1836_Paalzow_083_196.txt

Gefahr zu sein.

Ich ehre Euer feines Gefühl für die heilige Atmosphäre der Sittlichkeit, worin Ihr die weibliche Ehre einhüllet, und teile diese Ansicht ganz, erwiderte Brixton; aber Lady Maria ist die schönste Mischung kindlicher Unschuld und eines starken Bewusstseins von Recht und Unrecht; sie hat für ihre Jugend eine Selbstständigkeit des Karakters, die man nur begreift, wenn man ihre Erzieher und den Zweck ihrer Erziehung kennt. Es ist wahr, Mylord, sie gehört nicht zu den schönen bewusstlosen Seelen ihres Geschlechtes, die aus dem Bereiche einer rein gebliebenen Empfindung alles unwillkürlich entfernt halten, was sie verletzen könnte, instinktartig sich bewahren und eine schöne ehrenwerte Erscheinung bleiben. Lady Maria ist mit Absicht geweckt und zum Bewusstsein geführt worden. Was wahrhaft rein und vor Gott beständig ist, hat sie scheiden lernen von dem leeren, inhaltlosen Formenwesen, wohinter verkrüppelte Seelen sich mit allen Ansprüchen auf achtung zu flüchten vermögen, und wobei das reinere und höhere Gefühl des Menschen oft mit erdrückter überzeugung dem Banne der tyrannischen Gewalt unterliegt. Sie steht mit dem Maasse ihrer Hingebung oder Versagung stets vor dem Trone einer grossen idee, die, rein entwikkelt, stets unerreichbar, sie demütig erhält vor Gott, kalt und völlig abweisend gegen die von anderswo kommenden Weisungen der Menschen. Sie ist dadurch gerade wärmer und nachgiebiger gegen den grossen Verband, den die natur unter den Menschen knüpfte, sie ist voll Ehrfurcht gegen die geselligen Pflichten, die ergänzend eintreten, wo dieser nicht stattfindet. Aber sie ist dies Alles mit einer Feinheit und einem Bewusstsein, was eben notwendig sie rücksichtslos erscheinen lässt nach gewöhnlichen Voraussetzungen.

Richmonds Augen ruhten während dieser Worte am Boden; er gedachte des Ideals seiner Brust, er wollte prüfen, ob es sich mit den Worten des Geistlichen vertrug; er konnte nicht damit fertig werden; unsicher wogten die Bilder durch einander, und endlich fühlte er, dass sein Nachdenken schon zu lange gewährt. Mit einer desto bereitwilligeren Miene eilte er, das Schweigen zu unterbrechen.

Es steht mir in keinem Falle zu, Sir, sprach er rasch, an Worten Zweifel zu hegen, die durch die Erscheinung des Fräuleins selbst bestätigt sind, und jedes Misstrauen, das ein so ausserordentliches Schicksal an dem charakter der person selbst mit sich führt, würde um so unedler sein, fest zu halten, als es ohne Zweifel die schmerzlichste Zugabe desselben ist. Noch ein Mal nehmet die Versicherung, dass ich zu jeder Mitwirkung bereit bin und in einigen Tagen hoffen darf, mit meinen Angelegenheiten weit genug gediehen zu sein, um dann die Spur der Lady verfolgen zu können. Erhaltet Euch der Sache, Sir, der Ihr so nützlich werden könnt; es ist mit Euerm erscheinen ein Hinderniss gehoben, dessen Bedenklichkeit ich stets empfand. Euch wird die Lady vertrauen und Euch zu folgen einwilligen, wenn wir so glücklich sind, sie aufzufinden; was wir jetzt kaum hoffen durften, nachdem es uns schon ein Mal verweigert wurde, wo die eigene überzeugung von Membrockes bösem Willen vielleicht noch nicht eingetreten war. –

Seid daher vorsichtig und verlasst den Schutz dieses Hauses nicht, bis zu unserer Abreise. kennen wir die Absichten des unbekannten Warners nicht, hat er sich doch darin nicht geirrt, Euch hier gesichert zu halten. –

Lord Richmond gab nun selbst Befehl, einige Zimmer, die an die seinigen grenzten, für einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und liess dessen Reisegepäck von einem verschwiegenen Domestiken, der die Livree ablegte, aus der Herberge herbeischaffen, ohne zu erlauben, dass er die Mauern des Schlosses wieder verlasse.

Der andere Tag ward dazu verwendet, mit dem jungen Herzoge die nötigen Verabredungen zu treffen und Brixton mit denselben bekannt zu machen; zu welcher Beratung sich auch Lord Ormond einfand. Ausser Zweifel waren die Empfindungen der hier zusammentreffenden Männer ganz geeignet, Brixton die Hoffnung eines kräftigen Beistandes zu verheissen, und er beschloss innerlich, mit denselben erst Alles zu versuchen, um seine junge Freundin ihren falschen Beschützern zu entführen, da er sich in jedem anderweitigen Schritte, der ihm Aussicht auf hülfe verlieh, mannigfach gehindert sah, und er die Warnung, für seine Freiheit zu sorgen, nicht unbegründet finden mochte.

Der Widerstand, den er erfahren, schien ihm von einer gemachten Entdeckung über das fräulein herzurühren, und er konnte ihr Verschwinden mit seiner eigenen Verfolgung in Zusammenhang bringen, obwol es ihm höchst unwahrscheinlich blieb, dass dies von der Seite des Herzogs von Buckingham herkommen sollte, den er unmöglich mitwissend und doch verfolgend denken konnte.

Einen Schritt bei Letzterem zu tun, schien ihm bei der Veränderung der Dinge, die über Alles so viel Dunkelheit gebracht, ein zu gewagtes Unternehmen, da seine Aufmerksamkeit zu erregen, schon Gefahr brachte, ein ihm bisher heilig gehaltenes geheimnis bloszustellen. Er beschloss demnach, zuerst ihre Befreiung als das Nötigste anzusehen und der Zeit alle fernere entwicklung anheim zu stellen.

In der grössten Zurückgezogenheit wartete er daher die Zeit ab, die seinem jungen Beschützer erlauben würde, sich ganz der Sache seines Schützling zu widmen, die aber für den Augenblick noch in Anspruch genommen war von den uns bereits bekannten Vorgängen in der Familie Nottingham.

An dem Hochzeittage seines Bruders begleitete Richmond seinen Grossvater, den ehrwürdigen Lord Bristol, trotz des prinzlichen Gefolges, bis an die Grenzsteine der väterlichen Besitzungen, und eilte dann mit dem glühendsten Eifer zurück, um sich zu Brixtons Bestimmung zu stellen.

Sein erster Schritt war jetzt, Lord Membrocke aufzusuchen, da nur noch wenige Stunden bis zu dessen Abreise blieben, indem dem