürdigen Erscheinung, und die leisen Bewegungen ihrer Gesellschaftsdame, der Mistress Cottington, und eines alten Kammerdieners schienen den Wunsch auszudrücken, durch kein Geräusch das genussreiche Nachdenken ihrer verehrten Gebieterin zu stören. Aber auch, um sich einem solchen lange zu überlassen, war sie nicht eigennützig genug. Empfindungen jeder Art hatten das Recht ausschliesslichen Besitzes über sie verloren; der Uebergang von einer zur andern war leicht und milde, weil sie in leidenschaftsloser klarheit jeder ihr Recht zu geben wusste. Sie hörte bald das leise Schaffen der beiden treuen Diener, und indem sie den Kopf um die Lehne ihres hohen Stuhles bog, schaute sie lächelnd der alten Cottington in die sorglichen Augen und sagte, halb scherzend: Und wenn nun etwas bräche oder fiele, dennkst Du mich denn so schwach, dass ich erschrecken möchte? Komm einmal hierher, liebe Cottington