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zum Umkleiden, die Kompressen und Binden des chirurgischen Apparats ausbreiten, und mit feinen Essenzen durchräuchern; während sie selbst mit Margarits hülfe die in Blut getränkten Kleider der Verwundeten ablöste, um erst zu entdecken, wo die Ursache dieses Zustandes zu finden sei.

Brust und Schultern zeigten sich gesund, und bald entdeckte sich über der linken Hüfte die von der Kugel zerrissene Stelle, die eine Ader oder sonst ein bedeutendes Blutgefäss gefasst, und den heftigen Blutverlust veranlasst haben musste, dessen Folgen noch nicht zu bestimmen waren.

Unablässig weinend, rief Margarit bei jeder Bewegung Electa's:

Sagt, ist sie tot, wird sie sterben? Lebt sie nicht wieder auf?

Electa war vertieft in ihre Untersuchungen, und da sie die Kugel am Hüftknochen sitzend fand, eilte sie zu ihrer Instrumententasche und schickte sich an, mit sicherer Hand den tieferen Einschnitt zu machen, nach welchem die Kugel augenblicklich zur Erde rollte.

Ein Schrei der Freude drang aus Margarits mund, während sie ihre fragen nach Leben oder Tod mit verdoppelter Ungeduld wiederholte.

An dieser Wunde stirbt sie nicht, sprach Electa, jetzt zum ersten Male die Lippen öffnend; aber was der Blutverlust bereits getan, ist nicht zu bestimmen. Sie legte jetzt einen vorläufigen Verband um die Wunde und brachte den starren Körper in das duftende, stärkende Bad, dessen gelinde Wärme die Kälte und Starrheit des Todes zu lösen schien. Auf das Sorgsamste legte alsdann Electa den zweiten Verband an, und liess sie in die mitgebrachte erwärmte und von geistigen Wässern belebte Wäsche hüllen, und nach ihrem Schlafzimmer tragen, dessen Luft, wie das Lager selbst, Leben kräftigende Düfte und sanfte Wärme zu atmen schien.

Noch hatte kein Zeichen des Lebens diese verständigen und sorgfältigen Bemühungen gelohnt, und jetzt erst begannen Electa's Versuche, ihren geschlossenen Lippen einige Tropfen zur inneren Belebung einzuflössen. Schläfe, Pulse und Wangen wurden dabei sanft mit geistigen Wassern gerieben, und der Mund, welcher jetzt, geöffnet, grössere Portionen einflössen liess, gab nicht mehr willenlos zurück, was er empfangen.

Electa konnte nicht umhin, durch ein Zeichen diese Veränderung kund zu tun, bald zeigte sich auch ein leises Röcheln, ein Kampf des schwachen Atems mit der äussern Luft, ein Höhersteigen der Brust, ein leises Zucken, ein Seufzer, eine matte Bewegung, endlich ein plötzliches Aufschlagen der grossen Augen.

Electa's strafender blick hielt Margarits Freudengeschrei zurück; denn Besinnung war der Erschöpften noch nicht wiedergekehrt, und leise fuhr Electa fort, den jetzt wieder bewegbaren Lippen ihre stärkenden Tropfen einzuflössen.

Margarits volles Herz trieb sie aber leichten Schrittes aus dem Zimmer, und nun stürzte sie von Freude gejagt durch die Nebengemächer, die Frauen fast überrennend, die das Vorzimmer aufräumten, und so laut Lord Richmond rufend, dass, als sie die Halle erreicht, er ihr schon entgegenstürzte, in namenlosem Gefühle der Angst.

Sie lebt! rief sie, ihm in die arme fliegend, eben hat sie die Augen geöffnet!

Tief erschüttert drückte er das treue Mädchen die so bald mit weiblicher Feinheit ihn erraten hatte, so unschuldig ihm ihre Entdeckung verriet, an seine Brust und setzte sie dann sanft zur Erde, zu Brixton eilend, der in banger Qual, zum tod erschöpft, ihm entgegen harrte.

Eine dankbare Rührung verbreitete sich bei der glücklichen Botschaft auf allen Gesichtern, und Margarit weinte in Lancis Armen, von seinen eigenen Tränen begleitet, die Bewegung aus, die seit den letzten Stunden das arme Mädchen erschüttert hatte.

Da trotz der Erschöpfung, die Brixton fühlte, eine eigentliche Ruhe für den Rest der Nacht ihm undenkbar schien, entschied man sich, nach dem Vorzimmer zurück zu kehren, das an das Zimmer Maria's stiess. Bald waren hier einige Matratzen gegen die angenehme Glut des Kamins gelegt, und Brixton willigte ein, so ruhend, sich einige Erholung zu gönnen, während Richmond und Oberst Crawford, in Sesseln sitzend, durch Unterhaltung die Stunden bis zum Morgen zubringen wollten, und Margarit teils die Botin für die Nachrichten aus dem Krankenzimmer machte, teils mit Lanci in einem Eckchen die reichen begebenheiten ihrer letzten Vergangenheit durchsprach.

Schon seit langer Zeit, Mylord, erwiderte Oberst Crawford eine Frage Richmonds, war unsere Aufmerksamkeit auf den geheimnissvollen Inhalt dieses Schlosses gerichtet. Es stand meinen Vorgängern ein Recht zu, hier in beliebiger Frist einzukehren und sich der wirklichen Gegenwart dieser Verwiesenen zu versichern. Eine lange Reihe von Jahren hatte indessen sowohl ihre Verbrechen, als ihre Personen zu der Gleichgültigkeit herabgesetzt, die ihnen eine Art von Freiheit zurück gab. An ihre Entweichung war um so weniger zu denken, da ihnen in ihrem Eigentume Reichtum genug geblieben war, um ein bequemes Leben zu führen, und die Kränklichkeit Beider, die allgemein bekannte Geisteszerrüttung des Lords einen solchen Schritt nicht wahrscheinlich machte.

So hatte man nach gerade Besuche unterlassen, die immer etwas Gehässiges behielten, ungern empfangen, mit widrigen Eindrücken für den Besucher endigten und in allen Beziehungen zwecklos waren. Dagegen blieb unsere Aufmerksamkeit stets rege in Bezug auf diesen teil des Küstenstrichs, weil hier der Schleichhandel mit einer Unverschämteit getrieben ward, die sehr nah an seeräuberische Ueberfälle streifte und doch von einem Rückhalte gedeckt war, der unsere Aufmerksamkeit endlich auf das Schloss richtete und den Lord Devenant, der vor mir hier befehligte, zu dem Entschluss brachte, das fast verjährte Recht wieder in Anwendung zu bringen und seinen Besuch im schloss mit einer Untersuchung der Seite, die nach der See zu geht, zu verbinden. Ich übergehe die zahllosen Schwierigkeiten