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er wird bald sterben. Es sind aber nicht die letzten Tage, die erst dies höhere Leben erzeugen, es sind die verhüllten schwachen Versuche der ganzen unfruchtbaren Vergangenheit, die in den letzten Tagen an dem ferner gerückten Leben keinen Widerstand mehr finden, und nun den kleinen Keim gedeihen lassen, den Gott alsobald zum Verpflanzen hinwegnimmt.

Von dieser Betrachtung aus finden wir uns vielleicht in den Zustand des Greises zurecht, dessen zukkendes Gesicht zuletzt von einer diesen Zügen sonst so fremden Rührung zeugt. Bald ist es überwunden; er schaut über den Rand des Bettes nach dem Schläfer, und endlich, nachdem er die notwendigkeit, ihn zu wecken, erkannt, streckt er die dürre Hand über das blühende Gesicht.

Tief in die Süssigkeit des Schlafes versenkt, wehrt der Jüngling die Störung ab, sich anders wendend, um im Schlummer fortzufahren, und bald auch dahin verfolgt, kehrt er aus dem Taumel seiner unschuldigen Träume zurück und strengt sich an, zu erwachen. Er richtet sich endlich empor und sieht und hört nicht viel, und muss immer wieder von der kalten, dürren Hand gereizt werden, ehe er Alles zusammen findet, was zum Erwachen nötig.

Armer Schelm, ruft der Alte ihm mitleidig zu, hast noch lange nicht ausgeschlafen, wie ich sehe, und wirst böse genug sein, dass ich Dich wecke! Setze Dich auf mein Bett und erhole Dich; sieh, da sind schöne gesottene Früchte, erquicke Dich erst, ich habe einen Auftrag für Dich.

Gern, gern, rief der wieder ermunterte Knabe freundlich! ach, sage mir doch, wie geht es Dir, oheim, bist Du gesund, hat der Brei geholfen?

Helfen tut Alles, so lange es an der Zeit ist, lächelte trübe der Alte: der Tod aber hilft sich auch, wenn er die Arbeit in Empfang nehmen will. Doch lass das, guter Lanci, und nimm Deine Sinne recht zusammen, denn Du musst zeigen, dass Du ein kluger und verschwiegener Junge bist.

Verschwiegen bin ich, rief Lanci zuversichtlich, das hat meine gute Mutter oft gerühmt, und klug könnt Ihr mich ja machen, oheim, denn Ihr habt's in Fülle, wie ich weiss.

Wir wollen sehen, mein Kind, sprach Porter, doch sag' mir ein Mal, möchtest Du wohl Margarit wiedersehen?

O oheim, sprach der Jüngling verschämt, wie kannst Du davon sprechen, Du weisst, dass ich hier bin, Dich zu pflegen; Du selbst hast es gewollt, einen von Deinen Verwandten wolltest Du um Dich haben, und ich bin gern gekommen, denn ins Schloss durft' ich mich so nicht mehr wagen, und da hab' ich Dich gern gepflegt, bleibe auch bei Dir, bis Du umherläufst, wie sonst, aber dann redest Du mit dem alten Miklas über die Margarit und mich, denn zu Weihnachten werde ich Jäger, und dann will ich sie auch.

Was ich versprochen, werde ich halten, erwiderte der oheim, sei aber versichert, dass Alles davon abhängt, wie Du Dich jetzt zeigst. Das beste los harrt Dein, wenn Du treu und klug meine Befehle erfüllest, und das Gegenteil kann Dein unabwendbares Schicksal sein, zeigst Du Dich hier nicht, wie es nötig ist.

Ach oheim, Ihr macht mich ängstlich. Wie soll ich so grosse Gefahr bestehen? Werde ich das können? Die arme Margarit, was soll aus ihr werden, wenn ich sie nicht befreie?

Befreie? wiederholte der Alte streng; weisst Du denn, ob sie jetzt Dir folgen würde, da die junge Lady, von der Du mir sagst, ihr Herz ganz besitzt und sie nicht von ihr will.

Ach, ich kann's nicht glauben, rief Lanci betrübt. Gesagt hat sie es freilich, und die arme schöne Dame, sie müsste sich auch tot weinen, wenn Margarit nicht um sie wäre, die sie immer tröstet.

Das glaube ich auch, Lanci, sagte Porter, darauf eingehend, und darum sollst Du die junge Dame retten helfen, dann hast Du Margarit obenein und keine Not weiter.

Jesus, Maria, Joseph! rief der Jüngling und machte einen Freudensprung durch die stube. Rede, oheim, sage, was ich tun muss, alles und klug dazu; verschwiegen obenein will ich sein; Du sollst Dich sehr freuen über mich; aber nun sage auch, damit ich darnach tun kann.

Porter blickte den Aufgeregten nachdenklich an und schien noch einmal den Entschluss zu prüfen, der ihm darum so bedenklich däuchte, weil er dies junge Wesen, halb Kind, halb Jüngling, darein verwickeln musste; und doch blieb ihm keine Wahl. Ihm, der zu jeder Intrigue sonst mehr als eine Hand bereit hatte, ihm fehlte es zum ersten Male an einer solchen, da seine Handlungen abweichen sollten von dem bisher befolgten Systeme; ihm kostete auch dies noch einen Seufzer, dann zog er den Jüngling näher. Es musste, was geschehen sollte, schnell geschehen.

Du musst noch heute abreisen, doch ganz im Geheim. Wenn die Dunkelheit einbricht, so nimm Deinen Mantel und schleiche Dich aus dem schloss. Nimm die westliche Seite des Schlosses wahr und gehe durch den breiten Weg um Buckinghams-Lodge herum; einen weiten, unangebauten Platz musst Du in nördlicher Richtung durchschneiden, dann kommst Du auf den Weg, der Dir bald die grossen, weitläuftigen Gebäude zeigen wird, die Dich zu dem schloss des Herzogs von Nottingham