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Erleichterung der Reise des Fräuleins alles beitragen wolle, was in seinen Kräften stehe.

O Sir! rief Maria hier mit lebhafter Unruhe, denkt, dass wir morgen das Schloss verlassen, denkt, welch schmerzliche Unruhe ich mit mir nehme, wenn über dem Schicksal dieses armen Wesens eine trostlose Ungewissheit schwebt und mir nicht selbst vergönnt ist, sie zu ihrer Reise auszurüsten.

Vertraut sie mir als Euer Vermächtniss, sprach Crawford ehrerbietig, und heilig soll mir das Interesse des Wesens sein, dem wir zum teil Euer Leben danken. Mit der pünktlichsten Sorgfalt erfülle ich Eure Befehle, und will ihre Reise, der sich höchst wahrscheinlich keine Hindernisse entgegen stellen werden, so sorgsam und anständig einleiten, dass ausser dem Meere selbst, dem ich nicht zu gebieten vermag, nichts ihren eigenen Wünschen nachstehen soll.

Ich glaube, teure Lady, sprach Brixton, wir dürfen nicht weiter in Oberst Crawford dringen, da seiner Neigung hier seine Pflicht entgegen tritt, und gewiss können wir ohne sorge dem edlen mann unsere Freundin anvertrauen; Euch wird jetzt nur obliegen, sie selbst mit dieser einzigen und bleibenden Auskunft zu versöhnen.

Da auch Richmond, auf den Alles, was Pflicht hiess, stets eine starke Gewalt ausübte, schwieg, so fühlte Maria sich bald selbst zu jener Mässigung ihrer Wünsche gestimmt, und sie eilte nun, Electa davon zu unterrichten, welche sie bei weitem weniger dadurch beunruhigt fand, als sie erwartet hatte.

So empfingen denn am nächsten Morgen, als der erste Sonnenstrahl die mit Tau bedeckte Erde zu einem blitzenden Himmel unzähliger glänzender Sterne umschuf, sämmtliche Herren das fräulein in der Halle des Schlosses, wo sie, von Electa und Margarit begleitet, in ihren Reisekleidern ihnen entgegen trat.

Einen Augenblick blieb sie noch stehen, und indem ihr Auge die Gegenstände noch ein Mal überflog, gedachte sie ernst des Abends, als sie hier mit Pater Clemens eingetroffen und von Margarits Vater empfangen ward, dessen Tochter sie nun für immer mit sich hinweg führte, und sie hoffte eine Zeit der Leiden abgestreift hinter sich zu lassen, der sie fast unterlegen wäre.

Mit Tränen dankte sie noch ein Mal dem Obersten Crawford, umarmte Electa und bestieg mit Margarit dieselbe kleine Sänfte, die sie, von Pater Clemens geleitet, hierher geführt hatte, während die Herren und Lanci mit den übrigen Dienern sich zu Pferde setzten, und Crawford den Reisezug bis zu dem nächsten Ruhepunkt begleiten zu dürfen sich ausbat, da ein ferneres Geleit seiner Milizen von beiden Herren abgelehnt war, um jedes Aufsehn zu vermeiden. Godwie-Castle, als Familiensitz der Nottinghams, erfüllte in dem Augenblick, wo wir jetzt uns demselben wieder nähern, seine Bestimmung in seltenem Maasse. Zwar hatte der Graf Bristol seine eigenen Besitzungen für die nächste Zeit eingenommen, doch ward seine Gegenwart, an die man bei seiner langen Abwesenheit sich keineswegs gewöhnt nennen konnte, kaum vermisst, am meisten wohl nur von der empfunden, die es so wohl verstand, über alle Empfindungen ihres inneren den Schleier zu ziehen, wir meinen seine Tochter, die jüngere Herzogin von Nottingham.

Es lag in der Stimmung ihres inneren zu den von Aussen sich ihr darbietenden Umständen ein Widerspruch, den die stolze Frau mit einem an Unwillen grenzenden Schmerze fühlte, und diese Stimmung steigerte sich um so mehr, da es ihr an allen Mitteln fehlte, sich derselben zu entledigen, was ihrem stets einschreitenden und ans Beherrschen gewöhnten Sinn einen Zwang auflegte, der sie grollend ihren übrigen Verhältnissen gegenüber stellte.

Dagegen war der Himmel blau über allen übrigen zahlreich versammelten Bewohnern von GodwieCastle.

Anna Dorset, nunmehr berechtigt, die Liebe zu entwickeln und zu gestehn, die sie zu ihrem Gemahl hinzog, zeigte ihre ganze natur zu einem Reichtume und einer Fülle weiblicher Anmut entwickelt, die ihren jungen Gemahl fesselte und mit ähnlichem Erstaunen erfüllte, als uns wohl ergreift, wenn wir eine Knospe, welche, fest verschlossen, unsern Anteil wenig erregen konnte, am warmen Licht der Sonne zur duftenden Blume entwickelt wiederfinden; gewiss ward dieser mit Gefühlen vertraut, wie sie einer solchen Ueberraschung gegenüber nicht ausbleiben!

Die Gräfin Dorset hatte mit ihrer Tochter Ollony die Neuvermählten begleitet, und auch Graf Ormond war, nach einer Trennung von mehreren Monaten, in Godwie-Castle wieder eingetroffen.

Graf Archimbald ordnete mit grosser Sorgfalt die Papiere seines Bruders und gab sich dazwischen mit vielem Geschick den gesellschaftlichen Stunden hin, welchen Alle mit Vergnügen beiwohnten, und über denen die alte Herzogin von Nottingham wie das Prinzip der Güte und Liebe mit ihren ewig klaren, teilnehmenden Augen waltete.

So schien Allen hier eine Zeit der Ruhe eingetreten und für die Zukunft nur erfreulichen Hoffnungen Raum gestattet zu sein. Dennoch gab es so manche frisch geheilte Wunden und noch reizbar gebliebene Stellen fast in jeder Brust, dass gerade so viel guter Wille, so viel Liebe, so viel wohlverstandene gute Erziehung, als alle besassen, dazu gehörte, um nicht jeden Tag neue Störungen des Gefühls und der Ruhe, welche zu schützen, Alle inniges Verlangen trugen, herbei zu führen.

Richmonds Abwesenheit, der Zweck derselben, der Jedem bekannt war, und das, was damit zusammen hing, war ein hauptsächlich zum Stillschweigen verwiesener Punkt für Alle.

Die Herzogin von Nottingham hatte ihren Unwillen über dies Unternehmen auf eine Weise geäussert und selbst gegen ihren Vater mit einer solchen hartnäckigen Entrüstung durchgeführt, dass Beide darüber in eine Art Spannung geraten waren, welche die Abreise des alten Lords erleichterte; und dies wohlbekannte Ereigniss liess freilich alle Uebrigen völlig darauf Verzicht leisten, die