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habe. Geht nur! Geht! An Euch ist nichts gelegen, und was den Widerstand betrifft, den Ihr leisten wollt, da seht Euch vor, meine Vollmacht reicht weit. – Er hielt ihr grinsend ein Pistol vor und fügte hinzu: Seht, so viel seid Ihr wert, wenn Ihr Lust kriegt, zu schreien; ich steche dann in die See, und Euch suchen die Raben! Dabei pfiff er leise nach dem Boote zu, was sogleich beantwortet ward.

Nun, rief Maria, so sei mir Gott gnädig! Ist der Tod mein los, habe ich mich um so weniger zu scheuen, und ergeben will ich mich nicht und fürchte Euer Pistol nicht. Mit einer Schnelligkeit und Kraft, die nur der Ueberreizung ihres ganzen Wesens möglich werden konnte, hatte sie sich ihrem Wächter entrissen, und von der grossen körperlichen Gewandteit unterstützt, die ihre Erziehung ihr gegeben hatte, erkletterte sie den steilen Abhang der Dünen und hatte im Angesichte des überraschten Führers die Höhe fast erreicht, als das Pistol knallte und sie getroffen in den Sand sank.

Doch dieser Schuss gab ihrem Retter die Richtung wieder, die er bei dem Dunkel der Nacht verloren hatte. Lord Richmond und Lanci, welcher unablässig seine Kraft zur Verstärkung des Ersteren anstrengte, erreichten die Höhe der Dünen und stürzten sich den steilen Abhang hinab, in dessen grund sie das Boot erblickten, und am rand des Meeres die dunkle Gestalt des Verfolgten, welcher, Lady Maria auf seinen Armen tragend, in wilder Eile das Boot zu erreichen strebte.

Wütend stürzte sich Richmond ihm entgegen. Ihn ergreifend, schlug er ihm das nicht mehr geladene Pistol, das er noch in der Hand hielt, ins Gesicht und riss ihm Lady Maria aus seinen Armen. Dem Schmerze, der schweren Last und der vorangegangenen Anstrengung weichend, überliess er dem Lord fast ohne Gegenwehr die jetzt wertlos gewordene Beute und trachtete nur das Boot zu erreichen, ehe die Entdekkung des Vorgefallenen ihn der Rache preisgäbe.

Erschrocken über den leblosen Zustand der Lady, die keine Frage beantwortete, kein Zeichen der Selbstülfe machte, wandte Lord Richmond auf den Entfliehenden keine Aufmerksamkeit und eilte den Weg zurückzunehmen, den er gekommen, als sich abermals die Scene änderte und ein neuer Gegenstand sich ihm entgegen setzte.

Pater Johann hatte den Schauplatz erreicht, und von demselben Schuss, der Richmond leitete, hierher gezogen, erkannte und überschaute sein Falkenauge augenblicklich die Lage der Dinge. Während er brüllend den fliehenden Schiffer zurück rief, lief er gegen den Lord an, und Beide erkannten sich nun sogleich als die Tischgefährten des verflossenen Tages. Halt, mein Herr, rief der Pater, den Arm des Lords ergreifend, unsere Freundschaft von gestern Mittag ist wohl nicht ausreichend, Euch eine Einmischung in meine Angelegenheiten zu gestatten; darum geht, wohin Ihr wollt, und bald, rate ich Euch. – Diese Dame aber bleibt bei mir, sie ist mir anvertraut.

Da sei Gott vor, rief Richmond, ehrloser Pfaffe, dass sie Dir überlassen bliebe. Der letzte Blutstropfen in mir wird sie noch gegen Dich verteidigen. Und ohne ihn weiter zu beachten, eilte er, so schnell es ihm der immer schwerer werdende Körper der Lady erlaubte, der eben verlassenen Gegend zu, da die bangen Ahnungen, die in ihm über den Zustand seines Schützlings aufstiegen, vor allen Dingen es ihm wichtig machten, Menschen und hülfe für sie zu erreichen.

Doch war Pater Johann kein so schnell zu besiegender Feind, und Richmond war kaum einige Schritte vorgedrungen, als Lanci aufseufzte, denn er hörte das kleine Hörnchen blasen, welches der Pater stets auf seiner Brust trug, und welches den ihm untergebenen Hüttenbewohnern ein unüberhörbares Zeichen war, sich seinem Schalle nach zu sammeln.

Der Sturm hatte die Mehrzahl zu haus gehalten oder in der Nähe der Hütten beschäftigt; doch aufmerksam gemacht durch die gefallenen Schüsse und das wiederholte Hülferufen, hatten sie sich schon in der Stille gesammelt, ihre Neugierde zu befriedigen. Der Ton des wohlbekannten Horns überzeugte sie nun, dass ihr mächtiger Zwingherr, in dessen hände ihr bescheidenes los gelegt war, ihrer hülfe bedürfe, und in grösster Schnelligkeit drangen von allen Seiten jetzt schwarze Schatten heran, die sich durch Anrufen kund gaben, während Andere, von Weibern und Kindern geschäftig begleitet, nach den Hütten liefen, um Kienfackeln anzuzünden, welche dort für den Gebrauch der Fischer bereit lagen.

Richmond übersah die Gefahr seiner Lage sehr wohl, und die Ahnung, ihr unterliegen zu müssen, wenn ihm keine wirksamere hülfe würde, als Lanci's schwacher Arm, mischte in das Gefühl des Mutes und der Entschlossenheit, das ihn beseelte, jenen bittern Tropfen der Verzweiflung, der die Kräfte steigert, aber die Besonnenheit unterjocht.

Er fasste krampfhaft den bewegungslos bleibenden Körper der Lady in seinen linken Arm, und seinen Degen in der Rechten, schickte er sich an, die Gruppe der Männer zu durchbrechen.

Doch es war ein Leichtes, ihn, der nur einen Arm zur Verteidigung behielt, durch zehn starke arme, die auf Pater Johannes Befehl auf ihn eindrangen, zu entwaffnen, und er fühlte sich übermannt und seines Schwertes beraubt, binnen weniger Augenblicke.

Hoch auf schäumte sein Blut bei dem Gedanken dieser Gewalttat, und das Schicksal, welches nun Lady Maria bevorstand, steigerte seine Kräfte bis zum Uebermenschlichen. Er riss sich noch ein Mal los und schlang beide arme so fest um den leblosen Körper, den er trug, dass er den Bemühungen trotzte, sie zu trennen