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Familieninteresses entreissenoder es muss eine bestimmte, im Leben eines Volkes bedeutsame, geschichtliche Zeit sein, in die der Dichter uns versetzt, und die er am Familienleben reflektirt zu unserer Anschauung bringt. Eben dieser letztere Gedanke liegt nun auch den Scottischen Romanen zu grund, konnte in ihnen aber freilich nicht genügend zur Ausführung kommen, weil Scott die Familie durch die allgemeinen Interessen völlig bewältigt, weil er uns nicht die geschichte durch die Familie hindurch, sondern umgekehrt die Familie nur in der geschichte, sei es nun als tätiges Organ derselben, oder als leidenden Spielball der Ereignisse erblicken lässt. Es liegt zwar auch in dieser Fassung eine Wahrheit, eine solche jedoch, zu der wir des Dichters nicht bedürfen, die uns die geschichte selbst auf allen ihren Blättern lehrt. Jene unvergängliche Seite der Familie dagegen, welche alle geschichtlichen Kämpfe und Wirren überdauert, jene in allem Wechsel des mannigfach bewegten öffentlichen Lebens sich unveränderlich erhaltende stille Macht der Liebe, Treue, Innigkeit und heiligen Vertrauens ist es, welche schon an sich gediegene Poesie, auch für die dichterische Behandlung ein unerschöpflicher Stoff ist. Wie trefflich nun dieser Stoff, wenn ein Meister ihn behandelt, sich gestalten lässt, zeigt das Werk, auf welches aufmerksam zu machen, der Zweck dieser Zeilen ist.

Wir werden durch Godwie-Castle mit einer englischen Familie bekannt, deren hoher Rang sie von alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrschern des Landes gebracht, und zur Teilnahme an der Leitung des staates berufen hat, so dass die Schicksale des Hauses vielfach durch den gang der öffentlichen Angelegenheiten, und durch innigere, persönliche Verhältnisse zur Königsfamilie bestimmt werden. Die Personen, die wir kennen lernen, haben an dem hof der Königin Elisabet und ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen, und die vertraute Freundschaft zwischen dem haupt der Familie und dem Prinzen von Wales führt Verwickelungen herbei, welche auf das sonst ungetrübte Familienglück einen düstern Schatten werfen, der sich erst spät zerstreut. über die begebenheiten selbst entalten wir uns jedes Berichts, und bemerken von ihnen nur, dass sie ganz geeignet sind, die Teilnahme der Leser in hohem Grade in Anspruch zu nehmen. Desto angelegentlicher möchten wir die poetische Trefflichkeit des Werkes hervorheben. In der Tat sind darin alle oben an Scott gerügten Fehler auf das glücklichste vermieden. Viele höchst interessante historische Momente treten uns zwar darin entgegen: das letzte Lebensjahr Jakobs des ersten, der sinnlose Uebermut seines Günstlings Buckingham, die Verhandlungen wegen der Vermählung des unglücklichen Prinzen Karl, Burleigh's und Bristol's gewandte, aber in aller Staatsklugheit den Adel der Gesinnung bewahrende Politik in ungleichem Kampfe mit Richelieu's schleichenden auf Hofintriguen, Weibergunst und Jesuitismus sich stützenden Machinationenalles dieses und dem ähnliches führt der Verfasser mit dramatischer Anschaulichkeit unsern Blicken vorüber. Dennoch hält er es mit grosser Besonnenheit so sehr als möglich im Hintergrunde, und lässt es nur so weit hervortreten, als es unmittelbar auf die Nottingham'sche Familie einwirkt, für welche er unser Interesse ungeteilt in Anspruch nimmt und erhält. In das Stammschloss derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der Erzählung, und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte, den grossen Sinn seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswürdigem Talent, so ungetrübt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie, in welche bei solchem Anlass Scott so leicht verfällt, dass wir darin völlig heimisch werden. Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin! Die alte Herzogin, eine wahrhaft verklärte, von keinem Erdenschmerze mehr berührbare Gestalt, auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines schönen Bewusstseins heiter zurückblickend, und jetzt nur noch in der Liebe zu den Ihrigen lebend. Ihr zur Seite die jüngere Herzogin, ein tief leidenschaftliches, von einem grossen Schmerz umnachtetes Gemüt, dessen Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebändiget, nur um so rührender die Fülle von Liebe, die es einschliesst, und um so schöner die Stärke einer edlen Gesinnung offenbart. Wir müssen es uns versagen, diese andeutende Karakteristik fortzusetzen. Gleich den genannten Personen sind auch die übrigen, bis zur jüngsten Enkelin, welche in ihrer Kinderunschuld das anmutigste Gegenstück zu der herrlichen Grossmutter bildet, scharf individualisirt; wie verschieden aber auch in charakter und Lebensrichtung, sind sie doch durch gegenseitige Liebe und Anerkennung, durch das Alle erfüllende Bewusstsein der Familienehre und einen für Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schönsten Einheit und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden, in welches hineinzublicken Genuss und Erhebung zugleich ist. Die schönste Zeichnung freilich ist die junge Fremde, an deren erscheinen in Godwie-Castle sich viel Lust und Leid knüpft. Der Verfasser hat die Fülle von Liebreiz, die er über diese Gestalt ausgegossen, zugleich so durchsichtig für die ihr einwohnende hohe Seelenschönheit zu halten gewusst, dass die herzgewinnende Macht, die sie über ihre Umgebung ausübt, gewiss auch jeder Leser erfahren wird. Das liebe Mädchen muss viel leiden, so viel, dass wir mit dem Verfasser darüber rechten könnten, warum er sie über manche Widerwärtigkeit nicht sanfter hinweggeführt hat, wenn wir nicht wüssten, einmal dass im Romane der Zufall sein Recht unbeschränkt behaupten müsse, und zweitens vornehmlich, dass gerade in jenen Schmerzen die grössere Liebe des Dichters zu seinem geschöpf sich kundgiebt, welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung verdanken. Seltsam genug, dass im Reiche der Poesie der Satz gilt: was der Dichter liebt, lässt er leiden. Dies zu belegen, braucht man nicht gerade an Heinrich Kleist zu erinnern, der seine Lieblinge förmlich quälen kann, selbst Göte darf dafür angeführt werden; denn ruht nicht z.