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erschreckt trat Margarit nun näher; denn diese arme Leidtragende hatte nach der Ermüdung in ihrem Kummer voll sorge ihres Fräuleins gedacht und sich einsam durch die langen Wege geschlichen, die einzige zu erreichen, bei der sie Linderung hoffte, die einzige, die ihr in diesem schloss geblieben.

Doch wie fand sie dieselbe, todtenbleich und einer Leiche ähnelnd, mit zerrissenen Kleidern, mit blutender Stirne! Margarit zweifelte nicht, das entsetzliche Weib habe sie erdrosselt. Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung drohten sie anfänglich zu überwältigen, aber das Gefühl, wie viel darauf ankäme, dass sie bei Besinnung bliebe, und die gänzliche Hülflosigkeit ihrer Lage riefen ihre Kräfte ins Leben und gaben ihr die Mittel ein, eine Rettung zu versuchen.

Sie brachte die Unglückliche nach ihrem Bette, sie wusch das Blut ab und verband die Wunde, deren Ursache sie an dem blutig daneben liegenden Armleuchter erkannte, und hatte die unaussprechliche Genugtuung, bald einen Seufzer, dann ein leises Atmen wiederkehren zu hören und endlich die Augen sich öffnen zu sehen, die nun keinen Zweifel liessen, dass sie lebe.

Aber wie wenig schien damit erreicht, als Margarit nun erst erkannte, wie zerstört die geliebte Herrin war.

Angstvoll und unsicher irrten die Augen der Erwachten umher, sie verstand keine Frage, die Margarit tat, oder konnte doch die krampfhaft verschlossenen Lippen nicht öffnen; nur zusammenschaudern sah man sie oft und Margarit versuchte, den fast starren Körper auf das elende Lager zu legen und ihn mit Allem zu bedecken, was in dem elenden Zimmer sich vorfand.

Doch hiermit sah sie auch ihre Hilfsmittel erschöpft, denn wie sie ihr weiteren Beistand verschaffen oder einen der Schlossbewohner zur Hilfe bewegen sollte, da ihr Vater nicht mehr lebte, der einzige, der es gewagt, die strengen Befehle der Schlossfrau hinsichtlich der Unglücklichen zu umgehen, sah sie nicht ein und schien ihr ein hoffnungsloser Versuch. Dabei kam es ihr vor, als fürchte die Kranke ihre Entfernung, als erkenne sie den Schutz ihrer Nähe, denn so starr die Züge waren, drückten sie doch Angst aus, wenn Margarit nach der Tür ging. Schon brach der Morgen an und sendete ein fahles trostloses Licht auf diese Verlassenen, und noch sass Margarit in Plänen zu Maria's Rettung vertieft, und verwarf, was sie beschlossen, und beschloss, was sie aufs Neue verwerfen musste. Dabei blieben die Augen der Kranken starr und trübe, aber weit offen; der Schauder durchrüttelte, wie es schien, höchst schmerzhaft zuweilen ihren kalten, gelähmten Körper, und längst hatte Margarit aufgehört zu fragen, denn angstvoll aber vergeblich war die Anstrengung, zu antworten.

Endlich in immer steigender Angst kniete sie dicht an ihrem Kopfkissen nieder und rief:

Ihr braucht nicht zu antworten, liebe Lady, ich werde Euch nur sagen, was ich tun will; denn so könnt Ihr nicht länger liegen bleiben; ich will ins Schloss gehen, Eure tür unterdessen verschliessen und Euch herbeischaffen, was Gott mich vielleicht finden lässt.

Auch hier blieb die Antwort aus, aber der Ausdruck von Angst und Betrübniss kehrte stärker zurück, als vorher, und hätte beinahe Margarit zurückgehalten, hätte sie sich nicht schnell entschlossen, davon zu laufen.

Ihre sorge war nur, wie sie die Tür, die ohne Schloss war und nur von Innen einen Riegel hatte, verwahren sollte. Sie schleppte einiges Gerümpel, was den früher erwähnten Eingang verbarg, zusammen. Sie hatte dadurch wenigstens den ersten Versuch verhindert, einzudringen, und durfte um so mehr auf einige freie Zeit hoffen, da Lady Sommerset den auf solche Nachtzustände folgenden Tag über gewöhnlich in ihrem Bette blieb.

So eilte sie nun flüchtigen Fusses zurück in den bewohnten teil des Schlosses und hatte in ihrem frommen Eifer, zu helfen, so ganz vergessen, was sie selbst betroffen hatte, dass sie fast vor Entsetzen zurücktaumelte, als sie in das schwarz behangene Zimmer trat, dessen ganze frühere Einrichtung verschwunden war, nur das leere hölzerne Gestell zeigte noch den Ort, von wo, am Abend vorher, der Sarg des Vaters zu seiner Bestattung abgehoben wurde.

Gott sei mir gnädig! rief sie und wäre fast zurückgewichen, aber ein unschuldiges junges Gemüt rechnet sich die Furcht vor einem verehrten Verstorbenen immer als ein Unrecht an, auch war mit der gänzlichen Verlassenheit ihrer Lage und den Ansprüchen, die eben jetzt an ihre Entschlossenheit gemacht wurden, der zarte Uebergangspunkt zu einer höhern Periode des jugendlichen Daseins eingetreten, wo die erste Anforderung an eigne Wahl und eigne Entscheidung jenes Gefühl von Selbstständigkeit hervorruft, das die Seele süss und weh mit der Ahnung eines nun eingetretenen höhern Lebens durchschauert.

Ach, mein Vater! rief sie, kindlich die hände faltend und an dem leeren Gerüste niedersinkend, als trüge es noch den geliebten toten, lenke Du meine Schritte, führe Du die Rettung herbei, die uns Not tut, Du, der Du Alles segnen wirst, was ich für die arme tue.

Mutig und gestärkt erhob sie sich, und durchmass furchtlos das kleine Gemach, das der Morgen schon mit einzelnen Sonnenstrahlen erhellte. Sie selbst löste die schwarzen Vorhänge an der Hinterwand und öffnete das dahinter verborgene Schränkchen.

Da hörte sie das Anschlagen der Hunde an der äusseren Mauer; die Eingangsglocke läutete, und sie überlegte nun, dass die Tätigkeit im schloss erwacht und ihr Rückzug nicht ohne Gefahr sei. Sie horchte, und die kleine Pforte drehte sich, ein lautes Hundegebell gesellte sich innerhalb zu dem frühern von Aussen.

Ach, nie konnte sie dies Gebell hören,