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Es ist nicht anzunehmen, sagte Graf Archimbald, dass wer in der Nähe Eurer Durchlaucht lebt, sich nicht von der Schwierigkeit solcher Einschreitungen überzeugt haben sollte. – Erlaubt mir jedoch, Euch aufmerksam zu machen, dass wir nie so fest uns selbst vertrauen dürfen, um nicht die Möglichkeit anzunehmen, es könne ausser unserm Bereich eine denke- oder Handelsweise stattfinden, die den einen oder andern Gegenstand früher entwickelt, als uns vielleicht vorbehalten war; wenigstens, setzte er höflich lächelnd hinzu, habe ich mich öfter in diesem Falle zu befinden geglaubt und nicht ungern an Anderer Tätigkeit die Grenzen der meinigen erkennen gelernt.
Verzeiht, sagte die Herzogin gereizt, ich bin nicht begierig gewesen, eben von meinen Kindern hierüber Belehrung zu empfangen und, um aus dieser Allgemeinheit zu dem besonderen, vorliegenden Falle zu gelangen, am wenigsten in einer Sache, deren Verfolgung nichts Ehrenhaftes mehr für meine Familie haben kann, da Sittenlosigkeit und Unwürdigkeit des Gegenstandes durch ihr eigenes Betragen ausser Zweifel gestellt ist.
Auch darüber möchten sich die abweichendsten Ansichten verteidigen und sogar beweisen lassen, betonte Graf Archimbald seinerseits ziemlich stark, und ich freue mich, hinzufügen zu können, dass Richmond, den wir immer nur in der Wahrheit und der richtigsten Auffassung aller Verhältnisse fanden, mir darüber die bündigsten Versicherungen gab, deren guter Grund schon dadurch mir bewiesen scheint, dass er die unglückliche verfolgte Lady in Begleitung des ehrwürdigen Master Brixton seiner Familie wieder zuführt, sie ihrem Schutze empfehlend.
Was sagt Ihr? rief hier die Herzogin, schnell aufstehend, mein Sohn, Lord Richmond, führt das Mädchen, welches sich unserm Schutze entzog, um mit einem ehrlosen mann die Flucht zu ergreifen, dies Mädchen, deren Namen wir nur mit Erröten vor unsern Töchtern könnten nennen hören, dies Mädchen führt er in den Kreis seiner Familie zurück, und Ihr, Lord Archimbald, Ihr nehmt es über Euch, mir diese Nachricht zu bringen? O geht, geht, Mylord, Ihr spottet der alternden Frau, Ihr benutzt ihren durch Gram stumpf gewordenen Verstand und versuchet die Macht Eurer Fabeln; jedoch ist jener noch hell genug, und diese sind schlecht ersonnen. Ich glaube viel eher an Eure schlechte Erfindungskunst, als dass ich durch den Glauben an ihre Wahrheit das eigene Kind in meiner Brust zerstören müsste.
Weder zum Fabeln-Erfinden habe ich Talent, Mylady, sagte Archimbald kalt, noch fühle ich mich geneigt, Euern sehr gegenwärtigen Verstand auf Proben zu stellen. Hier ist nicht von so tragischen Momenten die Rede, als Eure Worte andeuten. Die Sache ist sehr einfach die, dass ein junges Mädchen hintergangen ward durch die Tücke eines erfahrenen Weltmannes, dass sie nur anscheinend Unrecht tat und, bei unbefleckter Sitte, erlöst aus einer schmäligen Gefangenschaft, voll Vertrauen die aufsucht, von denen ihr schon ein Mal Schutz und hülfe zu teil ward.
Die Herzogin wollte eben in heftiger Rede entgegnen, als schnelle Schritte sich den Vorhängen der Tür näherten und im selben Augenblick sich Richmond zeigte, der mit dem ganzen Entusiasmus kindlicher Liebe zu den Füssen seiner Mutter stürzte. Das heftige Wort der zürnenden Frau erstarb in ihrem mund. Der Zauber, den der Anblick eines geliebten Wesens über alle Kräfte unserer Seele übt und sie aufzulösen scheint in dem Entzücken des Anblickens, der Wohllaut, der unsere Seele erfüllt, wenn wir das Bild in der Fülle des Lebens vor uns sehen, was den Hintergrund unseres Herzens mit tiefen, unauslöschlichen Farben einnimmt – diesem Zauber unterlag das Mutterherz, und Stille kehrte für einen Augenblick in die aufgeregte Brust ein.
Doch Richmond kannte seine Mutter zu wohl, um nicht in ihren Zügen den kaum bezwungenen Zorn zu erkennen, und ausser Zweifel über die Ursache, war er Mann genug, den Gegenstand nicht zu scheuen, sondern, sobald als möglich, zu erörtern.
O seht mich gütig an, meine teure Mutter, rief er mit dem tiefsten Ausdruck der Liebe, und seid sicher, Ihr dürft es ohne Rückhalt! Was ich Euch zu sagen habe, verdient nicht Euern Zorn, nicht Eure Besorgniss! Ich fühle mich stark in dem Bewusstsein, so gehandelt zu haben, wie Ihr es von Euerm Sohne gefordert haben würdet.
Die Herzogin schwieg, unwillkürlich lauschte ihr Ohr den überredenden Worten des Lieblings, aber das Phantom ihrer Angst trat wieder dazwischen. Schwäche schien ihr die verführerische Hoffnung, und sie riss sich mit Anstrengung davon los.
Und ist es wahr, was Lord Archimbald behauptet, sprach die Herzogin dumpf und ihn mit düsterem Auge anblickend, ist es wahr, führst Du die, die sich unserm Schutze entzog, und Ruf und Sitte gleich stark beleidigte, führst Du sie diesem ehrwürdigen haus zurück?
So ist es, rief Richmond lebhaft aufstehend, und in Wahrheit, ich rechne es zu dem Besten, was ich zu leisten vermochte. Denn ein edles, vom Schicksal verfolgtes Wesen, unschuldig und rein wie das Licht des himmels, habe ich aus den Händen der Bosheit befreit, und die grausamste Gewalttat an menschlicher Freiheit und Würde verhindert.
Diese Behauptung, mein Sohn, rief die Herzogin gepresst, wirst Du mir beweisen müssen, und diese Beweise werden bei mir eine scharfe Prüfung zu bestehen haben. Nicht überreden werden mich die klugen und geschickten Sophismen eines schönen Mädchens, oder ihre rührenden Tränen, oder was ihr sonst gelungen sein mag, gegen Dich zur Unterstützung anzurufen.
Die Gräfin Melville, sagte Richmond mit Ernst, hat nie ihr unglückliches Schicksal zu einem Gegenstand besonderer Unterredungen mit mir gemacht,