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Recht, Mylady, und ich teile Eure Ansicht, dass diesem armen und schönen Wesen viel zu Leide geschehen sein muss, das vielleicht Gott mit Absicht nun in die besten hände gelegt hat, um es wieder gut zu machen. – Gott wird mir auflegen, was ich ertragen kann, sagte die Herzogin, während ihr ganzes Wesen von dem Wechsel der Gedanken erschüttert schien, welche diese letzten Worte in ihr hervorgebracht hatten. Sie stützte ihr Haupt schwermütig in ihre Hand, und grosse Tränen rollten einzeln in ihren Schooss. Ich bin erschüttert, mein guter Stanloff, fuhr sie fort, und schwächer, als sonst meine Art ist, doch wer sollte es nicht sein, wen das erreichte, was mich gebeugt. Laute Klagen sind nicht zu meiner Erleichterung vorhanden, mich ergreift darum nicht minder, was an Freude und Leid diese reiche Welt belebt. Aber wen in der Blüte des Lebens schon der Schmerz erreichte, wen er zwang, höheren Gesetzen gehorchend, diese Schmerzen zu verschliessen: der hat für immer den leichtern Erguss nach Aussen hin verlernt, wodurch so Viele die Bürde schon halb abtragen, die ein schweigendes Gemüt mit sich führt, bis sie langsam in sich verzehrt ist. – Geh, guter Stanloff, treuer verschwiegener Diener, Du verstehst leicht und viel mit Deinem edlen Herzen, aber, setzte sie schmerzlich lächelnd hinzu und zog die Hand von den tränenschweren Augen, sie ihm zu reichen, was in diesem Herzen gegen Zeit und Vernunft und jede höhere Mahnung kämpft, errät Dein heller blick doch nicht, und wohl mir! Aber wenn Du mich oft findestwie soll ich sagenrasch oder heftig, ja, bitter wohl und leicht gereizt, willst Du dann gedenken, was ich Dir heute sagen musste, weil ich es in meiner Erweichung nicht bergen konnte? – Auch der bewährteste Freund soll Ehrfurcht hegend auf der Stelle des Vertrauens stehen bleiben, die der andere ihn nicht überschreiten lässt, sagte Stanloff und küsste bewegt die Hand der edlen Frau, und kein Wort, und gäbe es die heiligste Liebe, die innigste Teilnahme ein, soll lösend oder bittend eindringen wollen, wo ihm nicht freiwillig aufgeschlossen ward. Ich bin stolz darauf, Euch, edle Frau, sagen zu können, dass ich Euch nie verkannt, öfter wohl erkannt habe, auch wo Ihr Euch selbst misszuverstehen schien't. – Ich weiss es, ich weiss es, sagte die Herzogin mit stärker rinnenden Tränen, aber geh jetzt, guter Stanloff, ich kann mich selbst vor Dir nicht länger so aus allem Gleise gewichen sehen. Tief sich verneigend verliess Stanloff das Gemach, aber es lebten manche lang entschlummerte Gedanken in ihm auf, und er gedachte der ehrwürdigen Mistress Morton, welche die junge Gräfin Bristol schon in ihrer Kindheit begleitet, ihre Jugend sanft behütet, am hof, bei ihrer Vermählung, überall an ihrer Seite gewesen, und dem zuverlässigen mann wie unter dem Siegel der beichte Manches anvertraut hatte, um ihn bei dem geheimen Uebel der Lady, welches in oft sehr heftigen Zufällen bestand, in der Wahl seiner Mittel zu leiten. Diese anscheinend körperlichen Leiden waren nur zu oft bloss gesteigerte geistige, die der stolze charakter der Lady verborgen wissen wollte, und daher den Arzt und seine Bemühungen zu täuschen oder zu entfernen suchte. Er musste, während er durch die langen Gallerien ging, die zu den Zimmern seiner Kranken führten, des auffallenden Eindrucks gedenken, den die Auffindung derselben bei der Herzogin erregt hatte. Dies Ereigniss war im stand gewesen, sie aus der tiefsten Betäubung des Schmerzes zu erwecken, und wenn er auch mit Recht in dem stets menschenfreundlichen Sinne der Lady eine richtig motivirte Ursache ihrer Veränderung finden musste, regte sich doch ganz geheim in ihm die Ahnung, dass hier ein mächtiges, dem erstern entgegen wirkendes Gefühl Raum gewonnen. Er gestand sich leise einund sich kaum anders, als mit Vorbehaltdass der ganze Schmerz der Herzogin dadurch von einer Kälte beschlichen und ihr Herz, offenbar mit geteilten Empfindungen aufgestört, zum Leben zurück gekehrt war.

Er hatte, tief sinnend, nicht das Rauschen des Kleides gehört, und Mistress Morton stand vor ihm, ehe er ihr Nahen gewahrte. – kommt Ihr von der Frau Herzogin, Doktor Stanloff? Und muss ich Eure gefaltete Stirn als trübes Zeichen für ihr Befinden deuten? Mit nichten, sagte Stanloff, unsere edle Frau ist auf einem guten Wege. Wem erst die natur im Schmerze Tränen gibt, den hat sie vor schädlicheren Ausbrüchen schon bewahrt. Und sie weint selten! setzte Morton ernst und seufzend hinzu; so möge ihr Gott lindernde Tränen gewähren! Euch, Doktor Stanloff, habe ich zu sagen, dass unsere Kranke nach dem Gebrauch des stärkenden Bades und dem Einflössen der Tropfen sich merklich verändert hat. Sie erhob den Arm und die Hand, seitdem atmet sie vernehmlich, ihre eingefallenen Augen haben jetzt den Ausdruck des Schlafes angenommen, und ich glaube, sie wirdleben! Leben! rief Stanloff, und meine edle Freundin sagt dies Wort, das unsere Bemühungen krönt, mit einem so freudlosen Tone, als ob ein Menschenleben ihr gering schiene? Mistress Morton hatte die Augen am Boden und schwieg, langsam ihren Handschuh glatt streichend. Dann sagte sie sanft und mit bewegter stimme: Deutet mich nicht falsch, geehrter Freund. Gott sieht in mein zagendes Herz; ich weiss, er wird mich besser verstehn, als ich mich in meiner Befangenheit ausdrücke. Auch hätte ich das Leben