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Ihr wollet jetzt nicht länger mich allein lassen. Euer König Jakob."

Der zweite Brief war vom Grafen von Herford und bestätigte die Nachrichten des Königs mit mehreren Details, woraus klar hervorging, dass zwischen Carl und Buckingham eine Aussöhnung zu stand gekommen war, in deren Folge der Herzog den Wunsch des Prinzen, nach Spanien zu gehen, aus allen Kräften befördert und die wirkliche Abreise so unerhört schnell und heimlich in's Werk gesetzt hatte, dass der König nicht über seinen Schritt zur Besinnung kommen konnte, noch weniger einer der Minister und Räte vermocht hätte, es zu verhindern.

O, warum war ich nicht da! rief Lord Salisbury, indem er mit der alten Kraft von seinem Sessel aufsprang, o die mutlosen entarteten Menschen, die alle an sich mehr dachten, als an das Wohl des Staates und ihres königlichen Hauses! Und hätte ich diesen Buckingham auf die Gefahr meines grauen Hauptes gefangen nehmen sollen, als Hochverräter hätte ich ihn verklagt vor dem Trone meines armen schwachen Königs, und so wahr ein Gott lebt, nur über meine Leiche hätte der teure Prinz, der Stolz unseres Landes, die Grenzen seines treuen Englands überschreiten sollen, um unsern Feinden zum Spott in das fremde papistische Land seinen Fuss zu setzen. – O Archimbald, schütze uns vor Zeugen! Weisst Du uns frei von Beobachtung? Sieh, ich kann mich nicht fassen, es ist ein Schritt, der uns mindestens zum Gespötte des Auslandes macht. Gott verhüte, dass der geheiligten person unsers teuern Prinzen etwas geschehe, was diese Menschen zu vertreten haben werden; aber selbst der glücklichste Erfolg wird uns um die Erreichung der wohl eingeleiteten Pläne bringen, welche Dir bewusst sind und zum teil deine Sendung nach Deutschland veranlassten, unsere Feinde werden das Uebergewicht zu benutzen wissen, was diese wahnsinnige Handlung ihnen gibt, Gott gebe, nicht noch zu schlimmeren Anschlägen. – Archimbald war ein zu eifriger Staatsdiener, um nicht ganz die Empfindungen seines Oheims zu teilen. Er übersah mit schnellem Blicke das Gewagte und Unbesonnene dieses Schrittes, und konnte den Schmerz des alten Mannes darüber nicht allein begreifen, sondern fühlte sich auch dadurch aufs Neue inniger zu ihm hingezogen. Die treue anhänglichkeit an das königliche Haus, dem er diente, die alle zärtlichen Gefühle seiner Brust, in sofern sie ihm zu Gebote standen, ans Licht rief, gewann seine Hochachtung und Anerkennung. Nur zu wahrscheinlich zerstörte dies übereilte Entgegenkommen des Prinzen das Gleichgewicht, welches im Fordern und Gewähren beider Höfe durch die besonnene Klugheit des Grafen Bristol so meisterhaft bis jetzt erhalten war. Die beiden Männer schritten, in die sorglichsten Mitteilungen vertieft, auf und nieder, und das vertrauliche Du des Grafen und der Gebrauch des Vornamens seines Neffens, wie in der früheren Zeit, zeigten deutlich die tiefe Erregung des ehrwürdigen Lords.

Beide kamen darin überein, ihre Reise unverzüglich anzutreten, da allerdings eine genaue Uebersicht an Ort und Stelle zu erwarten war, und namentlich die Instructionen für den Grafen von Bristol höchst dringend und wichtig wurden. Archimbald beeilte sich demnach, die nötigen Befehle zur Abreise zu erteilen, und der Graf von Salisbury begab sich zu seiner Schwester und Nichte, sie mit dem Briefe des Königs und seiner dadurch veranlassten schnelleren Abreise bekannt zu machen. Wir sehen demnach am nächsten Morgen das Schloss von dem männlichen Teile seiner vornehmen Bewohner verlassen, und finden Zeit, uns in die inneren Gemächer zurück zu ziehen, wo manches der Beobachtung Werte indessen sich begeben hatte. Wir wenden uns zuerst zu dem gegenstand, welchen Gastons Bemühungen der Herzogin hatten entdecken lassen. Doktor Stanloff brachte ihr am andern Morgen die Nachricht, dass er annehmen dürfe, das Leben sei noch zurück zu rufen, da, obwohl keine Bewegung wahrzunehmen, doch eine Art von Wärme und Biegsamkeit der Glieder eingetreten sei, und selbst eine schwache Andeutung des Pulses sich mitunter zeige. Die Verletzung am kopf sei höchst unbedeutend, unfehlbar nur die Folge des Falles; auch könne der Blutverlust bei solcher Jugend und Gesundheit nicht diesen Scheintod herbeigeführt haben. Die mit Wunden und Geschwulst bedeckten Füsse liessen aber eine grosse ungewohnte Anstrengung voraussetzen, die Zurücklegung eines weiten Weges, wobei die Fussbedekkung verloren gegangen; Alles führte ihn zu einer Vermutung, welcher er nachzuforschen denke, nämlich der Befürchtung, dass langer Mangel an Nahrung diese äusserste Erschöpfung erzeugt habe. Doktor! rief die Herzogin, fast aufschreiend, welch' eine schreckliche Vorstellung! grosser Gott! Könnt Ihr dies mit Wahrheit behaupten! Warum gleich so Empörendes denken, warum mich so unnütz erschrecken. Welche traurige begebenheiten müssten den Mangel des ersten, des am leichtesten zu stillenden Bedürfnisses herbeigeführt haben.

Stanloff schwieg einen Augenblick, dann sagte er ernst: Wer nie den Mangel der einfachsten und nötigsten Bedürfnisse kennen lernte, kommt leicht zu dem Glauben, dass, was die natur begehrt, auch in dem Kreise der willkürlichen Befriedigung jedes Menschen liege. Es ist leider nicht so, und Tausende ringen mit dem Leben um den einen Preis, auf dessen genussreiche Befriedigung man aufhört Wert zu legen, wenn man nie die Entbehrung desselben kannte. – Es lag etwas so Eindringliches in diesen sanften Worten, dass die Herzogin mit einem tiefen Seufzer ihren blick zu ihm erhob. Nach einem kurzen Nachdenken indess zu ihren früheren Gedanken zurückkehrend, fuhr sie fort: Doch in diesem stand, bei dieser Jugend, die uns noch unter die wohltätige Vormundschaft Anderer setzt, da bis zum Hungertode elend zu werden, gesteht, es liegt etwas Schreckliches, wenigstens Unbegreifliches darin! – Ihr habt