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um die Wiederherstellung eines Verhältnisses hätte bemühen können, welches oft schon seiner überzeugung Fesseln angelegt hatte, und das ihm jetzt doppelt drückend werden musste, nachdem er einen so tiefen blick in das kleinliche Gemüt seines Oheims getan. Beide jedoch waren zu klug, die Welt zu Zeugen dieser inneren Trennung zu machen. Der Graf von Salisbury hatte zu oft Lord Archimbald seinen besten Schüler genannt, um ihn jetzt nicht auf der öffentlichen Höhe zu halten, die ihm unter diesem Prädikat zukam; doch entfernte er ihn bald aus seiner Nähe, obwohl auf einen Platz hin, den er mit einem bedeutenden kopf ausfüllen musste. So begab sich denn der Graf zu Heinrich dem Vierten nach Paris. Es begleitete ihn dahin trotz seiner zarten Jugend sein zärtlich von ihm geliebter Neffe, Richmond von Derbery. Es war für den, der diese beiden Personen beobachten konnte, etwas höchst Anziehendes zu gewahren, wie Graf Archimbald an seinem Neffen mit einer Liebe hing, die er fast gegen alle Andere, besonders seit dem tod seines Freundes, des Prinzen von Wales, und seines geliebten Vaters, zu verringern schien, und dies, wie es sich oft verriet, um solcher Eigenschaften willen, worauf einen entschiedenen Wert zu legen, man von dem Grafen am wenigsten erwarten konnte: nämlich wegen einer hervorleuchtenden Fülle des Gemüts und einer Zarteit der Empfindungen, welche die Brust einer Frau in nicht höherem Maasse hätten zieren können. Das ganze Wesen Richmonds war geleitet von einer feinen Schonung gegen Andere. Er erriet mit der schärfsten Empfindung eben so leicht das Wohltuende, als das Verletzende, und wusste, wo es seine Stellung irgend zuliess, das Eine, wie das Andere sanft zu vermitteln, woraus eine Sicherheit in seiner Nähe entstand, welche das Vorrecht einer schönen und edlen Individualität ist, und selbst über die roheren Seelen eine stille Gewalt übt, von der sie sich oft keine Rechenschaft zu geben wissen, und die sie unbewusst, sich selbst zu mässigen, zwingt. Man musste sich gestehen, dass diese Tugenden nicht unter die ausgezeichnetsten seines Oheims gehörten. Dieser verdeckte eine gewisse Schärfe und Kälte des Karakters durch die ausserordentliche Selbstbeherrschung und Politur, die das Leben in den verschiedensten Lagen und unter stets grossen und repräsentirenden Verhältnissen ihm gegeben hatte, aber sie liess sich nie so ganz unterdrücken, um nicht da hervorzutreten, wo es an einem Interesse, sie zu verbergen, fehlte. Es gab Personen von feinem Takte, die sich selbst durch die freundlichste Annäherung in Ton, Wort und Miene nicht von einer kleinen Erkältung erholen konnten, die sie verletzte. Indem dies eine Art Schüchternheit erregte, unterstützte es zugleich das Ansehn, das ihm überall zu teil ward, und welches um den Preis der eigentlichen HerzensAffectionen gewonnen zu haben, ihn vielleicht nicht sonderlich betrübte. Dessenungeachtet mussten auch ihm die Augenblicke nicht ausgeblieben sein, von denen man sagt, dass sie Jeden erwarten; die Augenblicke, in denen die Leerheit des inneren von den Aussendingen nicht zu füllen ist und das ganze Gebäude stolzer Grösse nicht gegen die Anforderungen ausreicht, die das Herz mahnend wiederholt, wie wenig es auch scheinbar dazu berechtigt ward. In solchen Augenblicken hatte er den Sohn des Bruders erfasst, in dessen Eigentümlichkeit er sich ergänzt fühlte. Er war ihm überall gefolgt und von dem Vater mit Freude, von der Mutter nur mit grosser Ueberwindung ihm überlassen worden, denn sie hing mit einer ganz besonderen Innigkeit an diesem kind, und wenn sie auch in ihrer äusseren Haltung kaum je den Grad ihrer Empfindungen wahrnehmen liess, war sie innerlich klar genug, das erhöhte Gefühl zu erkennen, das von früh an ihren Liebling begleitet hatte. Später söhnte sie sich mehr mit dem Gedanken aus, ihn unter fremder herrschaft erblühen zu sehen, denn sie musste sich sagen, dass kein Wesen geeigneter war, die geistigen Vorzüge eines Jünglings zu entwickeln, als Graf Archimbald, und dass gerade das Hervorheben dieser geistigen entwicklung ein wohltätiges Gleichgewicht hervorgerufen hatte gegen die zärtliche Weichheit seines Herzens. Graf Archimbald versäumte dagegen nie, das Opfer der Mutter wohl erkennend, eine gelegenheit, den Sohn ihr zuzuführen, und die Herzogin war endlich auch nicht gleichgültig gegen die Aussicht, ihren Sohn in die Rechte des Grafen Archimbald treten zu sehen, da, wenn es auch unentschieden blieb, ob der Oheim aus Liebe zum Neffen der Ehe entsage oder die Entsagung der Ehe ihn zum Neffen geführt, doch die Hauptsache entschieden schien, dass der Graf sich nicht vermählen und Richmond sein Erbe sein werde. Nach mehrjährigem Aufentalt am Versailler hof wünschte der Graf auf einige Zeit in den Kreis seiner Familie zurück zu kehren, da seit dem tod Heinrichs des Vierten er nur noch schwach sich an den Hof gebunden fühlte, und zugleich seine durch Elisabet ihm wieder verliehenen Besitzungen zu besuchen wünschte. Die meiste Zeit brachte Richmond indessen bei seinen Eltern zu. Es war eine Zeit stiller Seligkeit für die Herzogin; denn ihr Liebling trat ihr vollständig gereift entgegen, und sie hatte Zeit, in ihm so seltene Eigenschaften vereinigt zu gewahren, dass ihr Mutterherz im fröhlichsten Stolze aufschwoll. Die Brüder waren ungemein verschieden, sowohl an person, als an Eigenschaften; aber war man nur nicht so ungerecht, den Grafen Robert mit Richmond vergleichen zu wollen, so blieb jener doch eine liebenswürdige Erscheinung, mit seiner schönen Gestalt und dem heitern blonden Angesicht. Richmond dagegen hatte die regelmässige Schönheit seiner Mutter. Er war so gross, wie sein Bruder, seine Gestalt war vollkommen durch die reinste Uebereinstimmung der Verhältnisse und eine daraus entspringende ungemeine