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führen. Hier melde dich beim Torwart und bitte ihn, dass er Dich zu Lord Richmond führt; will man nicht, so dringe so lange, bis man nachgiebt; ist er nicht anwesend, so harre am Tore, bis er erscheint.

Sodann verlange, dass er Dich allein spricht, und geschieht dies, wie ich nicht zweifle, denn es ist ein herablassender Herr, so sage ihm, die Reise, die er morgen antreten wolle, führe zu nichts, mit Dir müsse er gehen, wolle er erreichen, was er vorhabe. –

Aber was will er denn erreichen? unterbrach Lanci den oheim.

Schweig, fuhr der Alte fort, Du musst ohne Unterbrechung hören. Er will eben die Lady im schloss Howard befreien, und will durch die Welt, und weiss nicht wohin und wo sie zu finden ist.

O, lachte Lanci freudig, dazu bin ich gut, oheim! Da soll er nur mit mir kommen.

Siehst Du es ein, wozu ich Dich bestimme? fragte der Alte milder. Ja, so ist's. Fragt er Dich nun, so vertraue ihm, wo sie ist, aber was er auch anstellen mag, von wo Du kommst, sage ihm nicht, nie komme mein Name über Deine Lippen, nie verrate ein Wort Dein verhältnis zu mir; aber alles Andere wende an, um den Lord von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was du sprichst; Alles tue, damit er Dir schnell und unbedingt vertraue, und seine Abreise aufs Lebhafteste beschleunige. Sage ihm, der unbekannte Freund, der Dich sende, lasse ihm die höchste Vorsicht, die grösste Eile empfehlen; nur durch List würde er das fräulein retten. Offene Gewalt würde sie sogleich aus dem schloss, selbst aus ihrem vaterland führen. Meinem Bruder Miklas wirst Du einen Brief überbringen, den ich sogleich schreiben werde, Du wirst ihn in seine hände zu spielen wissen und dann genau vollziehen, was er, dadurch veranlasst, Euch zu tun heissen wird.

Ist die Lady befreit, so sage dem Lord Richmond, es gebe nur einen Ort, wo sie sicher sei, dies sei in dem schloss seiner Mutter, doch selbst da nur, wenn über ihren Aufentalt das tiefste geheimnis beobachtet werde, da sie von vielen Seiten bedroht sei und jede Kunde von ihrem Aufentalte ihre nachdrücklichste Verfolgung herbeiführen könnte.

Jetzt überlege das Gehörte, wiederhole es mir dann, bevor Du fortgehst, noch ein Mal, und dann gieb mein Schreibzeug und ein Blatt her, worauf ich an Miklas schreiben will. – Der lang erwartete Augenblick war gekommen, der 8te April des Jahres 1625 hüllte England in Trauer. König Jakob war dem Fieber unterlegen, das er so richtig selbst als den Verkünder seines nahen Endes erkannt hatte. Der Tod versöhnte auch dies Mal alle Herzen mit dem Hingeschiedenen, an den sich zahllose Vorwürfe und Klagen hefteten, als der Hauch des Lebens noch in ihm zitterte. Milde und Güte schien jedes Wort auszusprechen, und es bestätigte sich abermals, dass der Tod allein die Härte und den Unfrieden der Menschen versöhnt, dass nur, was den Kreisen des Lebens entrückt wird, aus dem Bereich ihrer Anfeindung tritt.

Schnell kehrten sich Aller Augen auf das neue Gestirn, das seine Laufbahn beginnen sollte, und es fehlte nicht an argwöhnischer Zergliederung, an Befürchtungen möglicher Uebel, um für das, was wirklich geschah, die Laune zu verderben.

Das schreckenvolle los, welches Carl beschieden war, hat für Mit- und Nachwelt ein weites Feld der Betrachtung eröffnet. Doch gewiss bleibt es, so fürchterliche Katastrophen in der geschichte eines volkes sind nicht von dem einen haupt verschuldet oder herbei geführt, das als Sühne des Kampfes fällt. Das langsam schleichende Uebel vieler Generationen, worin zuletzt ein Volk verwickelt wird, macht es zum erzürnten mann, der sich rächen will für ein tief empfundenes Leid und, blutend aus vielen Wunden, Linderung sucht, und den zuerst opfert, der ihm zunächst die Farben des Feindes trägt, wäre das Individuum auch der Schuld fremd geblieben.

Fremd war Carl wohl nicht der Schuld, aber jedenfalls der Schuld fremd, die eine solche Strafe verdienen konnte, und wenn wir ihn, in Widersprüche verstrickt, bald mit glühendem Eifer seine Pflichten erfüllen, und milde und voll guten Willens alle Mittel zur Beseitigung wachsender Uebel ergreifen, bald wieder düster und eigenwillig Menschen und Verhältnisse verkennen, und die keimende Empörung durch seltsame Missachtung reizen sehen, so müssen wir der Worte des alten Porters gedenken: Er wird mit der Heftigkeit eines Unglücklichen handeln, der sich zerstreuen will.

Wenn es uns gestattet wäre, die geheime geschichte der Menschen zu kennen, die auf der grossen Bühne der Welt uns ihre Rolle vorspielen, und deren Motive zu ergründen, während wir oft nur das zu erwägen vermögen, was eben wieder als geschichtliche Tatsache vor unsere Sinne tritt, wir würden erstaunen, wie tief aus dem fest verschlossenen raum des Herzens oft die Farbe gestiegen ist, die ihre Handlungen tragen! Nachdenkend halten wir ein vor dieser Betrachtung auf der glatten Bahn des Urteils. Ein schmerzliches Gefühl drängt sich uns auf, wie getrennt der Mensch vom Menschen steht, wie eher alle Güter der Erde sich mitteilen lassen, als dies geheimnissvolle Gut des inneren, wofür keine Sprache zum Verständniss gegeben scheint, wofür es vielleicht eine gibt, die aber wenig mehr als ein Traum der Jugend scheint, und deren Laute bald verklingen in der Verhärtung des Herzens und des Lebens! Diese