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, sprach Richmond, gefällt Dir der Plan nicht?

Ich müsste lügen, wenn ich Ja sagte, erwiderte er offen; ich möchte nicht, dass Einer hier bleibe, nicht, dass Einer jetzt mit mir ginge.

Und weshalb? fuhr Richmond fort, sei offen, mein Kind, wir wollen gern hören, was Du Dir ausdenkst, da Du bis jetzt Dich treu und gescheidt gezeigt.

Seht, Mylord, hob Lanci an, ich denke, ich muss noch heute weiter. Es ist Freitag, morgen ganz früh liefert der Wildmeister das nötige wild für den Sonntag in die Schlossküche, dabei muss ich sein, es ist die einzige Art, wie ich oder mein Brief mit herein kommen. Unterdessen, dachte ich, müsstet Ihr aber doch nachrücken, damit Ihr zur Hand seid bei den Vorschlägen, die Vater Miklas austeilen wird, und die ich nicht wissen kann. Auch sehe ich jetzt wohl, wo ich bin, und hätte besser getan, uns und die Pferde noch einen halben Tag hungern zu lassen, als Euch hierher zu bringen.

Was beunruhigt Dich hier, rief Richmond aufstehend; hältst Du es für möglich, dass man uns hier vom schloss aus beobachten könnte?

Ja, erwiderte Lanci, so denke ich; der alte Wildmeister hat mir immer von einer Herberge erzählt, wo es hoch hergeht, und wo die Katolischen, denn Ihr wisst es ja nun einmal, aus- und einziehen, die von und nach dem schloss wollen. Diese ist hier, jetzt habe ich das Schild gesehen: Zum Lamm; so hiess sie, aber der Wildmeister wusste auch nicht, dass sie im Städtchen liegt, er sagte immer in den Hügeln.

Und glaubst Du, sprach Richmond, dass diese Leute im Solde des Schlosses sind, dass man die Fremden anzeigt, die hier einkehren? –

Ja, so sagte der Wildmeister, und er weiss es am besten. –

So lasst uns sogleich wieder aufbrechen, rief Richmond, und sie auf alle Weise über unsern Weg täuschen, damit wir sie unsicher machen oder früher, als ihre Nachricht, eintreffen.

Brixton stand auf, seine Bereitwilligkeit zu zeigen, als die Türen sich öffneten und die Diener mit den speisen eintraten, der Wirt mit einer wehenden Serviette voran und mit grosser Geschicklichkeit beiden Gästen zu gleicher Zeit die Stühle herbeiziehend.

Ein blick tauschte die Gesinnungen der Beiden aus. Um jedes Aufsehn zu vermeiden, nahmen sie die Mahlzeit an; auch sagte sich Richmond bei einigem Nachdenken, dass jedenfalls den Pferden Ruhe zu gönnen sei, ohne welche jedes weitere Unternehmen Gefahr liefe.

Sie hatten sich kaum niedergelassen, als neues Pferdegetrappel sich vor der Tür hören liess und der Wirt nach einem flüchtigen Blicke durch das Fenster dem Ankommenden entgegen eilte.

Freundliche und ehrerbietige Begrüssungen hörte man wechseln, und es erhob sich eine ziemlich lange Zwiesprache im Hausflur. Dann hörte man die Treppe hinansteigen, und zuletzt erschien der Wirt, den neuen Gast hinter sich, in der Tür und bat um erlaubnis, den eben angekommenen Herrn an der Mahlzeit teil nehmen zu lassen.

Es war wenig dagegen zu sagen, da der Fremde sogleich eintrat, und sehr höflich und mit vielen Worten die Gastfreundlichkeit der Anwesenden in Anspruch nahm.

Kalt ward ihm zugestanden, was nicht gut verweigert werden konnte, und er nahm sehr gemächlich an der andern Seite des Tisches Platz, wo ihm auch Anfangs die Stillung seiner Esslust hinreichende Beschäftigung gewährte, was ihn jedoch nicht abhielt, seine kleinen stechenden Augen mit grosser Beweglichkeit auf allen anwesenden Personen herumfliegen zu lassen.

Während er, um Atem zu holem, seine Kravatte einen Augenblick lüftete, begann er, sich gegen seine Tischgenossen verneigend:

Es ist selten, an dieser Tafel mit so geehrten Gästen zusammenzutreffen; die Gegend ist sonst unbesucht, hat keinen Verkehr; die Nähe des Hafens von Dover zieht dortin alle Reisenden von Bedeutung.

Diese Rede blieb eine Zeitlang unerwiedert. Endlich fragte Richmond, halb zum Wirte, halb zum Fremden gewendet: Wie weit rechnet man Dover, und wie ist der Weg dahin?

Sollten Euer Gnaden nach Dover zu gehen beabsichtigt haben, rief der Fremde, muss ich sehr erstaunen über einen so bedeutenden Umweg; da, wie ich aus Kleidung und Art zu schliessen wage, Dero Weg von London herkömmt.

Nicht Jeder beabsichtigt gerade den kürzesten Weg, erwiderte Richmond, und jedenfalls wird Dover erst in einiger Zeit lebhaft werden, wenn die Prinzessin von Frankreich dort anlangt.

Es wird wenig Feierlichkeiten geben, sagte der Fremde nachdenkend, die Landestrauer verbietet jedes Geräusch.

Die Landestrauer? rief Brixton, was meint Ihr damit, mein Herr, wo ist Landestrauer?

Wann habt Ihr denn London verlassen, werte Herren, sprach der Fremde, dass Ihr den Tod des Königs nicht mehr erfuhret?

Des Königs! riefen Alle auf ein Mal.

Und wann starb der teure Herr? fuhr Richmond fort.

Am Abende des achten dieses Monats, erwiderte der Fremde.

Also am Tage unserer Abreise, sagte Brixton mechanisch.

Ich reiste am andern Morgen ab, fuhr der Fremde fort, bin also doch etwas rascher gereist, als die geehrten Herren. Handelsleute, wie ich, fuhr er fort, die meist auf Reisen ihr Leben zubringen, sind aber auch besser mit all den kleinen Vorteilen vertraut, die das Fortkommen erleichtern.

Diese Worte blieben wieder ohne Entgegnung, da Richmond wie Brixton sich tief erschüttert fühlten von der Nachricht, die sie so eben erfahren hatten. Die Gedankenfolge erratend,