1836_Paalzow_083_229.txt

Der alte Wildmeister, dessen schweigsame Würde mich sehr anzog, schlug sich endlich, von mir zur Erklärung aufgefordert, auf Lanci's Seite; er sagte, mit dem Finger auf den Brief zeigend, den Lanci an den alten Kastellan überbringen sollte:

Lanci nennt zwar auch mir nicht den Namen dessen, der ihn gesendet; aber ich kenne die Handschrift, und der dies schrieb, wusste Zeitlebens mehr, als andere Menschenkinder, und man hat gut getan, sich genau nach seinen Vorschriften zu richten.

So willigte ich endlich ein, den Besuch des Wildmeisters auf dem schloss, wobei er Lanci mitzunehmen versprach, abzuwarten, da dem fräulein eine Andeutung der Versuche, die zu ihrer Rettung gemacht wurden, zu wünschen war, auch mit Margarits Hilfe sich vielleicht ein Mittel erdenken liess, die Flucht heimlich einzuleiten, wogegen ich nichts einzuwenden hatte, da Master Brixton dies stets vorzuziehen schien.

Wir alle kürzten die Zeit der Nachtruhe ab, und der Wildmeister entfernte sich, beladen mit dem Wildvorrat für das Schloss, worunter er Lanci als Träger zu verbergen hoffte.

Der tödtlichen Spannung, worein Untätigkeit vor einer wichtigen Katastrophe den Geist versetzt, zu entgehn, verliess ich die wohnung bald nach meinem Wirte und suchte das Schloss auf, das so wunderbar verborgen, und gleichwohl eine so kühne und sichere Position gefasst hält. Vergeblich suchte ich von Aussen eine Möglichkeit zu erspähen, die unserm Unternehmen günstig werden könnte.

Der Sturm hatte vom Morgen an mit wütender Heftigkeit getobt, die kleinen, elenden Hütten, welche zerstreut hinter den Dünen am Strande lagen, gewährten ein trostloses Bild von Armut und Elend, und während ich an ihnen hinstrich, sah ich, wie die Fischer aus der See zurückkehrten, und als ich mich unter sie mischte, hörte ich, dass der Sturm zu heftig sei, um sich hinaus zu wagen.

Um so mehr fiel es mir auf, dass nach Verlauf von etwa einer Stunde einer der Schiffer ein Boot losmachte und trotz des zunehmenden Sturmes in See ging. Ich redete den Trupp der zurückbleibenden Schiffer an, die ihn mit Teilnahme auf der See verfolgten, und seine Gefahr oder seine Geschicklichkeit mit einzelnen Ausrufungen begleiteten, und fragte sie nach der Ursache dieses Wagnisses.

Meine ganze Gegenwart schien unangenehm oder verdächtig. Sie wichen meinen fragen aus, und nur als ich endlich das Unternehmen als töricht tadelte, fuhr mich ein alter Fischer ziemlich unsanft an, indem er ausrief:

Er muss wohl fort, der arme Junge, es ist Befehl gekommen, den Küstenschiffer mit seinem Fahrzeug zu holen.

Vom schloss? fragte ich plötzlich von der Wahrheit ergriffen; also ist Pater Johannes schon zurück?

Ja, sagte ein Anderer, gewiss, denn wer sollte sonst ein solch Wagstück befehlen, wem sonst würde der Küstenschiffer gehorchen?

Ich war von dem Augenblick an überzeugt, dass man die Lady zur See entführen wollte, und eben diese überzeugung, dass unsere Hilfe, wenn nicht gleich, dann vergebens kommen würde, trieb mich vom Ufer zurück, nach der wohnung des Wildmeisters, den ich nun in der grössten Unruhe erwartete.

Mutlos sah ich ihn endlich nahen. Nach dem, was er auf dem schloss erlebt und erfahren, hielt er Alles für verloren, da Lanci entdeckt und gefangen war, die Lady am Morgen im Wahnsinne ihren Wächtern entsprungen, und eben die Treppe, auf der sie ihren Gemahl vor Jahren tot gefunden, und auf der sie ihn beständig in ihrem Wahnsinn suchte, hinabgestürzt war und mit gebrochenem Genick ihren Tod gefunden hatte, wodurch, seines Erachtens, die ganze herrschaft an Pater Johann überging und keine Gnade mehr zu hoffen schien.

Von Euch, Herr Oberst, unterrichtet über Eure Vollmachten in Bezug auf diesen Tod, brauche ich Euch nicht zu sagen, dass dies mir jetzt gerade die grösste Hoffnung für uns alle gab. Doch überzeugt, wie sehr im Interesse des Pater Johann es sein würde, die Nachricht zu verheimlichen, beschwor ich den alten Wildmeister, sich nach Dunferling zu begeben, Euch die wichtige Nachricht von diesem tod mitzuteilen und Euch um schnelle Hilfe zu bitten.

Ich selbst aber kehrte nach der Küste zurück, Alles anzuwenden entschlossen, um eine Entführung der Lady, wenn man sie noch beabsichtigen sollte, zu verhindern. Hierzu blieb mir allerdings kein anderes Mittel, als meine Pistolen und mein Degen; denn da ich Eure Ankunft für wichtiger hielt, als die des Master Brixton und meiner Leute, so sollte der Wildmeister erst auf der Rückkehr nach dem Städtchen gehen, um ihre Ankunft zu veranlassen.

Ich hielt mich jedoch am Strande verborgen, um den Verdacht der Schiffer nicht aufs Neue zu reizen, und sah bald das Küstenboot vor Anker liegen, das zu einer längeren Fahrt gerüstet zu werden schien. –

Die Unterredung der beiden Männer ward hier durch eine Meldung unterbrochen, die ein Unter-Lieutenant der Milizen dem Obersten machen wollte.

Der Oberst beurlaubte sich von Lord Richmond und unterredete sich eine Zeitlang mit dem Offizier, dann verabschiedete er ihn und kehrte wieder ins Zimmer zurück.

Das Richteramt, Mylord, ist vollstreckt ohne menschliche Zutat. Eine furchtbare und erschütternde Fügung hat das, was Pater Johannes zum Untergang der unglücklichen jungen Dame bestimmte, zu seinem eigenen herbei führen lassen.

Wie, Sir! rief Richmond aufspringend, wie meint Ihr dies?

Der anbrechende Tag, erwiderte der Oberst, hat die zerschellten Leichname des Pater Johann und des Küstenschiffers an den Strand getrieben, während das Wrack des Schiffes auf der hohen See seinem