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lauschende Lanci, der sich ziemlich den Zusammenhang gedacht, schlüpfte leise herein, und Beide kauerten sich nun, sich durch mitleidige Blicke nach dem Lager verständigend, am Heerde hin und blickten sich an, stumm lächelnd vor Seligkeit.

Wohl mischten sich Margarits sanfte Tränen und Lancis leise Wehklagen um den Vater ein, aber wer wüsste nicht, dass kein Gefühl des Schmerzes lange Raum findet in der Brust, die von dem Wohllaut beglückter und vereinigter Liebe erfüllt wird! Jede Lage, welche die Glücklichen vereinigt, und wäre es das letzte Brett des gescheiterten Schiffes in der tobenden Flut, wär' es unter dem Ausbluten der tödtlichen Wunde, die Beiden den Tod sichert, wär' es in der tiefsten Gruft des Kerkers, die sie schiede von der übrigen Welt, wenn nur sie Beide nichts scheidet: – jeder Ort ist ihnen dann die kleine glückselige Insel, auf der sie sich befinden, als zur Seligkeit bestimmt, nichts wahrnehmend, was ihnen gebräche, durchdrungen von der Atmosphäre innigster Befriedigung! Wer nach dieser letzten geretteten Frucht des Paradieses greifen, und ohne Furcht und ohne Reue ihren geheimnissvollen beseligenden Inhalt geniessen darf: er schweige ohne Klagen still, wenn das Leben andere Opfer fordert; zu einer Ewigkeit von Leiden würde er das Gegengewicht finden. – Bald flüsterten sie lauter, und wechselten schneller Frage und Antwort, in der glücklichsten Sicherheit die ganze Welt vergessend. Da hörten sie plötzlich leise und endlich lauter wiederholt die Worte:

Wo bin ich? Margarit, bist Du hier? Wer umgiebt mich?

Erschrocken sprangen Beide auf, und Margarit flog nach dem Bette. Aufgerichtet sass hier Lady Maria, und blickte matt und fragend in Margarits treue Augen.

Teure Lady! rief das gute Mädchen heiter, o Gott sei gedankt, dass Ihr so weit seid, Ihr könnt ja sprechen und Euch bewegen, nicht? Euch ist besser?

Besser, gutes Kind, erwiderte Lady Maria sanft, wenn auch nicht genesen; ich bin sehr matt, aber Deiner liebevollen Mühe danke ich, dass der qualvolle Zustand endete, in den mich die schreckliche Lady versetzt hatte. Wie hat man Dich aber zu mir gelassen, und wie werde ich zu sichern sein gegen die schreckliche Frau, deren Anblick ich fürchte wie den Tod. Doch sage mir, fuhr sie fort, sind wir allein, oder bewegt sich hinter Dir Jemand?

Margarit trat schüchtern seitwärts und zeigte Lanci, der sich auf den Knieen hinter ihr verborgen hatte.

Zürnt ihm nicht, teure Lady, sprach sie dabei, er meint es gut, will uns Beide retten.

Lanci, sagte Lady Maria, bist Du aus London zurück? Gutes Kind! hier sind schlimme zeiten indess eingetreten; Margarit und ich haben unsern einzigen Beschützer verloren.

Ja, Lady! rief Lanci, noch immer auf seinen Knieen liegend und zugleich überwältigt von Verehrung und Betrübniss über ihren Anblick; ja, es ist viel Trauriges geschehn, aber hat Gott Euch einen Beschützer genommen, so hat er Euch zwei dafür wiedergegeben, die Alles anwenden, Euch hier wegzuführen.

Lady Maria schwieg einen Augenblick, und sah ihn trübe und nachsinnend an; dann sprach sie mutlos:

Niemand von Allen, die mir einst Schutz gaben, kennt mein gefängnis, guter Lanci, wer sollte ausser ihnen sich mein erbarmen wollen?

Doch, doch, sprach Margarit eifrig und zog Lanci näher, indem Beide vor dem Bette niederknieten, es sind alte Freunde von Euch, liebe Lady!

Nicht wahr, fragte Lanci, recht beglückt lächelnd, Master Brixton ist ein alter Freund von Euer Gnaden?

Brixton! rief Maria, und die Ueberraschung goss ein lang verschwundenes Purpurlicht über ihr Gesicht. Mein Lehrer! Mein Freund! Mein zweiter Vater!

Ja, Lady! rief Lanci, er ist in Eurer Nähe, und für Eure Flucht wird gesorgt sein, so bald Ihr gehen könnt; werdet nur gesund.

Gesund? rief Maria, als früge sie sich selbst, ob sie noch krank sein könne bei dieser Botschaft. Ich bin gesund, gesund genug, um diesem Kerker entfliehen zu können. Steht auf, Kinder, damit ich meine Kräfte prüfe, sie können mich nicht verlassen wollen, wo sie mir dienen sollen.

Sie warf die Decke weg und stand plötzlich in ihrem groben Nonnenkleide vor dem erstaunten Lanci. Aber dieser schnelle Aufschwung der Kräfte, dem Ruf des starken Geistes gehorchend, war nur vorübergehend; schwindelnd fühlte sie ihr Haupt von heftigen Schmerzen durchzuckt und sank fast eben so schnell erbleichend auf ihr Lager zurück.

Betrübt sahen die jungen Leute diesen Zustand mit an und mochten daraus bange Schlüsse für ihre Lage ziehen, als Lady Maria sich anstrengte, sich aufzurichten, und, von Margarits Armen unterstützt, aufrecht zu sitzen suchte.

Sprich, mein Kind, sprach sie zu Lanci, Du musst mir viel zu sagen haben. Schickte er mir kein Zeichen seines Daseins, hast Du keine Zeile von ihm an mich? –

Nein, teure Lady, das nicht. Ich musste heimlich von da fort, wo wir zuletzt rasteten, um Euerm Feinde zuvorzukommen, denn Pater Johannes ist im Anmarsch. Hätte der mich gesehen, so wär' ich und vielleicht der ganze Plan verloren gewesen. So bin ich nun vorangeeilt, damit Ihr nur erst wüsstet, dass wir da sind, und in der Hoffnung, dass wir eher, als er, ankämen. –

Ach, rief Maria schmerzlich, warum verlässt mich meine Kraft! Wie dringend nötig scheint sie mir,