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sich hier darbot, um Zorn und Verfolgung und alle bösen Absichten, die er für die Anwesenden in seinem Herzen trug, auszulassen. Zweifelhaft, wie er vernichtend genug sich sogleich ausdrücken sollte, liess er als Vorspiel in Augen und Mienen lesen, was sie zu erwarten hatten.

Das Demütigende dieser Lage machte aber eine so lebhafte Anforderung an Marias Gefühl, dass sie alle ihre Kräfte aufbot, um Schreck und Schmerz zu überwinden.

Ihr habt nicht nötig, Pater Johann, sprach sie ernst und zürnend, indem sie sich aufrecht setzte, die Beleidigungen auszusprechen, die Euer müssiges Erstaunen genugsam angekündigt. Dieser Jüngling ist allerdings vor Euch verborgen worden, wisst es aber Euch selbst Dank, dass selbst die unschuldigsten Dinge dem, der sie tut, noch Furcht vor Eurer Auslegung einflössen, ich sage Euch, jedoch – – –

Und ich sage Euch, brüllte Pater Johann, in namenloser Wut sie unterbrechend, dass jetzt über Euch alle der Stab gebrochen ist, dass ich genug von diesem Buben weiss, um einzusehn, in welcher Verbindung Ihr mit ihm stehen mögt, dass mir Krankheit, Pflegerin und Gesellschafter, alle diese verschiedenen Machinationen, mich zu hintergehn, ganz klar sind und Alles geschehn wird, zweifelt nicht, Euch so zu stellen, dass Ihr es bereuen werdet.

Ganz gut, sagte Lanci trotzig, aber mich könnt Ihr nicht halten; ich bin des Wildmeisters Bursche, gehöre gar nicht in dies Schloss und verlange, dass Ihr mich augenblicklich ungehindert fortlasst.

Fort? brüllte der Pater, fort? Eher wollte ich Dich mit eigenen Händen erdrosseln, als Dich fortlassen, Du Bube, den ich schon hätte zertreten müssen, als Du, Dich schlafend stellend, vor dem Bette Deines alten heuchlerischen Oheims lagest. Ha! wenn ich denke, dass er Dich herliess, dass Du ihm nicht entsprungen bist, ha, welch' ein schnöder Verrat ahnet mir dann, und wie zur rechten Stunde bin ich da gekommen, Euch alle zu vernichten!

Das soll Euch schwer werden! schrie Lanci, sich aus den Händen der zitternden Margarit losreissend, den Pater bei Seite stossend und wie ein Pfeil durch die Tür in den langen gang entspringend. Eben so schnell flog Margarit nach der Tür und suchte sie vor dem nachdringenden Pater wenigstens augenblicklich zu verschliessen, um Lanci einen kleinen Vorsprung zu gönnen. Aber ihre Kräfte reichten gegen die des Paters nicht aus, und Lady Maria eilte ihr nicht zu hülfe, obwol sie sich von ihrem Lager erhoben hatte; denn lieber wollte sie das Kommende ertragen, als in ein persönliches Handgemenge mit dem verachteten mann geraten. So unterlag Margarits Widerstand nur zu bald, und nun setzte das Geschrei des Paters dem armen Lanci schneller nach, als es sein schwerfälliger Schritt vermochte. Bald sah sich der unglückliche Jüngling von mehreren herbeigerufenen Aufpassern des Schlosses ergriffen und zu einem der festen Zimmer geführt, welche gelegentlich dienten, die aufzunehmen, die dem Zorne des Paters oder der Lady verfallen waren.

Indessen blieben die beiden unglücklichen Frauen in einem Zustande von Kummer zurück, den beide nach ihrer Art äusserten. Während Margarit in Verzweiflung die hände rang, blickte Maria stumm und ohne Worte vor sich nieder, und fühlte die völlige Verödung, die nach grossen Gemütserschütterungen uns das Gefühl gänzlicher Hoffnungslosigkeit lässt.

Jeden Augenblick erwarteten sie ihren Peiniger zurückkehren zu sehen, und eine Stunde nach der andern schlich träge in dieser bangen Erwartung dahin, ohne ihn oder einen Andern herbei zu führen. Mittag war vorüber, Beide fingen an, aus der ersten Betäubung zu erwachen, Margarits Tränen hörten auf zu fliessen, Maria begann ihre Lage aufs Neue zu betrachten, und die Nähe eines Wesens, das für sie sorgte und handelte, wie sie auch bedroht war, ihm entführt zu werden, unterliess doch nicht, einiges Leben in ihr aufzuwekken.

Da seufzte Margarit schwer auf und trat vom Fenster zurück, woran sie sich so lange gelehnt hatte. Denn tief unten an dem kleinen Vorsprunge der natürlichen Bucht, in der das Schloss lag, sah sie das SegelBoot rüsten und Pater Johannes mit dem alten Küsten-Schiffer, der seine Leute antrieb, im eifrigen gespräche begriffen.

Der Plan wird also ausgeführt werden, rief hier Maria mit neuem Schmerz, als auch sie sich von jenen Vorkehrungen am Ufer überzeugt hatte, und ehe mich die väterliche Liebe meines Wohltäters erreichen kann, werde ich ihm entrissen, auf immer nach einem fremden land entführt, wo mir Tod oder ewiges gefängnis droht, und kein Arm der Liebe mich mehr erreichen wird.

Welch' ein unerklärlich trauriges los ist mir beschieden, und wer bin ich, dass selbst Fremde sich die Hand zu bieten scheinen, mich zu verfolgen und in einer grauenvollen Abgeschiedenheit zu erhalten? Warum gibt man mir nicht lieber den Tod, als mich so langsamen Qualen preiszugeben? O Margarit, armes Wesen! was wird aus Dir werden, und wie habe ich Dein und Lanci's Schicksal zu Euerm Unglück mit in das meine verflochten! –

O denkt nicht an uns, teure Lady, rief hier weinend Margarit, denkt doch nur, ob wir nicht entkommen können, da uns doch ausserhalb des Schlosses hülfe harrt.

Ich kann die Möglichkeit nicht finden, erwiderte Maria ängstlich umherblickend; Du weisst, wie alle Ausgänge bewacht sind, und wie man in diesem Augenblicke auf uns beide Acht haben wird. Dazu kommt, dass es Tag ist, dass man uns hier nicht lassen wird, bis die Nacht eingebrochen, und doch wäre