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in sanfte Tränen aus, die in etwas die Last von ihrer Brust wegnahmen.

Wie ist Euch nun? fragte Electa. Soll ich Euch entkleiden und zur Ruhe bringen!

Liebe Electa, sagte Maria, bedenkt wohl, was Ihr tut. Man will hier nicht, dass ich Hilfe finde, ich möchte Euch nicht Verweise zuziehen, lasst mich lieber allein; Gott wird mir Kraft geben, oder sein Wille hat es auch anders vor, nun denn – – –

Electa schlug die Augen nieder, sie fühlte sich beschämt von der Lage des armen Wesens, dem sie nicht zürnen konnte, für wie verderblich sie auch ihre Geistesverkehrteit hielt. Ihr Beistand bei ihrer Hinfälligkeit zu leisten, schien ihr doch nicht zu viel.

Ich zweifle nicht, sprach sie daher sich ermannend, unsere ehrwürdige Oberin wird gestatten, dass ich Euch beistehe, und ich gehe, ihre erlaubnis zu holen.

Maria fühlte sich zum Widerstande zu schwach, und kaum sah sie sich allein, als der furchtbare Geist des Fiebers über sie kam, und ihrem Gehirn jene schmerzhaften Bilder von Angst und Grauen eindrückte, die das Blut verzehren und alle Nerven zu zerreissen drohen. Angstvoll, stöhnend, ohne Kraft und Gegenwehr, nagte so der schreckliche Wahnsinn an der Unglücklichen, ohne dass Electa oder eine andere Hilfe zu ihrer Linderung erschien. Schon war die Nacht weit vorgerückt, schon brach sich die Wut des Fiebers, da nahete aufs Neue ein wildes Geheul ihrer Tür. Selbst in der Verwilderung ihres Geistes erkannte sie die grauenhaften Töne, die so oft zur Nacht das Schloss aufstörten durch den Wahnsinn der furchtbaren Lady Sommerset, und ein heller Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, als sie die Tür aufreissen sah, und die Wahnsinnige mit einem Doppelleuchter und zwei Kerzen hereinstürzte.

Langsam heulend nahte sie sich lauschend; vorgebogen streckte sie den Leuchter nach dem Lager vor und betrachtete mit starren, trüben Augen das Schlachtopfer ihrer Wut.

Ich komme, Dich selbst zu pflegen, rief sie höhnisch, da ich Dir Electa eingesperrt habe. Ja, Du wirst bald genesen, koste nur erst von meiner Arznei! Ein schauderhaftes lachen folgte diesen Worten. Sie setzte den Leuchter taumelnd auf die Erde und rieb sich wie in grosser Angst die hände.

Arznei war es! schrie sie plötzlich furchtbar auf, über Maria hinaus blickend, wie nach einem andern Gegenwärtigen. Ich sage Dir, Arznei war es, die ich Overbury schickte, nicht Gift! nicht Gift! nichtnicht Gift! Furchtbar röchelnd wiederholte sie dies letzte Wort viele Mal hinter einander, während sie, starr zum Boden blickend, alles Andere vergessen zu haben schien und so furchtbar zitterte, dass ihre dürren Glieder zu knistern schienen. Doch plötzlich, mit dem schnellen Wechsel des Wahnsinns, fuhr sie empor.

Aber Du, Du, rief sie, auf Maria einstürzend, sollst mir büssen! Er war so schnell, den Platz einzunehmen, von dem er ihn verdrängt; Herzog musste der Bube Villiers werden, Herzog, Herzog! wie mein Sommerset, und ich sollte mich nicht rächen? Habe ich doch Dich, auf die er neue Pläne des Ehrgeizes baut, bist Du mir doch sicher. Nie, nie sollst Du sie wiedersehn! Nennt mich die ganze Welt Giftmischerin, Mörderin, wohlan, ich will den Ruf verdienen, an Dir verdienen.

Mit diesen Worten flog sie auf Maria zu und umklammerte sie mit der Stärke des Wahnsinns.

Starr vor Entsetzen hatte die Unglückliche den ganzen Vorgang mit angesehn und, von der eignen Qual des heissen Fiebers beherrscht, kein Gebein geregt.

Als sie sich aber jetzt in der Todesnot von den wütend eingegrabenen Händen des schrecklichen Weibes fast erwürgt fühlte, erwachte alle Kraft der Jugend, erhöht durch die Ueberspannung des Fiebers, und sie riss sich mit der schrecklichen Last empor und schleuderte die würgenden hände von ihrem Halse los. Doch wenn auch ihr erstes Erstaunen, Widerstand zu finden, die Wahnsinnige abgewiesen hatte, mit neuer Wut fühlte sich Maria bald umklammert, und ihre eigenen Kräfte, vom Fieber verzehrt, schienen zu erlahmen, ihre Besinnung ward undeutlich, ihr Haupt heiss und schwer, ihr Auge liess sie alle Gegenstände im Kreise tanzend sehen.

Noch eine angstvolle Bewegung, sich loszuwinden, machte sie, dann brachen ihre Kniee, sie sank mit ihrer Verfolgerin zur Erde, so dass sie den Armleuchter umwarf und die Kerzen erloschen.

Die tiefste Dunkelheit, welche jetzt beide Ringende umfing, änderte plötzlich die Scene. Die Wahnsinnige schien zu vergessen, was sie vorhatte, als sie Maria nicht mehr sehen konnte; sie liess sie los und richtete sich auf.

Wo bist Du, Sommerset? sprach sie leise; sprich, mein Gemahl, wo soll ich Dich finden? Warum gehst Du so einsam durch die Nacht? Overbury starb ja nicht an Gift, Du, Du wenigstens bist ja unschuldig; ich werde Dich suchen, Du darfst nicht ohne beichte sterben. Komm in Dein Zimmer, heulte sie von Neuem furchtbar auf, stirb nicht auf der Treppe, ehe Dir die Kirche vergab! – Seine Leiche, seine Leiche! schrie sie plötzlich auf, als sie an Maria's daliegenden Körper stiess, und eilte, sich aus der Tür zu stürzen, die eben von Aussen geöffnet ward und einen matten Lampenschein eindringen liess. Wütend und blind für jeden Gegenstand stürzte die Elende an der Eindringenden vorüber, den langen gang in grauenvoller Schnelligkeit hinabfliegend, von dem aus sie einen erleuchteten Vorplatz erreichte.

Zum tod