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zurück. Sie teilt den Schmerz der Tochter nicht aus Mitleiden allein, sondern in dem Gefühl des grossen Verlustes, den auch sie an dem edlen, gütigen Greise erlitten, welcher stets bestrebt war, die Härte ihrer Lage durch stille Wohltaten zu erleichtern. Er hatte sie mit Margariten oft zur Nachtzeit durch geheime Gänge und Türen an die ihr versagte Luft geführt, und sie sah nun eine Existenz vor sich, die wenig von der in einem Kerker unterschieden war, und dieser an Luft und Bewegung Gewöhnten ein baldiges Siechtum zu drohen schien.

Ergeben sieht sie in die Zukunft; nach und nach sind alle ihre Hoffnungen auf Rettung zusammen gefallen. Sie will die Erinnerung fern halten und hat doch kein anderes Leben, als eben in der Erinnerung mit ihren Anklängen von Seligkeit, die den tiefen Schmerz ihrer Brust nähren und den Giftbaum wachsen lassen, unter dessen weit sich ausbreitenden Zweigen die Blüten ihres jugendlichen Lebens welk werden und niedersinken. Sie kommt sich alt vor und denkt, es sei lange her, dass sie jung war; sie könnte denken, schon einmal gelebt zu haben, und zwischen ihrer früheren Existenz und ihrer jetzigen liege ein Grab, aus dem sie gestiegen, um als ein wankender Geist umher zu gehen, nicht lebend und nicht tot.

Ihr ward nicht der Trost zu teil, der den schiffbrüchigen Lebenswanderer aufs Neue ansiedelt, um in irgend einer Tätigkeit, in der ungestörten Andacht einer reinen Religiosität die Vergangenheit zu überwinden. Die ausgesuchteste ihrer Qualen war der Zwang, der ihr auferlegt war, in der Nähe und steten Umgebung von Personen zu leben, die in sinn- und geistlose Beschäftigungen sie zu verflechten trachteten, und deren Religiosität bei näherer Bekanntschaft die Abneigung bestätigen musste, die sie gleich bei den ersten Versuchen des Pater Johannes dagegen empfunden hatte.

Der Hass, den ihr blosser Anblick in dem Herzen der Lady Sommerset erregte, da sie die schönen Züge der Schwester Buckinghams trug, desjenigen, der die Stelle eines Lieblings, wie Sommerset dem Könige war, nach dessen Fall ersetzte und damit ihr tödtlicher Feind ward, – dieser Hass trat in jedem Augenblick hervor. Er entlud sich mit Schadenfreude an dem unschuldigen Abkömmling, ja, Gelindigkeit schienen ihr noch stets die niederbeugenden Maassregeln gegen die arme, und entschlossen war sie im inneren, dass Buckingham seine Pläne auf sie nie erfüllt sehen sollte, und sollte sie auch zum Aeussersten schreiten und dies Leben hinwelken lassen, ihm sollte es nie Nutzen schaffen können.

Pater Johann, der sein Beichtkind vollkommen kannte, wenn auch die beichte selbst ihm darüber nur mitteilte, was sie selbst für gut fand, schützte Anfangs, wo ihm die Hoffnung auf Marias Bekehrung eine neue Glorie vorspiegelte, seinen Zögling gegen die offenbaren Verfolgungen der Lady. Aber seine üble Laune stieg in dem Maasse, als ihm jenes Ziel entrückt ward, und schnell benutzte die scharfe Beobachterin die schwache Seite des Priesters, um strengere Einschränkungen über sie zu verfügen. Sie schritt so, wenig Widerstand mehr findend, in ihren tyrannischen Anforderungen fort, bis sie jede kleine Gemächlichkeit, jede Beschäftigung des Geistes, jede Erquickung des Körpers ihr entzogen sah, und suchte die Demütigung des Geistes, die Trostlosigkeit des Herzens durch die härtesten Worte und Reden zu vollenden.

Maria setzte Anfangs diesen Dingen den jugendlichen Mut, den Stolz ihres edlen Blutes entgegen und fügte sich auf eine Weise, die ihre Beobachterin unsicher machte, ob sie es vermocht hätte, sie zu demütigen. Als aber ihr Geist in seiner Tätigkeit unterdrückt war, als die Entbehrung der freien natur ihre Gesundheit untergrub, zeigten sich in ihrem Aeusseren jene Spuren, die wir bereits andeuteten, und ihre Feindin sah den Erfolg ihrer Bestrebungen und fuhr fort, sie danach zu behandeln.

Maria bewohnte längst nicht mehr die reich ausgestatteten Zimmer, die Pater Clemens im gutmütigen Eifer für sie eingerichtet hatte. In einem überhängenden Turm des ältesten Teiles des Schlosses, nach dem Meere hinaus, war ein ödes, leeres Zimmer ihr angewiesen, worin sie nichts als ihr Lager, ein Betpult und einen Schrank fand, ihr Nonnenkleid und das wenige ihr gelassene Gepäck zu verwahren.

Kein Buch, kein Schreibgerät ward ihr gestattet. Schon am frühen Morgen ward sie von ihrem harten Lager durch die Glocken aufgeschreckt, die im inneren des Schlosses, fast neben ihrem Zimmer hingen und so mächtig zur Frühmesse riefen, dass der Turm zu schwanken schien, der keine andere Basis hatte, als einen kleinen Pilaster, der ihn an eine niedere Fensterfronte anlehnte.

Sie stieg dann, dem Sinne verwirrenden Geräusch entfliehend, und von bösen Worten über Ketzerei und Lauigkeit der Andacht empfangen, in die Gruft, welche die Kirche der Fanatiker war, mit allem Glanze des katolischen Kultus ausgeschmückt und auf den ermüdeten Geist Marias oft wohltätig wirkend, da ihr Herz doch auch hier in seiner Sprache zum Himmel sich erheben konnte und die Schönheit des Raumes, mit dem übrigen dürren Geistes-Leben kontrastirend, den Misslaut beschwichtigte, in dem ihr Herz den Tag über zitterte.

Seufzend stieg sie dann ans Licht zurück, denn sie konnte von da an sich nicht mehr von ihren Umgebungen trennen, und musste mit ihnen widrige Handarbeiten treiben und ihr noch widrigeres Geschwätz anhören.

Bei Tafel sass sie an einem gesonderten Tische, um die ehrwürdigen Frauen nicht zur Zeit ihrer Erholung zu stören durch ihre unheilige Nähe. Hier war es, wo Lady Sommerset mit allen Stachelreden der Verachtung und des Hasses ihre geringe Kost zu vergiften suchte, und wenn die Tränen des Schmerzes die holden Wangen der