der einzige Ausweg zu entkommen sicher nur, wenn uns die Nacht deckte.
Ihr meint auf dem Wallwege, den der Vater Euch so oft geführt hat, sagte Margarit, ja, hundert Mal habe ich daran schon gedacht, aber wie sollen wir die kleine eiserne Tür öffnen, da alle Schlüssel des Vaters längst in die hände des neuen Kastellans übergegangen sind, der sie alle, wie Gold im Beutel, an seinem Gürtel trägt.
Dies ist also auch nicht möglich, sprach Maria, und wir wollen uns trösten, da das Gelingen dennoch sehr zweifelhaft bliebe; denn der Schlossgarten liegt noch innerhalb der Schlossmauer, obgleich ein teil derselben wahrscheinlich wegen der Hirten und der Weide in den Gräben abgetragen ist.
So ist es allerdings, erwiderte Margarit. Ausser meinem Vater, glaube ich, kannte auch Niemand diese Verbindung mit dem schloss, und ein Entkommen wäre sicher möglich, hätten wir nur den Schlüssel.
Nach einigem Nachdenken rief Lady Maria, plötzlich aufstehend: Und doch, Margarit, versuchen müssen wir es. Lass uns jetzt gleich die Tür untersuchen, was kann uns geschehen, wenn man uns entdeckt? Uebleres, als man schon vor hat, schwerlich, und wer kann mir wehren, die Freiheit zu suchen, die Niemand ein Recht hatte mir zu rauben?
Sie erhob sich, doch war ihr Geist stärker, als ihr Körper. Die unleidlichen Schmerzen am kopf traten stärker hervor, und die Steifheit ihrer Glieder hatte sich noch nicht gänzlich gehoben. Mit tiefem Kummer machte sie die traurige Wahrnehmung, ohne sie jedoch zu äussern, und versuchte Margarit zu folgen, die rüstig vor ihr her schritt und, als sie den gang leer fand, sich über das Gerümpel hermachte, welches vor dem Treppentürchen aufgestellt war.
Lady Maria war bemüht, ihr dabei zu helfen, aber ihre Schwäche und ihr krankhaftes Gefühl liessen sie fast unterliegen. Sie gab daher Margarits Bitten nach und bewachte bloss den gang, um, wenn sich etwa Jemand nähern würde, sogleich es anzeigen zu können. Gedankenvoll schlich sie bis zu einem kleinen Vorsprung, der einen blick auf die grössere Treppe zuliess, ohne sie selbst zu verraten. Sie sah an der unruhigen Bewegung der verschiedenen Schlossbewohner, dass etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse, und bald erschien Pater Johannes, von Aussen herbei gerufen und von einem atemlosen Diener begleitet, eilig die Treppe herauf steigend.
Warum hat man meine Vorschrift übersehn? rief er wild und mit allen Tönen des Zornes; hatte ich nicht ausdrücklich befohlen, dass hände und Füsse gebunden bleiben sollten?
Ja, antwortete der angstvolle Diener, wo aber Strikke hernehmen, die der Kraft widerstanden, welche die Lady anwendete? Wir alle flogen wie Spreu im Winde, als sie auf uns zulief, und wer konnte denken, dass sie gerade nach der Treppentür laufen würde, wovor sie sonst sich so fürchtete. Es hat wohl sein sollen, dass beide Herrschaften auf derselben Stelle –
In diesem Augenblick schloss sich die Tür, die Worte waren verhallt, und nur einzelne Diener schossen noch zuweilen in grosser Eile über die Treppe hin.
Von unbestimmtem Grauen beschlichen, stieg die Ahnung in Maria auf, dass der Wahnsinn der Nacht bei Lady Sommerset angehalten habe, und dass in diesem Zustande etwas von ihr unternommen sein müsse, was an den Unfall und Tod des unglücklichen Lords erinnere. Die Treppentür und deren Beziehung auf diese schreckliche Katastrophe kannte sie nur zu wohl, und eilte daher, so schnell sie es vermochte, zurück, um Margarit eine Nachricht zu bringen, die einige Hoffnung gab, man werde ihnen bei der Verwirrung im schloss Zeit zur Ausführung ihres Planes gönnen, welche vielleicht die Aufmerksamkeit des Pater Johannes mehrfach in Anspruch nahm und ihn an der beabsichtigten Entführung jetzt hinderte.
Margarit nahm zwar an der Hoffnung teil, aber ihr Herz war doch betrübt, da sie die kleine Tür zwar erreicht, aber jeden Versuch, sie zu öffnen, vergeblich gesehen hatte.
Verlieren wir nur jetzt nicht den Mut, sprach dagegen Maria, da uns ein kleiner Hoffnungsschein dämmert. Lass es uns wagen, und den Armleuchter der Lady anzünden und hierher bringen, vielleicht entdekken wir noch irgend ein Mittel gegen dies hartnäckige Türchen, wenn wir den ganzen Raum untersuchen können.
Margarit zeigte sich gleich bereit und eilte zurück, während bis zu ihrer Wiederkehr Maria noch ein Mal den gang hinabschlich, ihre Beobachtungen anzustellen.
Die Ruhe war wieder hergestellt, Flur und Treppen leer, und alle Tätigkeit, wie zu hoffen stand, in dem inneren der Gemächer vereinigt.
Froh ging sie jetzt dem Scheine des Lichtes entgegen, der ihr Margarits Annäherung verkündigte, und Beide untersuchten nun mit grösster Aufmerksamkeit die kleine Tür und den angrenzenden Raum des Schlupfwinkels. Aber die Tür war zu fest, um an ihre Oeffnung auf andere Weise, als vermittelst des Schlüssels denken zu können, und die Mauer umher so dick und von so starken Steinplatten, dass Beide mutlos von ihren Bemühungen abstanden.
Als sie in das kleine Turmgemach zurückkehrten, mit dem Gefühl, sich in ihr Schicksal ergeben zu müssen, wenn ihnen von Aussen nicht Hilfe käme, sahen sie, dass der Abend herangerückt war, und überliessen sich nun der Hoffnung, dass die Vorfälle im schloss die Absichten des Paters durchkreuzt und die gefürchtete Abreise verschoben haben könnten. Zeit zu gewinnen, schien ihnen jetzt das Wichtigste, denn sie durften hoffen, dass der Wildmeister, der von allen Vorfällen des Schlosses unterrichtet sein konnte, mit ihrem Beschützer in Verbindung stehe, und dass