1836_Paalzow_083_236.txt

Meinung der Herzogin milder zu stimmen. Sie unterliess es völlig, den Namen Richmond zu nennen, Niemand wagte, ihr darin voran zu gehen, und das Andenken der unglücklichen Gräfin Melville schien bis auf die fernste Erinnerung erloschen.

Und dennoch stand das Bild Beider vor der Seele eines Jeden, nur vorsichtig umgangen in Wort und Andeutung.

Mit der tiefsten Seelenqual erwartete die unglückliche Mutter Nachrichten, die ihr hartes Geschick erleichtern oder erschweren mussten, und mit der ganzen Grösse der Gefahr, wie sie ihr erscheinen musste, bekannt, behandelte sie ihr ungleiches und finsteres Betragen mit der ganzen Nachsicht einer solchen Berechtigung.

Vergeblich hatte der junge Herzog durch Lord Ormond, der so eben aus London eingetroffen war, Nachricht zu erhalten gehofft; auch ihm war sie gänzlich ausgeblieben, und er selbst hatte sich nur ungern entfernt, ehe ihm Kunde zugekommen.

Die Mitteilungen beider Männer über diesen ihnen gleich interessanten Gegenstand waren aber dabei von einer Zurückhaltung geleitet, die nur zu bestimmt ihre Verletzlichkeit in diesem Punkte andeutete, und das Gefühl, wie ihre Stellung zu jenem gegenstand sich verändert habe, unterstützte den Wunsch Beider, in der Zeit die Erledigung ihrer Empfindungen zu suchen. Konnte sich auch Graf Ormond nicht, wie der junge Herzog, durch die heiligsten Interessen abgezogen halten, war dennoch auch ihm in den Worten der unglücklichen Maria über Ollony ein Aufschluss geworden, der ihn mit der grössten Sorgfalt über sich zu wachen veranlasste.

Er hatte bei späterem Nachdenken, trotz seiner wahrhaften Bescheidenheit, doch sich die Wahrheit dieser Entdeckung kaum verbergen können und nicht ohne Vorwurf gefühlt, wie die Befangenheit seines Herzens in anderer Richtung ihn so ganz um die Beobachtung des seine Sorgfalt so nahe angehenden Wesens gebracht hatte.

Er hatte sich eine schnelle Trennung von mehreren Monaten auferlegt, und seine Gedanken waren von da an in dem Schmerze um zwei teure Wesen geteilt.

Er zitterte, Ollony wieder zu sehen, und durfte es doch nicht länger verschieben, da seine Schwester die unbegreiflich lange Trennung mit einer Ungeduld und Betrübniss erfüllte, von deren Folgen er sie befreien musste.

Wenn wir mit uns selbst unsicher werden, so machen wir Pläne, wie wir uns betragen wollen. Der bessere Mensch gibt sie gewöhnlich auf, so bald er in die Lage kommt, für die er sich ausrüstete, denn nur überhaupt und einem grossen Prinzip getreu sich dem Leben gegenüber zu rüsten, ist die Aufgabe, in der sich alle andern lösen müssen, wenn wir uns selbst getreu bleiben wollen.

Schon bei Ollony's Anblick wollte keine seiner Ansichten passen. Das schöne Kind hatte den letzten Punkt ihrer entwicklung, und an Höhe und Feinheit der Gestalt, wie an innerer Haltung und zarter Zurückgezogenheit den Standpunkt erreicht, auf dem es uns klar wird, dass das Flügelkleid der Kindheit mit dem Schleier der Jungfrau vertauscht ward und die Flügel nur noch nach Innen dem geist angehören, verraten von dem weitsichtigen, tiefen Blicke des ernsten Auges.

Ormond fühlte im ersten Moment, sie sei auch von ihm geschieden, und was auch der innere Kern ihrer Brust bewahren mochte, sie sei mit sich allein geworden, und dies Finden ihrer selbst schützte sie gegen Aufregungen und Aeusserungen, wie sie Ormond noch wenige Monate früher zu beherrschen sich verpflichtet fand.

Die Stille, die ihn von ihr aus anwehte, betrog aber aufs Neue den sonst so geschickten Menschenkenner und unterstützte die bescheidene Stimmung seiner Seele, die ihn überredete, jedes Gefühl, das früher hier gelebt, als vorüber gegangen anzusehen.

Dessen ungeachtet fühlte er zu seiner eigenen, oft grossen Beschämung sich auf dem Wege, Ollony jetzt seinerseits in dieser Beziehung zu beobachten, und je fremder, getrennter und veränderter sie ihm erschien, desto öfter fühlte er das Verlangen. dies liebliche geheimnis zu ergründen, in diesem ihm einst so offen darliegenden Gemüte den Veränderungen nachzuspüren, die ihm so anziehend und wichtig erschienen, dass er ihnen den grössten teil seiner Gedanken zuwandte.

Es war zuletzt ein eigenes Gefühl von Unbehagen, wenn seine bescheidenen Bemerkungen ihn überzeugen wollten, sie sei ihm kindlich abgewendet und jungfräulich nicht wieder zugekehrt, und er fühlte sich endlich in einer Art Aufregung, die ihm einzig von der Besorgniss eingegeben schien, dies junge Wesen so abgeschlossen sich selbst überlassen zu wissen, woraus sich leicht der Vorsatz gestaltete, sich ihr zu nähern und ihr Vertrauen zu gewinnen.

Wir wollen uns vorläufig jeder Voraussetzung bei diesem gewagten Unternehmen entalten, von wesentlichen Ereignissen in anderer Beziehung getrieben.

Der Frühling hatte indessen die weiten Tore aufgetan und versendete seine reichen Schätze über die schmachtende Erde. Es drängte sich fröhlich ein junges Leben neben dem andern hervor, Platz suchend und findend in dichter Gemeinschaft.

Die Brust des Menschen teilt bewusst oder unbewusst so süssen Eifer; etwas soll anders in ihr werden, zur klarheit, zur Blüte soll es sich durchbrechen, was im Winterschlaf uns eingehüllt erscheint, wir fordern von uns, und die Gewährung ist schon bereit. An Licht und Sonne hängt nicht bloss das Blütenleben mit seiner zarten Existenz, der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Grösseres zu leisten und zu vollbringen. Auch sollten wir nicht immer nach dem Geleisteten fragen; es braucht nicht Existenz nach Aussen zu gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit in solchen Epochen der Seele verbleibt.

Alles genoss nach Massgabe seiner Empfänglichkeit diese schöne Jahreszeit und liess sich locken von ihr, hinaus in die überall einladende Gegend.

Ein stattlicher Zug zu Pferde von Damen und Herren lenkte, nach einem weiten Ausfluge, als schon der Tag