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jetzt gekommen und erhellte das schnöde Gewebe, welches er bis dahin bloss Klugheit genannt. Die wenigen Worte, womit die gemisshandelte Unschuld sich vor ihm geltend gemacht hatte, sie waren der zündende Blitz geworden. Es rief ihm zu, dass er sie in ihr Verderben, in ihren Tod sende, der, nähme sie das wilde Meer nicht auf, ihr sicherer noch an dem Orte zu teil werden würde, wo er sie hinsendete, seiner eigenen Rache genügend und sie jedem andern Bekehrungsversuche entziehend, der, ihm misslungen, keinem Andern wenigstens Ruhm geben sollte.

Aber die Gewohnheit, zu sündigen, lässt Gewissensqualen alt werden, ehe sie Handlungen umgestalten: oft bleibt es dabei, dass sie neben einander sich wechselweis bekämpfen, und wer Sieger ward, bleibt uns dann unentüllt.

Er versuchte, seines Gewissens zu spotten, er wollte zurückkehren nach dem schloss und sein Auge verfolgte doch noch den letzten schwarzen Schatten der Geopferten, bis er in dem Umwenden nach dem Ankerplatze verschwand. Er atmete auf und wendete sich so eben, um den Steinweg zu ersteigen, der nach dem schloss führte. Lange blieb er hier wie angefesselt stehen, als es ihm schien, er höre einen Schuss aus der Gegend, die er eben mit seinen Blicken verlassen. Das Geräusch des Meeres machte jedoch Alles unsicher, bis endlich ein zweiter Knall, ganz deutlich von einem Feuergewehre, den Lauschenden überzeugte, dass er sich nicht getäuscht.

Mutig und seiner atletischen Stärke vertrauend zögerte er keinen Augenblick, nach der Gegend hinzustürzen, wo er jetzt einen Ueberfall fürchten musste, dessen Abweisung allein von ihm selbst das unvermeidliche Verderben abwenden konnte. –

Doch kehren wir lieber zu Lady Maria zurück, welche bei dem tiefen Gefühle ihres harten, unverschuldeten Geschicks jene Innerlichkeit zu finden wusste, welche das Vertrauen auf uns selbst als eine Stütze erkennen lässt, die uns erhalten wird, und den Würdigen uns zugesellet, von deren geistiger Gemeinschaft kein Druck der äusseren Welt uns zu trennen vermag.

Unter dem zerrissenen, düstern Gewölke des weiten Nachtimmels, der mit der lauten stimme des Sturmes, mit dem Brausen des aufgewühlten Meeres ein zürnendes Wechselgespräch zu führen schien, schritt die verlassene Jungfrau dahin. Ihre Gedanken waren Gebete, und ihr Haupt hing auf der Brust mit dem heiligen Ausdrucke inneren Friedens.

Hoch hob der Wind den Schleier, als wollten Himmel und Wellen das schöne Antlitz betrachten, welches, zur Lilie erblasst, in dem Glanze der Unschuld zu leuchten schien.

Ihre Begleiter folgten zwar, aber sie näherten sich ihr nicht, als ahneten sie den erhabenen Zustand von Einsamkeit, in den sie sich versenkt hatte, als trügen sie Scheu vor einem Wesen, welches sie nicht verstehn konnten, das aber den Zauber einer hohen und vollendeten Individualität um sich verbreitete.

So mit jedem Schritte sich äusserlich mehr dem trostlosen Ziele nähernd, stieg innerlich reiner und reiner, geschieden von Furcht und Bangen, ihre Seele freier empor. Das Ringen mit der Aussenwelt hörte auf, sie fühlte sich auf der Welt allein, aber im selben Augenblicke wendete ihr ganzes Innere sich ungeteilt auf die ausreichende Fülle göttlicher Gemeinschaft; die Blüten ihres Geistes, die welk hernieder hingen, richteten sich auf; und sie bedurfte nichts mehr, weder Glück, noch Tod.

So innerlich gesichert, kehrte sie mit der stillen Teilnahme nach Aussen zurück, die am ersten da eintrifft, wo wir uns selbst nicht mehr darin suchen.

Sie hörte bald hinter sich zwei bekannte Stimmen, die zusammen klagten und in diesem Zusammenklagen wohl den süssesten Trost für ihre Klagen fanden. Auch täuschte sie sich nicht, es war Lanci's und Margarits stimme.

Wie, Lanci? sagte sie, sanft zurückblickend, sollst Du mit uns entführt werden? Hat man die Gruft des Meeres für sicherer gehalten, als die Haft des Schlosses? Armer Schelm! Dich hat Dein treuer Eifer für mich ins Verderben gestürzt, und ich kann nichts tun, als leiden, wie Du und Deine Margarit, und damit ist Euch wenig gedient. Brixton, mein teurer Lehrer, Du wirst in unserm Verschwinden eine traurige Antwort empfangen!

Ach, teure Lady! rief Lanci, lieber sterbe ich mit Euch und Margarit, als getrennt von Euch zu leben und nichts zu Eurer Rettung tun zu können. Die uns verfolgen, haben mir einen grösseren Dienst geleistet, als sie dachten und wollten.

Gott behüte, fuhr Lady Maria fort, dass Master Brixton sich zu Schritten verführen lasse, die seiner Sicherheit nachteilig würden. Auch dies, fügte sie hinzu, muss ich ergehen lassen, wie Gott es verhängt; es wird Alles ein Ziel haben, auch sein Schmerz, seine Leiden um mich.

Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, wo sich der Weg nach dem Ankerplatze herum zog, und da sie zugleich sich den Fischerhütten näherten, die hier zerstreut hinter dürftigem Gestrüppe versteckt lagen, trat der von Pater Johannes bezeichnete Führer, welcher Lanci mitgebracht hatte, hervor und nötigte die Lady, in eine der kleinen Hütten einzutreten, aus deren niedern Fenstern ein mattes Licht von dem nassen Torffeuer drang, das vom Heerde aus den winzigen Raum erhellte, wohin sie jetzt dem Führer folgten,

Bleibt hier einen Augenblick, sprach er, bis ich sehe, ob Alles zur Abfahrt bereit ist. Ihr könnt ein wenig Wärme sammeln zur Reise, es wird Not tun.

Er zog sich zurück, die beiden Bootsknechte an die Tür zur Wache stellend.

Gedankenvoll setzte Maria sich auf einen kleinen Schemmel am Heerde der Hütte