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verblieben sein musste.

Sie willigte ein, das fräulein zu sehen, und sagte Brixton den Schutz zu, den er für sie bis zu seiner Rückkehr von London, wohin er sich augenblicklich zu begeben trachtete, erbat.

Jener Empfang war nicht ohne kränkende Aeusserungen und mit der stolzen Kälte verbunden, die wenig Mut übrig lässt. Aber Lady Maria hatte seit lange schon die glückliche Sicherheit der Jugend verloren, die sie in der ersten Zeit ihres Unglücks ihre ganze Lage klar und ehrenhaft ansehn liess.

Sie erkannte nur zu wohl, wie zweifelhaft ihre Geburt, Name und Zukunft geworden; und fühlte sie sich auch innerlich gehalten durch die zuversichtlichen Tröstungen Brixtons, so entging es ihrem klaren Blikke doch nicht, wie voll sorge der ehrwürdige Mann war für die nächsten Schritte, die ihm zu tun oblagen, und ob diese Dinge sich je bis zu der klarheit entwickeln würden, um Andern als Beweis und überzeugung dienen zu können, das stellte sich ihr in immer zweifelhafterem Lichte dar.

Sie verlernte daher auch in demselben Maasse, Ansprüche an die Gunst der Menschen zu machen, da sie sich durch so viel Missgeschick von ihnen ausgeschieden und aller Berechtigung beraubt sah, die ihr unter ihnen einen ehrenvollen Platz anweisen konnte. Sie hatte es daher nur mit tiefer Beschämung geduldet, sich der Familie Nottingham aufgedrungen zu sehen, und war nur den vereinigten Bitten Richmonds und Brixtons gefolgt, als ihr Beide ausserdem keinen schützenden Aufentalt zu nennen wussten und Brixton nicht aufhörte, ihr die Hoffnung zu erhalten, dass sie aus dieser misslichen Lage bald in aller Ehre hervorgehen werde.

Sie empfand daher die Kälte der Herzogin als eine notwendige Zugabe ihres Unglücks und trug sie mit um so stillerer Ergebung, als sie es aufs Tiefste bereute, durch ihre frühere Unbesonnenheit das Vertrauen dieser edlen Frau selbst erschüttert zu haben.

Es war freilich dies auch die einzige Prüfung, die ihr in diesem haus auferlegt war; denn keiner der Andern stand an, ihr Vertrauen und die alte Liebe zu bezeigen, ja, das Unglück, das sich in den Augen der Jugend so leicht von dem Verdachte des Unrechts reinigen lässt, schien ihr nur noch grösseres Anrecht auf die schonende Liebe ihrer jungen Freunde zu geben.

In welchen Begrenzungen übrigens Lady Maria sich gegen ihren Retter, Lord Richmond, gehalten hatte, während einer Reise, wo sie täglich Beweise seiner Güte und Hingebung, seiner gegen jede Zufälligkeit sie schützenden Vorsorge empfing, – hier traten diese Grenzen doch noch bestimmter hervor, und nicht mehr, wie auf der Reise, war es eine selbstgewählte Entfernung, die sie doch immer in dem Bereich seiner ausschliesslichen Sorgfalt liess, sondern es mussten alle Beziehungen der Art notwendig aufhören, wo in der völlig gesicherten Lage und ungestörten Ordnung des Hauses jede Veranlassung dazu wegfiel.

Beide gerieten in eine Entfremdung, die sie fast mit Zweifel erfüllte, ob sie beide jemals sich näher gestanden.

Maria fühlte, wie sie nur angewiesen sei, diese Zurückhaltung zu unterstützen, aber es schien ihr bald, als käme ihr Richmonds Gefühl darin nur zu sehr zu hülfe. Sie fühlte sich von einer Schwermut beschlichen, die sie zwar wohl unter den vor Aller Augen daliegenden Umständen ihrer Lage verbergen, von der sie sich selbst aber nicht abläugnen konnte, dass sie einer andern Ursache angehörte, und diese begann ihres Herzens sich mit einer Gewalt zu bemächtigen, die allen andern Kümmernissen die Kraft, sie zu beugen, raubte oder doch in diesem einen Gefühle sie alle zusammen treffen liess.

Sie war zu fromm, zu Gott ergeben, sich den Tod zu wünschen, aber es verging kein Tag, an dem sie nicht dahin kam, mit einem sehnsüchtigen laut ihrer Brust an ihn, als an die süsseste Erquickung, hinzudenken.

Sie machte sich Vorwürfe, dass sie allgemach gleichgültig ward gegen ihr ganzes verwickeltes Schicksal, gegen ihre Zukunft; das einzige, was noch einen Anspruch an ihre Teilnahme geltend machte, war das Andenken an ihren unglücklichen Oheim, dessen Existenz ihr aufs Neue durch Brixton bestätigt ward, und zwar in jener vollen Glorie der Tugend, worin sie ihn von Jugend an vor Augen gehabt. –

Ollony nahm den gewohnten Platz in der Nähe ihrer teuern Lady Maria ein; sie war ihr so viel näher indessen getreten, man konnte sagen, sie war zu der Freundschaft herangewachsen, die sie schwärmerisch zu ihr hinzog.

Beide sahen ahnend einander in die schwermütigen Augen, aber das heiligste Siegel war auf die jungfräulichen Lippen gedrückt, und das Verständniss des gemeinsamen Gefühls gab sich nur kund in der Anziehungskraft, die Beide, an allen Andern vorüber, zu einander hinzog.

Dies schöne verhältnis gewann eine Art Heiligung und ward von Allen unterstützt, denn keine der übrigen Frauen rivalisirte mit Ollony.

Lady Anna, die sonst dazu am nächsten stand, hatte eine zu ausschliessliche Beziehung zu ihrem Gemahl gewonnen, um für das Gefühl der Freundschaft in solchem Maasse noch zugänglich zu sein. Ja, sie hatte den feinen Takt, der den Frauen in der Liebe so eigen ist, und der bei der Anerkennung von Marias Wert ihr die kaum zu bezwingende Schlussfolge aufnötigte, ein solches Wesen eben müsse auch ihrem Gemahl sehr nahe zu stehen vermögen.

Die ungemein feste und edle Haltung jedoch, die der junge Herzog in dieser gefahrvollen Lage behauptete, liess weder im Herzen seiner jungen Gemahlin, noch bei andern ihn beobachtenden FamilienMitgliedern die leiseste Unruhe aufsteigen.

Maria fand an ihm, jetzt wie früher, ihren wohlwollendsten Beschützer, stets bemüht, ihr Godwie-Castle als ihre