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zu ihm durchmessen lassend, und Graf Archimbald, der nur den etwas vorgestreckten Fuss des Lords zu sehen brauchte, um zu wissen, dass er hier länger geharrt, als er mit seiner Würde verträglich fand, fing schon in einiger Entfernung an, sich mit einer Bescheidenheit und Höflichkeit zu entschuldigen, die sehr oft, in einem so hohen Grade ausgesprochen, eine leichte Beimischung von Ironie verrät, von der wir auch jetzt den Grafen loszusprechen uns nicht verpflichtet halten. Graf Salisbury murmelte einige unverständliche Worte und schickte sich an, das zu beginnen, warum er seinen Neffen berufen; als derselbe, mit vieler Gewandteit diese geringe Pause benutzend, dem Grafen sein Bedauern ausdrückte, indem er, so eben von seiner Schwägerin kommend, erfahren habe, der Graf wolle dies Schloss schon morgen verlassen. Um so näher liege ihm aber auch nun eine Bitte, die er im Namen seines Neffen vorzutragen nicht aufschieben dürfe, nämlich die Bitte um die erlaubnis, in dem Gefolge des Grafen sich nach London begeben zu dürfen, um gegen den König der ihm obliegenden Verpflichtung des Lehnseides sich zu entledigen. Er würde es für eine Ehre halten, wenn auch er ihn dahin begleiten dürfe, da seine Schwägerin ihn vorläufig aus seiner Nähe entlassen und jedes Geschäft zurück gesetzt habe, bis die erste Verpflichtung ihres Sohnes gegen seinen König erfüllt sei. Der Graf von Salisbury konnte kaum den unangenehmen Eindruck verbergen, den diese schnelle, äusserst schmeichelhafte und unterwürfige Bitte seines Neffen ihm machte; denn gerade diesen selben Gegenstand hatte er eben zum Vortrag bringen wollen, und zwar mit manchen von ihm wohl überlegten Aeusserungen, welche die Bedeutsamkeit seiner Stellung hervor heben und die Nachlässigkeit andeuten sollten, die seiner Meinung nach in der Stille ausgesprochen lag, mit der bis jetzt die wichtige Pflicht des jungen Herzogs übergangen war. Durch diese schnelle ehrerbietige Erklärung des Grafen war er um die ganze Wichtigkeit dieses Augenblicks betrogen, und musste noch überdies von der feierlichen Höhe der Missbilligung, zu der er sich empor gehoben hatte, hernieder steigen, und billigend und gewährend das Vertrauen erkennen, welches seinem Grossneffen wünschenswert machte, in seinem Gefolge sich nach London zu begeben. Es blieb aber nur noch übrig, einen andern Anlass zu erfinden, weshalb er seinen Neffen habe rufen lassen. Wir zweifeln nicht, dass es dem feinen und gewandten mann gelungen wäre, einen passenden Ausweg zu finden, wäre er nicht aus dieser kleinen Verlegenheit durch ein neues Ereigniss gerissen worden, welches alle seine Gedanken von da an uneingeschränkt in Anspruch nehmen sollte. Gilbert, der erste Sekretair des Grafen von Salisbury, erschien in dem Eingange des Saales und näherte sich auf das gegebene Zeichen des Ministers, um ihm zwei Briefe zu übergeben, welche so eben mit einem Courier von London eingetroffen waren. Graf Archimbald wollte sich ehrerbietig zurückziehn, aber der Graf von Salisbury erkannte, etwas erstaunt, aber doch angenehm überrascht, auf dem einen Briefe das grosse Privatsiegel des Königs und seine lateinische Ueberschrift, welcher Sprache er sich aus Eitelkeit häufig zu seiner Privat-Correspondenz zu bedienen pflegte. Er bat ihn daher freundlich, zu verweilen, beurlaubte Gilbert, und zu seinem Neffen gewendet eröffnete er den Brief, indem er mit einigen Worten die Gnade des Königs in diesem eigenhändigen Schreiben bemerkte. Doch er konnte nicht über die ersten Zeilen gekommen sein, als sein kräftiges Gesicht erbleichte und die hohe Haltung des alten Mannes bis zur Ohnmacht zu schwinden schien. Sein Auge streifte verschüchtert über das Blatt weg und haftete mit einem solchen Ausdrucke auf seinem Neffen, dass dieser voll Schrecken auf ihn zueilte und mit sorglicher Freundlichkeit seinen Arm ergriff. Archimbald, sagte der Graf mit matter stimme, was hat man in meiner Abwesenheit durchzusetzen gewagt? Wie unerhört bin ich betrogen, und welch' ein Unglück ist über uns alle gekommen!

Noch ahnte Graf Archimbald die Ursache der heftigen Erschütterung nicht, in der er seinen Oheim sah, aber das unverkennbare Leiden des würdigen Mannes erweckte die volle Teilnahme, die er früher ihm so aufrichtig eingeflösst, und tilgte alle die Kälte und Zurückhaltung, welche später beide von einander entfernt gehalten hatte. Der alte Graf brauchte einen Vertrauten, und er wusste, dass er ihn in seinem Neffen zu finden vermochte. Dies war für den schweren Augenblick ein Trost, den er sich weder versagen wollte, noch konnte. Er nahm den Lehnstuhl an, den sein Neffe herbei zog, und reichte ihm dann den Brief des Königs, unfähig, wie es schien, über die ersten Zeilen hinweg zu kommen. Doch waren diese völlig hinreichend, sowohl die Erschütterung des Ministers, wie das in gleichem Maasse erregte Erstaunen des Grafen zu erklären. Der König schrieb nämlich und, wie es dem völlig haltungslosen Styl anzufühlen war, selber in der trostlosesten Stimmung: "Was werdet Ihr sagen, mein lieber getreuer Cecil, wenn ich Euch schreibe, dass ich trostlos bin und ein armer, verlassener Vater, denn mein lieber Sohn und Buckingham haben sich nicht halten lassen, und sind auf und davon nach Spanien gereist, und Babi will selbst freien um seine Infantin, wie jeder andere Mann, so unschicklich das auch für ihn ist. Ich habe Euch tausend Mal zurück gewünscht, denn Ihr hättet es sicher ihm ausgeredet. Aber wie Ihr fort waret und Buckingham es erst wollte, da war kein Auskommen mehr, und ich bin nun ganz trostlos, denn mehrere Tage sind sie schon fort, aber ob meine Augen je meinen letzten Prinzen wiedersehn, das weiss Gott. Ich wünsche,