sie ahnet wohl kaum das Dasein der Künste, die Ihr eben andeutet, und überliess es ihrem Lehrer, dem Master Brixton, der sie mit mir auffand und sie keinen Augenblick seitdem verlassen hat, nachdem sie uns beiden das von ihr Erlebte einfach mitgeteilt hatte, mit mir die nötigen Schritte zu überlegen. Das Dunkel, welches dessen ungeachtet darüber verbreitet ist, das jedoch allein den Motiven gilt, warum man sie um jeden Preis unserer Obhut entziehen wollte, und warum ihre person so wichtig gehalten wird, dass man ihr lieber den Tod geben, als ein Hervortreten an das Licht gestatten wollte, ist teils Brixtons geheimnis, teils ihm selbst noch unaufgeklärt.
Nun wahrlich, rief die Herzogin, in die widersprechendsten Empfindungen aufgelöst, die Aufschlüsse, die nach so viel Ausnahmen übrig bleiben, können nicht von Belang sein und schwerlich mein Misstrauen gegen ihre Triftigkeit aufheben. Aber ich empfinde es als eine Härte des Schicksals und kann Dir dafür nicht dankbar sein, dass Du dies in Geheimnisse gehüllte Mädchen meinem Kreise wieder zuzuführen trachtest, der sich von jeder Zweideutigkeit frei erhalten sollte.
Und der es bleiben wird, entgegnete Richmond, wenn Ihr das zeugnis des Master Brixton, eines ehrwürdigen, angesehenen Geistlichen, wenn Ihr das zeugnis Eures Sohnes, wenn Ihr das zeugnis der himmlischen Unschuld selbst nicht zurückstossen wollt, eine vorgefasste Meinung lieber festaltend.
Die Herzogin hatte vielleicht noch nie eine so feste Sprache von ihrem Sohne gehört. Sie erschrak innerlich, und wie Mütter in ihren Söhnen oft leichter die Autorität der Männlichkeit anerkennen, als in deren Vätern, so fühlte sie sich davon aufgehalten, und das Gefühl, hier nur die Wahl zwischen einem ernstlichen Erzürnen und einem grossmütigen Nachgeben zu haben, liess sie, aus dem Ersteren verschüchtert, sich in das Letztere hineinfinden.
Ich gebe Deine eben gesprochenen Worte Deinem eigenen Nachdenken anheim, sprach sie mit jener milden Art, die dem Stolzen so befriedigend wird, weil sie den Andern in Nachteil setzt, und wenn mein Sohn mir meine Aufgaben nach seinem Ermessen stellt, will ich die Mässigung und Selbstbeherrschung, die ich von meinen Angehörigen fordern muss, ihnen vorangehend zeigen.
Ohne Zweifel wird Beides von mir in einem hohen Grade gefordert, indem man mich zwingt, ein junges Frauenzimmer wiederzusehn, deren Ruf durch ihre eigenen zweideutigen Handlungen gelitten hat, über welche mir Aufklärung zu geben und daran billig meine Einwilligung zu ihrer Wiederaufnahme zu knüpfen, man verweigert und es vorzieht, sich vor mir in ein abenteuerliches Dunkel zu hüllen.
So willigt Ihr ein, teure Mutter, den Master Brixton zu sprechen, rief Richmond, immer das Ziel im Auge behaltend und die zwischenliegenden Schwierigkeiten verschmerzend; also darf ich ihn Euch zuführen?
Sollte das nötig sein? sagte die Herzogin kalt, ich denke, dass der Herzog, mein Sohn, bereits seine Einwilligung zu seiner Aufnahme gegeben hat und wir uns nichts weiter zu sagen haben, da ich allerdings nicht in der Stimmung bin, mich gelehrig für geheimnissvolle Histörchen zu erweisen. –
Master Brixton und Lady Melville würden sich dessen ungeachtet nicht als Gäste dieses Hauses ansehn wollen, bevor sie die Einwilligung meiner verehrten Mutter dazu erlangt. –
Lady Melville, Lady Melville! rief die Herzogin rasch, weisst Du nicht, mein Sohn, dass der Graf Melville, den sie zu ihrem Vater erhob, kinderlos starb?
Ich weiss es, sagte Richmond fest, doch Brixton gibt ihr mit voller überzeugung diesen Namen, er muss ihr verbleiben, bis wir das Schweigen des ehrwürdigen Mannes aufgehoben sehen.
Nun, sagte die Herzogin mit jenem Lächeln, welches den Andern verwundender, als das Wort trifft, es wird Keiner in Abrede stellen, dass mir viel zugemutet wird, und an den endlichen Mitteilungen dieses Master Brixton viele und sehr wichtig scheinende Erklärungen haften. –
Keiner wird das in Abrede stellen, verehrte Mutter, aber auch Keiner in mir das Vertrauen zerstören können, dass diese uns einst genügend sein werden. –
Genug, genug und schon zu viel! erwiderte die Herzogin, ich bin gesonnen, was man von mir fordert, bald zu leisten, um alsdann meine Gedanken von einer so empfindlichen Sache ableiten zu können.
Lord Richmond fühlte, wie passend es sei, hier eine Unterredung abzubrechen, welche jeden Augenblick ihn in Gefahr setzte, die heilige Verpflichtung der Ehrfurcht gegen seine Mutter zu verletzen, die zu erfüllen, ihm jederzeit wahres Bedürfniss des Herzens war.
Beide Männer zogen sich, mit höflicher Kälte entlassen, zurück, im übrigen Kreise der Familie sich für den Zwang entschädigend, den die Unterredung ihnen auferlegt, und die Herzogin verblieb in ihren Gemächern, eine Unpässlichkeit vorschützend.
Die Unterredung, die sie am andern Morgen dem Master Brixton gewährte, konnte keinem von Beiden zur Befriedigung dienen.
Die vorgefasste Meinung der Herzogin über diese Angelegenheit, die halben Mitteilungen, die der würdige Mann, gebunden durch sein gegebenes Wort, fast nur auf Versicherungen, die den Glauben an seine person bedingten, machen konnte, fanden wenig Anklang bei der Hartnäckigkeit seiner Gegnerin und beschränkten ihn fast auf die einfache Erzählung, wie es dem Lord Membrocke gelungen sei, das fräulein zu täuschen, und wie es ihr ferner im schloss der Lady Sommerset ergangen.
Ganz ohne Eindruck blieben diese letzten Mitteilungen nicht, und dieser wurde verstärkt durch den ruhigen Bericht über den Fortgang der Reise, woraus die Herzogin abnahm, dass kein ausgesprochenes verhältnis zwischen ihrem Sohne und der Lady obwalte, und die ganze Reise durch Brixtons und Margarits Nähe vollkommen in den Grenzen schicklicher Zurückhaltung