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Reihe bunt geschmückter Zelte und die zum Empfang bereiten Gäste des Master Allincroff erkennen liess.

Auch musste sie als Vorbotin der Erwarteten erkannt sein, denn sie sah, wie man sogleich mit einer weissen Fahne in die Luft wehte, und im selben Augenblick erhob sich ein lustiges Gewehrfeuer aus allen Gebüschen des Waldes und Weges.

Marias Pferd stieg einen Augenblick erschrocken in die Höhe. Doch besänftigt von der liebkosenden Hand und der sanften stimme der Reiterin, schnob es nur mutig, war bald vertraut mit dem muntern Geplänkel, und trug nur desto stolzer sich und seine Führerin.

Bei seinem ersten Schrecken hatte es sich jedoch gewendet, und nachdem Maria es zur Ruhe gebracht, schlug sie die Augen auf und nach dem Hohlwege hin, wo sie den Wagen der Herzogin erwartete. Doch welch' ein Anblick bot sich ihr dort dar!

Die Pferde der Herzogin waren gleichfalls von dem unbesonnen angeordneten Lustfeuern erschreckt worden, aber nicht von besonnener Hand, wie Maria's Pferd, beruhigt, stürzten sie sich mit rasender Eile den gefahrvollen Weg hinab, warfen Vorreiter und Kutscher von ihren Plätzen, und jagten über den steinigen, ungleichen Felspfad dahin, der, bald nach der entgegengesetzten Seite seine hohe, schirmende Wand verlierend, hier an einer Tiefe entlang sich fortzog, die den schäumenden Giessbach in einem reissenden Bergstrome sammelte.

Ein blick liess Maria's klares Auge die Gefahr übersehen, die hier fast unabweislich den Untergang der Herzogin und Luciens herbei führen musste, wenn sie ohne hülfe und Aufentalt diesen entsetzlichen Punkt erreichten.

Noch waren ihre Pferde trotz der Gedankenschnelligkeit ihres Laufes davon entfernt; es blieb eine Möglichkeit, sie aufzuhalten, wenn eben in dem gefahrvollen Wege sich Jemand ihnen entgegen werfen konnte. Aber wo fand sich diese hülfe? In weiter Entfernung jagten die Reiter vergeblich dem rasenden Sturze nach, der sich unaufhaltsam und unerreichbar ihnen voranwälzte, und sie nur zu Zeugen des entsetzlichsten Unglücks, nicht zu dessen Abwendung herbei zu rufen schien.

Maria war die einzige, die Vorsprung gewonnen hatte; noch ein Mal schaute sie nach hülfe umherkein lebendes Wesen nahte den Weg hinauf.

Da trat der Gedanke, der die angstvoll zuckende Brust erbeben liess, mit begeisterter klarheit hervor.

Für Richmonds Mutter das Leben zu wagen, welch' ein Hochgefühl in dieser liebenden Brust! Mit Blitzesschnelle drückte sie das elastische Tier, das so stolz sich von der geschickten Hand seiner Gebieterin leiten liess, in die Seiten; es schüttelte sich vor der Tiefe, aber schnell geleitet von der begeistert blickenden Führerin, erreichte es mit einem leichten Satze einen kleinen Felsvorsprung, der die Tiefe zur Hälfte teilte, der zweite Sprung auf den Weg trieb sich von selbst und war unaufhaltsam.

Fast ohne Besinnung von der doppelten Erschütterung des Sprunges, erreichte Lady Marie den Boden, aber gegen jede physische Schwäche lehnte sich das heldenmässig pochende Herz so mächtig auf, dass die Kraft ihr ward, die ihr nötig war.

Ganz nahe schon schäumte der Zug daher. Die wütenden Vorderpferde an den Zügeln zu ergreifen, das war die Aufgabe einer zarten Frauenhand, aber in dieser Hand lag die ganze Kraft des Herzens concentrirt, das zu lieben und zu sterben verstand. Ihr eigenes zitterndes Pferd in halber Richtung lenkend, streckte sie sich, von ihm seitwärts gebogen, dem entsetzlichen Laufe entgegen. Er hatte sie schneller erreicht, als Worte es auszudrücken vermögen. Wohl stutzten die wilden Rosse ob des Widerstandes, aber wie hätte er sie aufhalten können, hätte nicht Lady Maria's Pferd, in so nahe Berührung mit seinen schäumenden gefährten versetzt, erhitzt und erschreckt, einen angstvollen Satz in die Mitte des Weges gemacht und dadurch, gleichsam sich entgegenbäumend, sich mit den Vorderpferden verwickelt, wodurch das linke Pferd stürzte und nun von selbst sich gleichsam ein Knäuel der darüber hin strauchelnden Pferde bildete.

Der Wagen stand, bloss zuckend noch hin und hergerissen von den arbeitenden Pferden.

Lady Maria war einen Augenblick in diesem Knäuel verwickelter Pferde fast vergraben Aber das edle Tier, das sie trug, und auf dem sie noch immer, Besinnung behaltend, sich krampfhaft festielt, doch ohne ihm eine Richtung geben zu können, riss sich selbst mit stolzer Wildheit von seinen tollen gefährten los, und frei sich machend durch einen weiten Satz, tauschte es jetzt seine Freiheit um die scheueste Angst, sie wieder zu verlieren, und flog in gejagter Flucht den gefahrvollen Weg hinab.

Maria's Besinnung umhüllte sich, ihr Kopf streifte ein paar Mal gegen die niederhängenden Aeste der Bäume, sie sah nichts mehr deutlich und fühlte nur eine heftige schmerzhafte Erschütterung, die sie von da an ihres Bewusstseins gänzlich beraubte.

Die nachfolgenden Reiter, unter ihnen Richmond zuerst, hatten mit dem grössten Schreck das Unglück gesehen, das die unzeitigen Höflichkeiten des Master Allincroff über sie verhängten. Es blieb ihnen nichts übrig, als der Versuch, den Wagen zu überreiten, und dies war ein Versuch, den alle Männer unternahmen, all mit trostloser Gewissheit der Unmöglichkeit des Gelingens.

Doch hatte Richmond in verzweifelter Anstrengung fast sein Ziel erreicht; da sah er das fabelhafte Unternehmen der Lady Maria, welche wie ein Geist aus der Luft in zwei gewagten Sprüngen auf ihrem Schimmel die Luft durchschnitt; er sah sie im nächsten Augenblicke sich in einen fast gewissen Tod stürzen, sah sie verwickelt in den Knäuel der wütenden Pferde, und sah um diesen hohen Preis den Stillstand des Wagens erkauft, jetzt aber auch sie emporgerissen durch ihr wild gewordenes Pferd und von demselben Schicksal erreicht, welches sie von